Hobelspäne und Luxusuhren

Pferde-Agenten, Luxusuhren ohne Uhrwerk, Olympiasieger, die das Image ihres Sports beklagen – ein Blick in die Welt der Springreiter.

Bei der Pferde Kontrolle vor dem reiten. (Bild: Stefan Bohrer)

Pferde-Agenten, Luxusuhren ohne Uhrwerk, Olympiasieger, die das Image ihres Sports beklagen – ein Blick in die Welt der Springreiter.

Wummernd sucht ein weisser Porsche 911 seinen Platz im Parkhaus. Über 300 Pferdestärken, die eine einzelne Frau vorwärtsschieben. Als der Motor verstummt, füllt ein scharfes Kla-ka-klack die Leere an diesem eisig-grauen Freitagmorgen. Draus­sen trägt der braune Wallach Comodor S Z, Nummer 229 der Amateure, mit einer Pferdestärke seine Reiterin über den Asphalt. Die hat kurz vor ihrem Einsatz noch Musse, etwas auf ihrem Mobiltelefon zu checken.

Es ist kurz nach neun Uhr am CSI Basel, dem weltweit höchstdotierten Springreitturnier in einer Halle. Zwölf Stunden werde ich als Laie in der Welt der Springreiter verbringen. Hier, wo sich die meisten Akteure kennen und die richtigen Verbindungen über Titel und Einkommen bestimmen können. Wo die einen Millionen für ein Pferd ausgeben und andere kämpfen, um ein paar Tausender für Forschung am Tier zusammenzubekommen. Und wo alles viel einfacher wäre, könnten Pferde sprechen. Tun sie aber nicht.

Sonst müsste Mathias Löchner nicht vor der St. Jakobshalle stehen und alle Pferde nach dem Ritt über die Hindernisse zur Inspektion he­r­auswinken. Der Chef-Steward tastet Beine und Mundwinkel ab, er überprüft die Bandagen und ob an den Flanken Verletzungen sind, die von Sporen stammen.

Tests, um mechanisches Doping zu überführen

Ist ein Pferd besonders nervös, spricht Löchner mit ihm wie ein Arzt zu einem Kleinkind. Doch auch wenn er Witz an Witz reiht, ist Löchners Arbeit ernsthaft: Es gibt Reiter, die mit unlauteren Mitteln dafür sorgen, dass ihre Tiere höher springen. Sie verstecken spitze Gegenstände in den Bandagen, sie reiben die Pferdebeine mit Mitteln ein, die sie sensibler machen.

«In der Fachsprache heisst das, ‹das Pferd wird vorsichtig›.» Tierarzt Markus Müller hat einen ironisch-verächtlichen Unterton, als er das sagt. Als offizieller Veterinär des Reitsport-Weltverbands FEI überwacht er die Gesundheit der Pferde während des Turniers. In seinem Büro im Bauch der Halle versucht eine Putzfrau, den Sand aufzusaugen, der sich via Schuhe vom Reitbereich auf dem überall verlegten roten Teppich ausbreitet. Es sieht nach Sisyphusarbeit aus.

Müller ist ein vom Alter sanft gebeugter Riese mit dem Hang zu trockenen Sprüchen, die auch als leicht boshafte Seitenhiebe durchgehen könnten. Er wirkt wie ein Mann, der in seiner Welt alles gesehen hat. Schon 1984 war Müller als Veterinär mit den Schweizer Springreitern an den Olympischen Spielen, er hatte eine Pferdeklinik, seit einem Jahr praktiziert er nicht mehr. Wenn er sagt: «Ich lebe im Tessin», klingt das wie seine ­Variante von «Je ne ­regrette rien».

Wo beginnt Pferdedoping?

Doping im Pferdesport, das wird aus Müllers Erzählungen schnell klar, ist kein einfaches Thema, weil es keine weltweit einheitliche Haltung gibt. Bei Pferderennen in den USA zum Beispiel sei das Verhältnis zum Antirheuma-Mittel Phenylbutazon locker: «Da wird bei den Wettquoten angegeben, ob das Pferd mit oder ohne ‹Buta› an den Start geht.»

Im Springsport dagegen sieht Müller den Weltverband auf einem restrik­tiven Weg. Fünf Prozent der Pferde am CSI werden auf Doping getestet. Das soll vor allem als abschreckende Massnahme wirken. «Die FEI hat realisiert, wie wichtig das Pferdewohl ist», sagt Müller. Und: «Wir amten als Anwälte für die Pferde.»

Auch das kann kompliziert sein. Denn was das ist, dieses «Pferdewohl», darüber haben viele eine Meinung. Oft keine übereinstimmende. So kann Müller mit seinen Leuten nur feststellen, ob ein Tier an den Beinen hypersensibel reagiert, aber nicht weswegen. Das ist ein Problem. Möglich, dass eine leichte Entzündung vorliegt. Möglich, dass der Reiter nachgeholfen hat.

«Wir nennen es mechanisches Doping», sagt Müller. Und dann kommt so ein Seitenhieb. Oder ist es einfach eine Anekdote? «Der Pius Schwizer, der hat ja damals mit Cola-Deckeli angefangen, die er in die Bandagen des Pferdes getan hat.» 1985 war das, Schwizer hat seine Sperre längst verbüsst, sie dauerte bis 1990.

Weil die juristische Lage verzwickt ist, braucht es einen Trick

Heute gehört Schwizer zur Welt­spitze – ohne Getränkedeckel. Hypersensibel reagierende Pferde aber gibt es weiter. Doch weil es fast unmöglich ist, den Reitern eine Manipulation juristisch wasserdicht nachzuweisen, bedient sich die FEI eines Taschenspielertricks: Die Veterinäre dürfen auffällige Pferde aus «gesundheitlichen Gründen» von Turnieren ausschliessen, das Resultat vor Überprüfung der Sensibilität wird gestrichen. Der Reiter aber bleibt straffrei.

Denis Lynch ist einer, der schon mehrfach mit hypersensiblen Pferden aufgefallen ist. An den Olympischen Spielen 2008 wurde der Ire wegen der Verwendung von Capsaicin disqualifiziert, mit dem Pferdebeine feinfühliger gemacht werden können. An diesem Nachmittag erhält er Besuch von Thomas Straumann samt Familie. Der Unternehmer Straumann ist nicht nur der Mann, der den CSI Basel mit seinem Geld ermöglicht. Er ist auch Besitzer der Pferde, die Lynch reitet.

«Die sollen selber mal reiten»

Unter einer Million Franken ist so ein Tier nicht zu haben. Entsprechend grosszügig sind die Boxen in diesem riesigen Zelt gehalten, in dem die rund 150 Pferde der Profis auf Kosten des Veranstalters untergebracht sind. In der Nähe von Lynch steht Pius Schwizer und sagt: «Die Pferde werden heute wie Spitzen­athleten behandelt. Ärzte, Physiotherapeuten, Zahnärzte – das hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren enorm entwickelt.»

Verändert hat sich aber auch das Angebot an gut dotierten Turnieren: Es gibt immer mehr. Und es kommen mit China, Malaysia, dem Nahen Osten oder Aserbaidschan neue Destinationen dazu. Veterinär Müller spricht darum von einer Begrenzung der Einsätze und der Reisekilometer pro Pferd. Wenn Schwizer das nur hört, wird er schon angriffig: «Ideen für Regeln haben viele. Das sind die, die hinter den Tischen sitzen. Die sollen selber mal ein Spitzenpferd reiten!»

Was er nicht abstreitet, ist, dass mehr Startgelegenheiten auch Gefahren bergen: «Das Pferd sagt dir nicht, ob es müde ist.» Gleichzeitig pocht er auf seine Autonomie: «Ein guter Reiter schaltet den Kopf ein. Niemand will sein Pferd kaputt reiten.»

Zwei Seiten über Jankas Skischuhe, keine Zeile über Guerdat

Das gilt ganz besonders für Steve Guerdat. Der Schweizer Olympiasieger kommt eben zu seiner mit speziell biegsamen Hobelspänen ausgelegten Box, vor der Hund Casper ein Mäntelchen aus derselben Modelinie trägt wie die Schimmelstute Nasa. Er sagt: «Meine Pferde sind im letzten Jahr von allen wohl fast am wenigsten gegangen und haben doch gleich viel Preisgeld gewonnen wie andere.»

Obwohl der unangekündigte Besuch zwischen zwei Nachmittagsprüfungen fällt, hat auch Guerdat Zeit für ein kurzes Gespräch. Und wie Schwizer ist er wohltuend undiplomatisch. Etwas beschäftigt Guerdat derart, dass er es gleich selbst anspricht: die mediale Beachtung seiner Sportart. «Wenn ich an einem Turnier der höchsten Kategorie ein Springen gewinne und schaue am nächsten Tag in die Zeitung, dann steht da keine Zeile. Dafür lese ich zwei Seiten über den Skischuh von Carlo Janka.»

Startplätze für 25’000 Franken

Woran das liegen könnte? Guerdat ­diagnostiziert ein Imageproblem. Springreiten werde als exklusiver Sport wahrgenommen: «Dabei sind Reitstunden doch nicht teurer als Tennislektionen.» Umso mehr kann er sich über das Gebaren der Global Champions Tour ärgern, einer hochdotierten Serie von Springen.

Die ist den Spitzenreitern mit ihren Preisgeldern zwar durchaus willkommen. Aber die Veranstalter stehen im Ruf, jene Startplätze, die nicht für die besten 30 der Weltrangliste reserviert sind, an reiche Reiter zu verkaufen.

«25 000 Franken, und du bist dabei», sagt Guerdat und kommt in Fahrt: «Es kann doch nicht sein, dass Leute starten dürfen, bloss weil sie Geld haben. Da heisst es gleich wieder, unser Sport sei bloss für die Elite. Das ist doch schade.» Dann entschuldigt sich der Goldgewinner von London 2012, er muss sein Pferd für das kommende Springen einreiten.

Die Versicherung bestand auf kastrierten Uhren

Für Guerdat mag die das Luxus­image seiner Sportart ein Problem sein. Für den Hauptsponsor des CSI ist es das nicht. Denise Studer, Public Relations Manager der H. Moser & Cie., startet im traditionellen PR-Slang: «Elegant und klassisch» sei der Reitsport, sagt sie, «so wie unsere Uhren.» Aber sie kann es auch direkter formulieren: «Wer ein Pferd hat, braucht das nötige Geld. Für unsere Uhren braucht es das auch.»

Studer steht in der dezent in Cremefarben gehaltenen Loge der Neuhauser Uhrenmarke, in der die Firma in Vitrinen ihre in Gold und Platin gehaltenen Produkte für die VIP ausstellt; allerdings in kastrierter Form. Die Uhren sind so wertvoll, dass die Versicherung darauf bestand, dass sie ohne Uhrwerk präsentiert werden müssen. Ein Einsteigermodell gibt es für 16’500 Franken, ab 54’000 ist der Stolz des Hauses mit hoch komplexem Innenleben zu haben.

Draussen, an den Ständen im Rundgang der Halle, geht es etwas weniger exklusiv zu und her. Aber es gibt immerhin Zaumzeug mit Swarovski-Steinen, elektronisch höhenverstellbare Hindernisse und für Pferde entwickelte Massagesysteme für 2500 Franken – in der Grundausstattung.

Viel Geld für Luxus, wenig für die Forschung

Fast ein wenig verloren wirkt neben all diesen Konsumartikeln der Stand der Stiftung Forschung für das Pferd. Straumann, selbst immer wieder grosszügiger Gönner der Stiftung, hat ihr diese Werbemöglichkeit gratis zur Verfügung gestellt. Hier sucht ­Lucas Anderes, Präsident des Vereins, weitere Spender.

Seiner Stiftung ist es ein Anliegen, den Umgang mit Pferden auf wissenschaftlichen Boden zu stellen. Es geht um Verletzungsdiagnose, Haltung, Fütterung. «Bislang basierte fast alles auf Tradition», sagt Anderes. Der Ansturm auf die Infobroschüren hält sich an diesem Tag in Grenzen. Mit 40’000 bis 50’000 Franken im Jahr will sie die Pferdeklinik der Uni Zürich unterstützen. Doch die Gönnerbeiträge sind eingebrochen.

Vermittler wie im Fussball

Dabei herrschen goldene Zeiten im Springreiten. 56 Turniere der höchsten Kategorie gibt es 2013 weltweit – Rekord. Und weil immer mehr Superreiche um die Pferde buhlen, gibt es analog zum Fussball Vermittler, die sich darauf spezialisiert haben, Wechsel von Spitzentieren einzufädeln.

«Zehn, fünfzehn Prozent Kommission, da kommt auch Geld zusammen.» Rolf Lüdi schüttelt den Kopf, während er von einem Bekannten erzählt, der in dieses Geschäft eingestiegen ist: «Der sitzt nur noch im Auto und hat das Handy am Ohr.»

Für Lüdi wäre das nichts. Der 56-Jährige steht im Lager neben der Halle, wo noch das Plakat der Swiss Indoors von 2008 hängt, streichelt über die normierten Sprungstangen aus eigener Produktion und zieht an seiner Zigarette. Als Parcours-Chef bestimmt er, welches Hindernis wo zu stehen kommt.

Der Parcours-Bauer, ein Künstler

Wenn er spricht, wird schnell klar: Das ist kein Beruf, das ist eine Berufung, jedes Springen ein kreativer Prozess: «Ich vergleiche das mit Malern oder Autoren. Die können sich auch nicht einfach hinsetzen, und dann sprudeln die Ideen.»

Wie in der Kunst gibt es auch im Springreiten so etwas wie einen goldenen Schnitt, davon ist Lüdi überzeugt: «Fünfzig Prozent der Sprünge müssen von links angeritten werden, fünfzig Prozent von rechts.» Hohe Sprünge, Sprünge in die Weite, Kombinationen, Kurven, «am Ende sollte es sein wie ein Walzer».

Der goldene Schnitt

Noch etwas ist gleich wie bei Künstlern: Nicht jedem gefallen die Werke gleich gut. Die deutschen Reiter scheinen Fans von Lüdis Arbeit zu sein. Sie sorgten dafür, dass er seinen ersten Weltcup-Final bauen durfte. «Die haben gesagt ‹fertig, jetzt soll das der kleine Schweizer mal machen›», erzählt Lüdi und strahlt. Steve Guerdat dagegen ist eher kein Anhänger von Lüdis Kursen. Die seien «anstrengend und eckig».

Das ändert nichts daran, dass sich Lü­di einen guten Namen erarbeitet hat. Eben lehnte er das Angebot ab, am Weltcup-Springen von Abu Dhabi zu arbeiten. Vieles in diesem Geschäft läuft über Beziehungen.

Rogier van Iersel lebt sogar von ­seinem Netzwerk. Der Holländer verpflichtet die Reiter für Basel. Was dank dem guten Ruf des Turniers nicht schwierig sei: «Ich muss eher Absagen erteilen.»

60 Millionen Franken für mehr Horsepower

Van Iersel ist als selbstständiger Turnier-Organisator unterwegs. Daneben hat er einen der interessantesten Jobs im Business: Er ist Equipenchef von Saudi-Arabien, wo das Königshaus viel Geld ins Springreiten pumpt. «Als ich die Stelle erhielt, gaben mir alle ­maximal sechs Monate», erzählt van Iersel. Inzwischen ist er im siebten Jahr, und Saudi-Arabien hat mit ihm in London Team-Bronze gewonnen.

Als er antrat, habe er schnell gesehen, dass gute Reiter am Werk waren: «Aber sie hatten keine Horsepo­wer.» Ein Manko, das behoben werden konnte. 60 Millionen Franken sollen die Saudis vor London 2012 in den Kauf von Pferden investiert haben.

Es ist kurz nach neun Uhr abends. Im Springen der LGT geht es um 80’000 Franken Preisgeld. Im Gang, der van Iersels Büro mit der grossen Halle verbindet, saugt eine Frau zum x-ten Mal an diesem Tag den Sand vom roten Teppich.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 18.01.13

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