Marvin Silva: Zug um Zug zum schönen Leben

Marvin Silva flog zweimal von der Schule. In der Kletterhalle fand er Halt. Doch nach einem Podestplatz bei den Schweizermeisterschaften hörte er mit Leistungssport auf. Er will lieber raus, in Felswände und aufs Meer.

In der Falkenfluh: Marvin Silva will die Route Belle Vie in einem Zug durchklettern. Noch ist ihm das nicht gelungen.

(Bild: Olivier Christe)

Marvin Silva flog zweimal von der Schule. In der Kletterhalle fand er Halt. Doch nach einem Podestplatz bei den Schweizermeisterschaften hörte er mit Leistungssport auf. Er will lieber raus, in Felswände und aufs Meer.

Marvin Silva Kühne blickt auf dem Weg zur Falkenfluh, einem der attraktivsten Klettergebiete der Region Basel, immer wieder in den Wald: «Wahnsinn, die Farben. Es soll ja jedes Jahr so sein, aber ich habe das noch nie wirklich wahrgenommen.»

Der Sohn einer deutschen Mutter und eines chilenischen Vaters kam im Alter von 15 zum Klettern. Genauer zum Bouldern. Boulders sind Kletterrouten in Hallen, die seilfrei begangen werden, denn ein Sturz endet auf der weichen Matte. Nicht die Höhe, sondern die Schwierigkeit ist entscheidend. Und diese trieb Marvin in kurzer Zeit weit hinauf. Schon bald gehörte er dem Regionalkader Nordwestschweiz an und trainierte unter Anleitung von Trainer Reto Hänggi rund 20 Stunden pro Woche.

Die Boulderhalle B2 in Pratteln ist für ihn ein zweites Zuhause geworden. «Die Freude am Klettern, am Besserwerden war der wichtigste Aspekt für dieses Hineinsteigern. Aber der Sport gab mir auch einen Rahmen, denn ich war kein einfacher Jugendlicher. Zweimal flog ich von der Schule und besuchte schliesslich ein Internat.»



In der Boulderhalle B2 in Pratteln trainierte Marvin Silva wöchentlich rund 20 Stunden.

In der Boulderhalle B2 in Pratteln trainierte Marvin Silva wöchentlich rund 20 Stunden. (Bild: Olivier Christe)

Marvin wirkt nicht wie ein Querulant. Eher ruhig und respektvoll. Doch die Eigenwilligkeit ist ihm geblieben. So entschied er sich Ende letzten Jahres, als er gerade den dritten Platz der Schweizermeisterschaft belegt hatte, mit dem Leistungssport aufzuhören. Sehr zur Enttäuschung seines Trainers. «Es war nicht einfach, da er stark auf mich gesetzt hat und ein toller Trainer war. Ich habe viel von ihm gelernt. Doch ich wollte noch andere Interessen ausleben. Mehr draussen klettern, surfen, reisen.» 

Marvin steht an der Falkenfluh vor seinem Projekt, der Route Belle Vie. Sie wurde Ende der 80er-Jahre, als Basel eines der bekanntesten Klettergebiete Europas war, eingebohrt und durch den Exil-Tschechen Wenzel Vodicka zum ersten Mal durchstiegen. Rund 30 Meter geht es im steilen Jurakalk an Löchern und Leisten hinauf. Die Schwierigkeit ist mit 8b bewertet. «Es ist zweifelsfrei die schönste Route an dieser Wand. Gäbe es ein Loch, eine Leiste weniger, wäre es wohl unmöglich sie zu klettern. Alles passt perfekt.»

In einem Zug durch die Falkenfluh

Marvin war bereits ein gutes Dutzend mal in der Route. Die Züge gelingen ihm alle. Doch sie in einem Zug zu klettern, was das Ziel ist, hat er noch nicht geschafft. «Es kann aber nun jedes Mal passieren, wenn ich drin bin. Wenn nicht heute, ist sie auch morgen noch da. Ich will mir keinen Druck machen.»

Marvin ist heute 19 Jahre alt. Im nächsten Sommer schliesst er die Wirtschaftsmittelschule in Reinach ab. Danach folgt ein einjähriges Praktikum. Und danach, danach verreist er nach Chile. Seinen Vater besuchen, surfen, klettern, arbeiten, irgendwas. «Ich mag solche langfristigen Pläne, da kann ich mich lange darauf freuen.»



In der Falkenfluh: Marvin Silva will die Route Belle Vie in einem Zug durchklettern. Noch ist ihm das nicht gelungen.

In der Falkenfluh: Marvin Silva will die Route Belle Vie in einem Zug durchklettern. Noch ist ihm das nicht gelungen. (Bild: Olivier Christe)

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