High Heels kosten Punkte

Tag der Sensationen beim Basler Schachfestival: der erneute Doppel-Erfolg von Topfavorit Naiditsch ist stark gefährdet.

Volle Konzentration im Landgasthof Riehen: Favorit Arkadij Naiditsch opferte am Samstag zu viele Bauern.

(Bild: Hartmut Metz)

Tag der Sensationen beim Basler Schachfestival: der erneute Doppel-Erfolg von Topfavorit Naiditsch ist stark gefährdet.

Das königliche Spiel ist kein Laufsteg der Eitelkeiten. Und die 134 Spieler beim Basler Schachfestival fallen in der Mehrzahl sicher nicht durch elegante Kleidung auf – dass aber High Heels Punkte kosten, ist eine eher neue Erkenntnis. Dorsa Derakhshani und ihr Bruder Borna fanden erst keine Bushaltestelle in Inzlingen – und ein Taxi konnten die Iraner auf die Schnelle mangels Sprachkenntnissen auch nicht auftreiben. So tippelte die 17-Jährige am Morgen mit ihren High Heels in Richtung «Landgasthof» in Riehen. 40 Minuten dauerte die vier Kilometer lange Tortur und endete glücklich, vorerst glücklich.

Die beiden jungen Iraner trafen am Samstag mit 29 Minuten Verspätung im Turniersaal ein. 60 Sekunden später hätten sie die zweite Runde kampflos verloren. So büsste das Duett nur ein Viertel der zwei Stunden Bedenkzeit für die ersten 40 Züge ein. Ein Manko, das Borna Derakhshani den Sieg über den Internationalen Meister Tita Stremavicius (Litauen) kostete.

Mehrfach liess das Talent Gewinnzüge aus. Noch schlimmer erging es seiner Schwester: «Ich kann nicht mehr», jammerte Dorsa Derakhshani und ging ohne Widerstand in nur 22 Zügen gegen Jean-Noel Riff unter.

Bauernopfer, die wehtun

Der Grossmeister ist nur einer von vier Spielern im Meisterturnier, die im Kampf um die 2500 Franken Preisgeld noch unbeschadet an der Spitze liegen. Seine französischen Landsleute Adrien Demuth und Bilel Bellahcene weisen ebenfalls drei Zähler auf wie Arthur Pijpers. Der Niederländer sorgte für die grösste Sensation, als er in Runde drei Arkadij Naiditsch schlug. Der Topfavorit gewann eine Figur für drei Bauern.

Der Deutsche, der neuerdings für die Öl-Multis aus Aserbaidschan ans Brett geht, verlor aber den Faden und büsste weitere Bauern ein. Für den 30-Jährigen, der Weltmeister Magnus Carlsen schon zweimal schlug, wird es nun schwer, seinen Doppel-Erfolg aus dem Vorjahr zu wiederholen.



Das Basler Schachfestival im neuen Domizil im Landgasthof Riehen.

Das Basler Schachfestival im neuen Domizil im Landgasthof Riehen. (Bild: Hartmut Metz)

Damals siegte Naiditsch erst beim Weihnachts-Open in Zürich, danach klassierte er sich auch in Basel an der Spitze. Ende 2015 gewann der Weltklasse-Grossmeister erneut in Zürich als einziger Teilnehmer mit 6:1 Punkten. Diese müsste der Neu-Aseri auch wieder holen, um am Dienstag um 17 Uhr wieder auf dem obersten Treppchen zu stehen. Alle vier ausstehenden Partien zu gewinnen, ist aber ein schweres Unterfangen.

Fulminanter Schlagabtausch

Der Samstag beim Basler Schachfestival war der Tag der Sensationen. Bereits im zweiten Durchgang zog der serbische Grossmeister Mihajlo Stojanovic (Zürich Reti ASK) gegen Vjekoslav Vulevic (Trümmerfeld) den Kürzeren. Zudem musste der an Position zwei notierte Ehsan Ghaem Maghami in der dritten Runde dem fulminant angreifenden Bellahcene gratulieren.

Immerhin remisierte mit dem Baden-Badener Bundesligaspieler Andreas Heimann der an Position drei gesetzte Spieler gegen den lettischen Ilmar Starostits und liegt mit 2,5 Zählern nach drei der sieben Partien in Lauerstellung auf Platz fünf des Meisterfeldes.

Dieses ist mit 57 verbliebenen Spielern kleiner als im Vorjahr. Die Veranstalter um Bruno Zanetti und Fernschach-Grossmeister Matthias Rüfenacht hatten auf insgesamt rund 200 gehofft – doch auch im Amateur- und Jugendturnier liessen die Meldezahlen deutlich nach im Vergleich zum Vorjahr, als man noch in Basel im Hotel Hilton spielte.

Ein Grossmeister bricht ein

Dass Schach nicht nur Denksport ist, sondern auch körperliche Anstrengung über fünf, sechs Stunden bedeutet, mussten auch Männer ohne High Heels erkennen: Vlastimil Hort brach in der zweiten Partie des Tages in sehr guter Stellung gegen den Franzosen Demuth völlig ein und verlor noch ein scheinbar unverlierbares Turmendspiel.

Das wäre dem einstigen Grossmeister aus Tschechien und Top-5-Spieler auf dem Globus früher nicht passiert. «Ich konnte nicht mehr! Die erste Partie am Morgen war schon anstrengend, und ich musste kämpfen», klagte der mittlerweile 71-Jährige nach seinem Blackout.

Aber auch 38-Jährige halten nicht alles durch: Sechs Stunden und zehn Minuten lang quälte Jan Michael Sprenger (Deutschland) Zjelko Stankovic mit einem Turm gegen einen Springer. Der Riehener verteidigte sich gegen den haushohen Favoriten korrekt, so dass sich beiden Seiten nach 123 Zügen doch die Hände zum Friedensschluss schüttelten. Stankovic hatte hernach keine Kraft mehr und meldete sich erschöpft vom Turnier ab.

Sprenger forderte wenigstens 15 Minuten Auszeit, weshalb sein Duell der dritten Runde mit Verspätung begann. Die Turnierleitung um Benjamin Seitz hatte ein Einsehen und gewährte die kleine Erholungspause. Sprenger schlug daraufhin Borna Derakhshani – obwohl der Iraner am Nachmittag schon im Turniersaal erholt wartete und nicht noch einmal mit seiner High-Heels-Schwester aus Inzlingen herantrippeln musste.

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Live-Übertragung von den acht Spitzenbrettern

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