Federer und die magische Zahl 8

Am Sonntag könnte Roger Federer seinen achten Wimbledon-Sieg feiern. Nur noch Novak Djokovic steht ihm im Weg.

Roger Federer gelingt im Moment fast alles. Diese Rückhand im Spiel gegen Andy Murray zum Beispiel. Und auch der Turniersieg?

(Bild: Keystone / Alastair Grand)

Am Sonntag könnte Roger Federer seinen achten Wimbledon-Sieg feiern. Nur noch Novak Djokovic steht ihm im Weg.

Als neuer TV-Experte der BBC lässt Andy Roddick dieser Tage die flotten Sprüche so zielsicher herauskrachen wie einst die Asse ins Feld seiner Gegner. Und so hatte der frühere Weltranglisten-Erste aus Texas auch für den magischen Centre Court-Auftritt von Roger Federer (33) am Freitagabend ein kleines Bonmot parat: «Wenn sich Björn Borg und Rod Laver in der Royal Box für dich erheben und dir begeistert zuklatschen, dann kannst du so viel nicht falsch gemacht haben», gab Roddick in der Wimbledon-Abendshow des britischen Staatssenders zu Protokoll.

Ein paar Minuten später war dann auch noch Borg leibhaftig zur Stelle, der Sieger der Jahre 1976 bis 1980 im All England Club, und verfügte dieses Dekret über Federers Gala beim triumphalen Sieg über Andy Murray: «Das war der beste Federer, den ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe.»

Nun konnte dem zu recht hochgelobten Federer im Finale (Sonntag, ab 15 Uhr) nur noch der nominell Beste der Branche den Schlag in die Unsterblichkeit verderben, der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic. «Das heute, das war definitiv eins der besten Spiele meiner Karriere», sagte Federer hinterher, «aber gegen Novak muss ich mindestens noch einmal dieses Niveau auf den Platz bringen.»

Der achte Wimbledon-Sieg, er wäre für Federer nicht nur eine neue, einsame Rekordmarke, eine besondere Krönung in den späten Tennisjahren als vierfacher Familienvater. Es wäre auch ein schicksal- und zauberhafter Augenblick, da er «seit jeher» die Zahl acht liebt: 18 Grand Slam-Erfolge, acht im All England könnte er im Idealfall am Sonntag vorweisen, jener am 8.8.81 geborene Federer.

«Schier unbezwingbar»

Zwölf Jahre nach seinem ersten Pokalcoup im grünen Tennisparadies an der Church Road weckte Federer jedenfalls noch einmal in allem künstlerischen Überfluss Erinnerungen an jene Zeit, in der er wie ein Alleinherrscher im Tenniszirkus regiert und auch in Wimbledon eisern seine Macht ausgeübt hatte. «Unwiderstehlich, schier unbezwingbar» kam dem «Independent» der Schweizer Maestro vor, dessen perfekte Kombination aus anmutiger Eleganz und dynamischer Angriffswucht die Fans verzückte, selbst jene, die eigentlich Parteigänger des Lokalmatadors Murray waren. Die Leichtigkeit, mit der er die Schwere der Prüfung meisterte, war nicht minder beeindruckend: «Ich kenne keinen Sportler, nicht jetzt, nicht früher, der in der höchsten Anspannung so lässig und cool aussieht wie Roger. Er ist ein Phänomen», sagte Ex-Superstar John McEnroe.
 
Oft genug wurden in den letzten Jahren schon Nachrufe auf Federer verfasst, oft wurde ihm drängelnd der Rücktritt nahegelegt, ehe er seinen (noch) glänzenden Ruf beschädige. Doch den erfolgreichsten Grand Slam-Akteur aller Zeiten abzuschreiben, lohnte sich noch nie. Vor allem nicht, weil Federer sich immer wieder neu erfand im Profigeschäft, weil er sein Spiel an frische Herausforderungen anpasste und ummodellierte.

Noch nicht abgeschrieben

Gemeinsam mit Coach Severin Lüthi und Berater Stefan Edberg verlieh der alte Meister gerade dem eigenen Wimbledon-Auftritt einen wieder mutigeren, offensiveren, forscheren Charakter – weg vom lähmenden Abtausch mit den Gegnern an der Grundlinie. Federers frischer Sturm und Drang liess Murray am Freitag regelrecht untergehen.

«Es ist eine klare Ansage an jeden Gegner: Ich komme wieder und wieder nach vorn. Ich forciere den Ballwechsel», sagte Federer, der dem Geschehen auch mit seinen variantenreichen Aufschlägen die Regie aufdiktierte. Mit dem Federer des Jahres sei irgendwie auch das «schöne Spiel» zurückgekehrt, meinte Schwedens früherer Könner Mats Wilander: «Es war wie eine Symphonie.» In «schwereloser Artistik» sah die Times» den 34-jährigen wirken, bei einer «wahren Offenbarung auf dem Centre Court.»

Djokovic ist gerüstet

Boris Becker jedenfalls, der sich nach erledigtem Djokovic-Job dann für das zweite Halbfinale fein gemacht hatte und in Anzug und Schlips auf der Tribüne sass, musste als Beobachter doch etwas ins Grübeln gekommen sein – darüber, wie Djokovic, sein Schützling, diesem Federer beikommen könnte.

Djokovic, der Titelverteidiger und letztjährige Finalbezwinger Federers, hat ja noch nicht restlos überzeugt im laufenden Wettbewerb, auch nicht gegen den Franzosen Gasquet am Freitag. Oft wirkte der 28-jährige Serbe unzufrieden, fluchte und schimpfte vor sich hin. Aber wie alle ganz Grossen des Tennis kann er seinen Leistungslevel anheben, wenn es wirklich ums Ganze geht.

«Ich werde gerüstet sein für das Finale, keine Sorge», sagte Djokovic, «ich will den Weg jetzt auch zu Ende gehen.» Wie auch Becker vor 30 Jahren, zum ersten Mal seinerzeit, am 7.7.1985. Es könne sein, so Djokovic, «dass es eines der schwersten, aber auch prägendsten Spiele in meinem Leben wird.»

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