Formvollendeter Rauswurf

Von Anfang an stand Roger Federer mit dem Rücken zur Wand – und machte nie den Anschein, als ob er die Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga abwenden könnte. Das 5:7, 3:6, 3:6 im Viertelfinal von Roland Garros war ein trister Auftritt des Meisters am ersten strahlend schönen Frühlingstag in Paris.

epa03731001 Roger Federer of Switzerland reacts after losing his quarter final match against Jo-Wilfried Tsonga of France at the French Open tennis tournament at Roland Garros in Paris, France, 04 June 2013. EPA/YOAN VALAT (Bild: Keystone/YOAN VALAT)

Von Anfang an stand Roger Federer mit dem Rücken zur Wand – und machte nie den Anschein, als ob er die Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga abwenden könnte. Das 5:7, 3:6, 3:6 im Viertelfinal von Roland Garros war ein trister Auftritt des Meisters am ersten strahlend schönen Frühlingstag in Paris.

Auf der Ehrentribüne knabberte Ehefrau Mirka verzweifelt auf den Fingernägeln, faltete immer wieder die Hände wie zum Gebet. Und Mutter Lynette daneben rief pausenlos «Come on, Rog» hinunter in die Arena, auf den Roten Platz von Paris. Doch alles Hoffen und Bangen und Flehen half nichts, nicht an diesem finsteren French Open-Tag für Roger Federer. Nicht bei einer schliesslich formvollendeten Abfuhr, die der 17-malige Grand Slam-Sieger auf dem ausverkauften «Court Central» erlebte – beim 5:7, 3:6, 3:6-Viertelfinal-Knockout gegen den feurigen Franzosen Jo-Wilfried-Tsonga.

Am Mittwoch: Wawrinka gegen Nadal

Nach dem Aus für Roger Federer hält Stanislaw Wawrinka am Mittwoch die Schweizer Fahne hoch. Im Anschluss an die Begegnung Jelena Jankovic (SRB) gegen Maria Sharapova (ab 14 Uhr, SRF2 live) trifft Wawrinka in seinem Viertelfinal auf dem Centre Court auf Titelverteidiger Rafael Nadal. Parallel dazu machen Vorjahresfinalist Novak Djokovic und der grosse Rückkehrer, der 35-jähige Deutsche Tommy Haas, auf dem Court Suzanne Lenglen den vierten Halbfinalisten untereinander aus.

Terminplan und Ergebnisse von Roland Garros

Der wie berauscht ans Werk gehende Tennis-Ali versetzte dem einstigen Meister aller Klassen im Ringstaub von Roland Garros eine so klare Niederlage, dass man – etwas ungeschminkter und zugespitzter – auch von einem demütigenden Rausschmiss sprechen konnte.

Niemals besass der 31-jährige Maestro wirklich eine reelle Chance, um in die Runde der letzten Vier beim Höhepunkt der Sandplatzsaison einzuziehen – selbst Federer musste sich am Ende des Tages notgedrungen dieser Sicht der Dinge anschliessen: «Jo war in allen Bereichen besser als ich. Es war eine krachende Niederlage. Aber ich fand, dass ich trotzdem noch ganz gut gespielt habe.» Ganz gut war indes bei weitem nicht gut genug.

Tsonga: Hungrig, selbstbewusst und sicher

Vor zwei Jahren hatte Tsonga in Wimbledon das Kunststück vollbracht, als erster Spieler überhaupt einen 0:2-Satzrückstand gegen Federer wettzumachen. Doch im Hier und Jetzt, an einem endlich strahlend schönen, sonnigen Frühlingstag 2013 in Paris, war Tsonga weder zu einem magischen Comeback noch zu einer grandiosen Aufholjagd aufgerufen – ganz einfach, weil er vom 4:4 im ersten Satz bis zum verwandelten Matchball nach bloss 111 Minuten immer wie der Spieler erschien, der den Platz als Sieger verlassen würde.

Tsonga war hungriger, zupackender, selbstbewusster, sicherer. Und er hatte den Mumm, die Courage und die Körpersprache, die nötig war, um die Herausforderung gegen Federer mit Präsidkatsexamen zu bestehen. «Ich stand pausenlos mit dem Rücken zur Wand», sagte Federer hinterher in seiner Pressekonferenz und wollte am liebsten gleich seinen Frieden mit dem Scheitern machen: «Es ist jetzt 30 Minuten her, dass ich verloren habe. Aber es ist auch schon wieder Vergangenheit. Ich blicke nach vorn, zum Turnier nach Halle nächste Woche. Darauf freue ich mich.»

Federer bricht ein

Das wunderte auch nicht, denn die letzten Turnübungen im roten Sand waren so wenig erbaulich, dass es manchmal schon schmerzte, Federer dabei zuzusehen. Nur bis zu einer 4:2-Führung im ersten Akt des Dreiteilers vermittelte er den Eindruck eines Mannes, der auf der Höhe des Grand Slam-Geschehens war. Doch mit der vergebenen Chance zu einer noch klareren Führung erlebte Federers Spiel einen jähen Bruch, eine Störung auch mentaler Natur, die nicht mehr zu reparieren war. «Danach war Tsonga nicht mehr zu bremsen», erkannte Federer später, «er hat sich auch irgendwie tragen lassen von der Welle, von der Topstimmung im Stadion.»

Andererseits fiel das Tsonga auch ein gutes Stück leichter, weil Federer seltsam blass, fahrig und uninspiriert erschien – jedenfalls nicht wie einer, der eine Aufholjagd wie im Spiel zuvor gegen Simon auf den Platz zaubern könnte. Tsonga registrierte das mit einer gewissen Verblüffung und kam nach dem Match kaum aus dem Staunen heraus: «Dass ich gegen Roger in drei Sätzen gewinnen würde, habe ich nicht mal geträumt. Ich dachte, dass es eine ganz harte Sache würde.»

34 leichte Fehler

Federer tat dem Kraftpaket aber auch jeden möglichen Gefallen, mit schlecht platzierten Aufschlägen, mit serienweise leichten Fehlern, 34 insgesamt  – und, vor allem, der fehlenden Entschlusskraft in wichtigen Augenblicken. Von dem Federer, der früher wie selbstverständlich die Big Points in solchen Spielen einfuhr, war weit und breit nichts zu sehen. Symptomatisch dagegen der Moment, als der Schweizer drei Sätzbälle im ersten Durchgang bei 5:6-Rückstand hintereinander abwehrte, von 0:40 auf Einstand zurückkam, um wenig später mit einem fatalen Rahmenball den Satz doch noch zu verlieren. «Das war schon ein Schlüsselmoment», sagte Federer. Nur eben nicht zu seinen Gunsten.

Die grosse Wende, die mancher Federer-Anhänger insgeheim noch auf der Rechnung hatte, kam nie zustande. Wie auch, wo Federer überhaupt keinen Schwung entwickelte, sich selbst nie so richtig aufrüttelte, anfeuerte und innerlich motivierte. Die triste Wahrheit war: Der Weltranglisten-Dritte glaubte nicht mehr an diesen Umschwung. «Da war schon so ein Gefühl, dass es heute nichts mehr wird. Ich sah die Bälle nicht richtig, traf zu wenige gute Aufschläge.»

Und so war es dann auch final beschlossene Sache, das erst fünfte Ausscheiden vor einem Grand Slam-Halbfinale seit den French Open 2004. Ein Ende, das selten so klar und eindeutig war wie an diesem 4. Juni 2013.

Die Zusammenfassung des Spiels auf srf.ch

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