FC Barcelona: In jeder Situation meisterlich

Im Winter drohte der FC Barcelona am Zoff zwischen Star und Trainer zu zerbrechen. Doch aus Streit wurde Spielfreude und nun feiert Barça seinen siebten Meistertitel in elf Jahren.

Ein spanischer Meister aus Möhlin: Ivan Rakitic (hinten Mitte) feiert inmitten seiner Teamkollegen seinen ersten Titel mit Barcelona. (Bild: Reuters/Juan Medina)

Im Winter drohte der FC Barcelona am Zoff zwischen Star und Trainer zu zerbrechen. Doch aus Streit wurde Spielfreude und nun feiert Barça seinen siebten Meistertitel in elf Jahren.

Mitte der zweiten Halbzeit wurde es konspirativ im Estadio Vicente Calderón. Luis Enrique hauchte Lionel Messi etwas ins Ohr. Messi grinste. Die ganze Szene war in etwa so vorhersehbar wie ein Flirt zwischen Wolfgang Schäuble und einer Onassis-Erbin. Weshalb sie kein Dramaturg besser hätte platzieren können als in jenem Moment am Sonntagabend: als der FC Barcelona des Trainers Luis Enrique durch ein wundervolles Tor von Messi die spanische Meisterschaft besiegelte. 

Die Spannungen zwischen Coach und Superstar sind schliesslich so etwas wie der Gründungsmythos dieses Barça-Teams, das bis Weihnachten nicht wirklich den Eindruck eines kommenden Champions machte. Und dann «brannten Leo ein bisschen die Kabel durch», wie Teamkollege Jérémy Mathieu in erfrischender Offenheit einen Vorgang beschrieb, den alle Beteiligten zuvor energisch geleugnet hatten: Star und Trainer rasselten auf dem Trainingsplatz aneinander.

Katharsis statt Katastrophe

Im ersten Spiel des neuen Jahres sass Messi nur auf der Bank, tags darauf schwänzte er ein öffentliches Training, alles schien auf eine Katastrophe zuzusteuern, ehe sich nach gutem Zureden von Präsident und Teamveteranen alle angestauten Aggressionen eine Woche später in einer Katharsis entluden: 3:1 gegen Atlético Madrid. Wer an jenem Abend im Camp Nou war, fühlte eine Energie wie seit Jahren nicht mehr. Der Eindruck hat sich bestätigt.

Eine Halbserie später trat beim selben Gegner eine Mannschaft auf, die in jedem Moment wusste, was sie tat. Nachdem sie unter der Woche bei Bayern München dank ihrer Konterstärke reüssiert hatte, machte sie beim defensivstarken Tabellendritten geduldig das Spiel, bis Messi in der 65. Minute auf engstem Raum einen Doppelpass mit Pedro erfand, den Ball noch mal mit der Sohle streichelte und ihn durch die Beine eines Verteidigers im langen Eck platzierte. Danach musste Barça beim heimstarken Titelverteidiger nicht mehr sonderlich leiden, um einen Spieltag vor Schluss den Vierpunkte-Vorsprung auf Real Madrid zu bewahren und sich damit uneinholbar zu machen.

Bringen Athletic Bilbao und Juventus Turin in den anstehenden Finals um Copa del Rey (29. Mai) und Champions League (6. Juni) nicht substanziell mehr Gegenwehr auf den Platz, wartet das zweite Tripel der Vereinsgeschichte nach 2009.

«Dabei wurden wir schon totgesagt», kommentierte Linksverteidiger Jordi Alba, während die Siegesfeier in den ungewohnten neongelben Auswärtstrikots begann. Gegen Atlético hatte Barcelona vorige Saison von sechs Spielen keines gewonnen und auf den Tag genau ein Jahr vorher im direkten Duell zuhause den Titel verschenkt. Die Generation um Messi, Iniesta oder Piqué galt als ermattet und ausgebrannt. «Letztes Jahr waren wir nicht auf der Höhe, um Meister zu werden», gestand Sergio Busquets. Dieses Jahr nun wurde Atlético in vier Duellen viermal besiegt.

Ein epochales Angriffstrio

Wie genau die Anteile an der Renaissance zu verteilen sind, wird in Barcelona unermüdlich diskutiert. Luis Enrique, als Nachfolger des gemütlichen Tata Martino gekommen, brachte eine Kultur der Ambition zurück, die Neuzugänge Luis Suárez und Ivan Rakitic dynamisierten die erstarrte Spielweise und Messi entdeckte nach überstandenen Verletzungsproblemen und WM-Obsessionen in einer neuen, altruistischeren Rolle die alte Spielkunst wieder. Trotz weniger Fixierung auf den Abschluss schoss er 41 Tore allein in der Liga, er bildet mit dem emphatischen Mittelstürmer Suárez und dem federleichten Künstler Neymar ein epochales Angriffstrio (79 Liga-Tore) und beseitigte die letzten Zweifel daran, dass die Trainer in Barcelona zwar kommen und gehen, die Erfolge aber bleiben – solange er sein Talent nur mit Eifer paart.

Sieben der letzten elf Meisterschaften hat Barcelona jetzt gewonnen. Nie in der Vereinsgeschichte gab es einen derart langen Erfolgszyklus. Das dritte grosse Team der goldenen Dekade ist vielleicht nicht so spektakulär wie das von Trainer Rijkaard mit Ronaldinho, Eto’o und dem jungen Messi, nicht so perfekt wie das von Trainer Guardiola mit Xavi, Iniesta und dem dominanten Messi, aber es ist bestimmt das kompletteste.

Geschafft: Barcelona-Trainer Luis Enrique nach dem meisterschaftsentscheidenden Sieg am Wochenende.

Geschafft: Barcelona-Trainer Luis Enrique nach dem meisterschaftsentscheidenden Sieg am Wochenende. (Bild: Reuters/Juan Medina)

Die Mannschaft von Luis Enrique hat es geschafft, sogar traditionelle Schwächen wie Direktfussball und Standardsituationen in Stärken umzuwandeln. Sie beherrscht alle Register des Spiels und stellt sich daher vorerst als unbesiegbar heraus: Versuchen die Gegner es mit furchtlosem Pressing, werden sie ausgekontert. Massieren sie sich hinten, werden sie nach alter Schule müde gespielt. Ob Ordnung oder Anarchie – dieses Barça zeigte sich in jeder Situation meisterlich. 

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