Infantinos grösster Coup

Ab 2026 soll die Fussball-WM mit 48 statt wie bisher 32 Teams stattfinden. Damit löst Fifa-Präsident Gianni Infantino ein Versprechen gegenüber kleineren Verbänden ein. Der Entscheid stösst aber auch auf Kritik, und der zu spielende Modus ist noch alles andere als klar.

FIFA President Gianni Infantino addresses a news conference after a FIFA Council in Zurich, Switzerland, January 10, 2017. REUTERS/Arnd Wiegmann

(Bild: Reuters/ARND WIEGMANN)

Ab 2026 soll die Fussball-WM mit 48 statt wie bisher 32 Teams stattfinden. Damit löst Fifa-Präsident Gianni Infantino ein Versprechen gegenüber kleineren Verbänden ein. Der Entscheid stösst aber auch auf Kritik, und der zu spielende Modus ist noch alles andere als klar.

Schon am Tag vor der grossen Revolution, als er den dezenten Gastgeber der Gala zur Wahl des Weltfussballers gespielt hatte, strahlte Gianni Infantino eine tiefe Zufriedenheit aus. Getreu seinem Motto, dass «der Fussball wieder im Mittelpunkt stehen» müsse, hatte er die Bühne anderen überlassen.

Am Dienstagmittag stand der Präsident der Fifa dann selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit. Er wirkte geradezu euphorisch, als er bekannt gab, dass das Teilnehmerfeld der Weltmeisterschaften ab 2026 auf 48 Teams aufgestockt werde.

Er selbst und «viele andere» seien «sehr glücklich» über die Entscheidung, die in den Stunden zuvor gefällt worden war. Künftig werden «viele Nationen von einer Teilnahme träumen» können, die bisher in den Qualifikationsrunden chancenlos waren, sagte der oberste Funktionär des Weltfussballs und strahlte. 16 zusätzliche Mannschaften würden vom «Entwicklungsschub» profitieren, den eine WM-Teilnahme einer Fussballnation beschere.

Wie bisher wird kein Teilnehmer mehr als sieben Spiele absolvieren – ein Zugeständnis an die grossen Clubs, die vor einer Überlastung ihrer Stars warnen.

Und so spielt sich die neue WM ab: Aus 16 Dreiergruppen kommen in der Vorrunde jeweils zwei Mannschaften weiter, um dann in vier K.o.-Runden die beiden Finalisten zu ermitteln. Wie bisher wird kein Teilnehmer mehr als sieben Spiele absolvieren – ein Zugeständnis an die grossen Clubs, die ja ständig vor einer Überlastung ihrer Stars warnen.

So hat Infantino gute Argumente, wenn er der Kritik der mächtigen Fussballkonzerne aus Madrid, München, Barcelona und London entgegentreten muss, in denen es immer das Bestreben gibt, das Spiel möglichst elitär zu halten. «Das Wichtigste war, dass die Last für die Spieler nicht grösser wird, und das haben wir erreicht», sagte der Präsident. Auch nach der Aufstockung wird das Turnier innerhalb von 32 Tagen beendet sein.

600 Millionen Euro mehr Gewinn pro Turnier 

Diese WM-Revolution ist zweifellos Infantinos bisher grösster Coup. Die Erweiterung war eines der zentralen Versprechen des Wallisers, als er sich im vergangenen Jahr an die Spitze des Weltverbandes wählen liess. Nun hat er Wort gehalten gegenüber den vielen kleineren Fussballnationen, die ihn vor allem unterstützten, weil er ihnen bessere Chancen versprochen hatte, sich im edlen Kreis der WM-Teilnehmer zu profilieren. Aber Infantino hat noch weitere Beweggründe. 

Statt der bisher 64 Spiele wird jede WM ab 2026 80 Partien produzieren, was der Fifa laut einer internen Studie eine Gewinnsteigerung von über 600 Millionen Euro pro Turnier ermöglichen könnte. Auch das wird ein gewichtiges Argument für den Verband gewesen sein, dem es nach all den Korruptionsskandalen finanziell längst nicht mehr so gut geht wie in früheren Jahren. Klar gegen eine Aufstockung hatte sich trotz dieser vielen Pro-Argumente einzig die deutsche Fraktion positioniert. 

Zwar hat eine interne Fifa-Studie ergeben, dass der aktuelle WM-Modus mit 32 Mannschaften in acht Vierergruppen sportlich am hochwertigsten ist, aber das spielte für die kleineren Länder, die vom neuen Modus profitieren, keine Rolle. «Eine WM-Teilnahme ist die stärkste Fussballförderung, die man haben kann», glaubt Infantino. Welcher Kontinent wie viele zusätzliche Teilnehmer stellen darf, ist allerdings unklar – und das birgt grosses Konfliktpotenzial.

Verwässerter Modus

Hier setzt Reinhard Grindel als Präsident des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) mit seiner Kritik an: «Ich hätte mir gewünscht, dass man zum Zeitpunkt der Entscheidung gewusst hätte, wie viele Plätze die einzelnen Kontinente bekommen.» Er habe das Gefühl, der Verband habe die Entscheidung des Fifa-Rates «übers Knie brechen» wollen, sagt der oberste deutsche Fussballer. Völlig unklar sei zudem, «wie das Format konkret gespielt werden soll». Und hier liegt in der Tat das zentrale Problem der neuen WM. 

Um Absprachen zu verhindern, darf es in der Vorrunde wohl keine Unentschieden geben, was wahrscheinlich durch direkt nach dem Abpfiff durchgeführte Elfmeterschiessen verhindert werden soll. Doch selbst dieses Verfahren hat grosse Schwächen. Was passiert, wenn jede Mannschaft einer Dreiergruppe ein Spiel mit dem gleichen Ergebnis gewinnt und eins verliert? Gruppen mit solch einer Abschlusstabelle sind nicht unwahrscheinlich, weil nur drei statt der insgesamt sechs Partien in Vierergruppen absolviert werden. Und weil die Anzahl der Gruppen doppelt so gross ist wie bisher. 

Ausserdem stellt sich die Frage, was passiert, wenn alle drei Gruppenspiele im Elfmeterschiessen entschieden werden und dann jeder einmal gewonnen und einmal verloren hat. Zählt dann das Torverhältnis? Und wenn auch das gleich ist, das Torverhältnis des Elfmeterschiessens? Oder das Los? «Es gibt verschiedene Modelle», erklärte Infantino am Dienstag, «aber das ist Teil des Wettbewerbsreglements und das wird in den Jahren vor einem Turnier festgelegt.»

Klar ist nur: Der Modus verwässert und wird schwerer verständlich.

Der Bayern-Torhüter Manuel Neuer beklagt, dass es in der Vorrunde keine direkten Duelle grosser Fussballnationen mehr geben wird: «Grundsätzlich war ich immer ein Freund davon, gegen grosse Mannschaften zu spielen, ich mag Highlight-Spiele. Wir werden sehen, wo das hinführt.»

Ex-Bundestrainer Berti Vogts erklärte, er sei «sehr sehr erschrocken. Wenn man die WM zugrunde richten will, muss man diesen Weg weitergehen.» Martin Schmidt hingegen, Schweizer Trainer von Mainz 05, begrüsst die Aufstockung: «Ich denke, dass der Fussball der ganzen Welt gehört und dass jeder die Chance haben muss, bei so einem Turnier dabei zu sein.»

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Zur weiterführenden Lektüre empfehlen wir einen Artikel von Kollege Florian Raz: «Das Ende der Fussball-WM».

Konversation

  1. Nun ja – jetzt muss halt der gute Infantino seine grossmauligen Wahlversprechen einlösen und das gegenüber all jenen kleinen Ländern, die ihn damals als Fifa-Boss gewählt haben. Spielschulden sind Ehrenschulden, koste es was will… Hat da jemand was von Korruption gesagt…?

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  2. Recht hat er, der ehemalige Autotieferleger: Der Fussball gehoert der ganzen Welt. Deshalb sind 48 Teams auch viel zu wenig. Bei 128 Teams waeren immerhin 60% der nationalen Fussballverbaende an der Endrunde vertreten. Mit einem von Beginn weg angewandten KO-System kaeme jedes Team, und damit jeder einzelne Spieler, immer noch auf allerhoechstens 7 Spiele. Und wenn man die Erstrundenverlierer ihr eigenes Turnier unter einem griffigen Namen ausspielen laesst (so aehnlich wie die Gruppendritten der Champions League mit der Europa League), dann kaeme jedes Team auch mit diesem Modus auf mindestens 2 Spiele.

    Und ganz nebenbei wuerde sich die Zahl der Spiele allein im Hauptturnier auf 127 erhoehen, womit der Gewinnzuwachs die Milliardengrenze knacken duerfte. Man stelle sich das mal vor: 1’000’000’000.- euro zusaetzlich fuer gemeinnuetzige Zwecke – wem kaemen da nicht die Traenen…

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  3. Ich verstehe die Kritik der Fussballgrossmächte an der neuen WM. Darum befürworte ich eine EM nur mit Italien, Deutschland, Spanien und England. Für die WM kann man dann noch Argentinien und Brasilien hinzuziehen. Eine Zeit lang schauen wir noch zu, dann eröffnen wir übrigen Länder eine eigene Weltmeisterschaft.

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