Mindestens grandios, natürlich

Auf nicht weniger als 799 Seiten spricht der Autor des Buchs «Ready to Rumble» mit Akteuren aus dem Boxsport. Zum Beispiel mit dem Schweizer Stefan Angehrn, der zugibt, sich manchmal gefragt zu haben: «Wie blöd kann man sein, in den Ring zu gehen, um sich auf die Fresse hauen zu lassen?»

Der Franzose Christophe Girard ,links, versucht bei Stefan Angehrn, rechts, einen Treffer zu landen beim Hauptkampf der St. Galler Boxnacht am Freitag 31. Maerz 2000 in St. Gallen. Stefan Angehrn gab in der zehnten Runde auf. (KEYSTONE/Walter Bieri) (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Auf nicht weniger als 799 Seiten spricht der Autor des Buchs «Ready to Rumble» mit Akteuren aus dem Boxsport. Zum Beispiel mit dem Schweizer Stefan Angehrn, der zugibt, sich manchmal gefragt zu haben: «Wie blöd kann man sein, in den Ring zu gehen, um sich auf die Fresse hauen zu lassen?»

Die Einsamkeit des Boxers in den letzten Sekunden vor dem Kampf ist bisher meist von jenen beschrieben worden, die sie selbst nie durchleben mussten. Schon darum tut es gut, Stefan Angehrn zuzuhören. Der tapfere Mann aus Oetwil an der Limmat hat von 1989 bis 2000 25 Vergleiche als Berufsboxer durchgestanden, 19 davon konnte er gewinnen. Jenseits der sportlichen Bilanz gibt es aber noch die heikle Frage nach dem Sinn des Tuns, vor der auch ein Faustkämpfer offenbar nicht gefeit ist.

Während der letzten Minuten in der Garderobe habe er sich gelegentlich gefragt, «wie man so blöd sein kann, in den Ring zu gehen um sich auf die Fresse hauen zu lassen», gesteht Angehrn unumwunden. Um sich dann genauer zu erklären: «Das ist eine ganz persönliche Auseinandersetzung, die man mit sich führt, die aber nichts mit dem normalen Leben zu tun hat. Dort kenne ich keine Angst. Wenn du dann im Ring stehst und der Gong ertönt, verfliegen alle Ängste.»

87 Interviews auf 799 Seiten

Ready to Rumble – Gunnar Meinhardt im Gespräch mit den Stars; Verlag Neues Leben, Berlin. – ISBN 978-3-355-01808-1. – Preis: 40.90 Fr.

So was hört man nicht alle Tage von einem der Athleten, die dazu verdammt sind, öffentlich den unbeirrbaren Ringheroen zu geben. Doch in diesem Fall ist es verbindlich festgehalten. Der deutsche Sportjournalist Gunnar Meinhardt, Jahrgang 1958, hat die An- und Einsichten des erfolgreichsten Schweizer Boxers seit Fritz Chervet in einem neu veröffentlichen Buch aufgenommen. Ebenso wie die von 87 (!) weiteren handelnden Personen, die im deutschsprachigen Raum am Boom der «Sweet Science» (A.J.Liebling) mitgewirkt haben: Athleten und Aficionados, Promoter und Profiteure.

In «Ready to Rumble» (Verlag Neues Leben, Berlin) sind etliche Aktive zu hören, die in dem flamboyanten Showsport noch etwas mehr erreicht haben als der zweifache WM-Anwärter Angehrn. Ehemalige Champions wie Henry Maske und Dariusz Michalczewski, George Foreman, Lennox Lewis und Mike Tyson. Nicht zu reden von Emanuel Steward, Angelo Dundee, Fritz Sdunek und anderen Trainerlegenden. Nur wenige äussern sich jedoch so originär und hintersinnig wie der inzwischen 48-jährige Angehrn, der sich grösstenteils selbst vermarktet und proklamiert hat. Was auch an einer sehr speziellen Begegnung liegt, die er im Ring erlebt hat.

«Hau dem doch mal aufs Auge»

Angehrn war der designierte Aufbaugegner, an dem sich Torsten May, 1992 in Barcelona Olympiasieger, nach einer physisch wie psychisch desaströsen Niederlage bei einem WM-Versuch wieder aufrichten sollte. Das war der erklärte Wille der Impresarios, die ihn mit aller Macht als nächsten Quotenkönig des Privatsenders RTL positionieren wollten. Im Laufe des denkwürdigen Duells wurde aus dem Schweizer Aussenseiter ein überlegener Dominator – und aus May ein traumatisch Verzweifelter, der in Runde 9 aus dem Kampf ausstieg. Resultat auch einer spontaner Wut, die seinen Bezwinger befeuerte.

‚Hau dem doch mal aufs Auge‘, habe der Ringrichter seinem Gegner äusserst regelwidrig Ende der 4.Runde geraten, so Angehrn: «Ich dachte mir nur, jetzt habe ich zwei Arschlöcher gegen mich und schlug fortan immer nur durch die Mitte. Dagegen hatte Torsten kein Rezept …» Wirklich grandios ist Angehrns Karriere trotzdem nicht weiter gegangen, auch wenn Angehrn und seine Frau immer wieder für eine Boulevard-Schlagzeile gut waren; die Gründe dafür würden wohl ein eigenes Buch füllen.

Der spezielle Zauber des Sports scheint selten durch

Grandios kann jedoch auch zu viel des Guten sein, wie der 799 Seiten starke Band zum Boxen eher unfreiwillig zeigt. Da wird mächtig aufgefahren im Versuch, die Chronik der jüngsten Box-Epoche durch die Interviews mit ihren ausgewählten Protagonisten abzubilden. Fast alle davon sind in Tages- und Wochenzeitungen erschienen, wenn auch für diesen Zweck aktualisiert. Der spezielle Zauber des Sports scheint allerdings nur phasenweise durch. Weil man nach den wirklich persönlichen, gar intimen Auskünften der Interviewten in der protzig-prallen Veröffentlichung länger suchen muss.

Der Schlamm aus Tagesaktualität und Eitelkeiten wird stets mitgeführt im Fluss dieser Gespräche, die in der Summe eine zeitlosere Erzählung ergeben sollen. Das fördert ab und zu ein interessantes, wenig bekanntes Detail zu Tage. Anderes bleibt dagegen allgemein gehalten und bietet wenig, was die Faszination oder auch das harte Geschäft des Boxens genauer von innen beleuchtet. Was auch an einer immanenten Schwäche des Interview-Formats liegen mag: Wer ein Mikrofon vorgehalten bekommt, will zunächst die Fallstricke der freien Äusserung vermeiden – und darüber hinaus am liebsten sich selbst so positiv wie möglich ins Bild rücken.

Die unbescheidene Selbstinszenierung, ein Branchen-Syndrom

Es braucht viel Einfühlungsvermögen, aber auch mal kritischen Geist, um sich von Routiniers des grossen Sports weder umgarnen noch «zutexten» zu lassen. Diese Talente stellt der Autor Meinhardt nur gelegentlich unter Beweis. Er ist immer solide vorbereitetet, doch oft zu jovial, um seine Gegenüber festzunageln – oder zusammen mit ihnen unter die Oberfläche der Dinge zu tauchen. So kommen sie bei ihm mit sehr vielem durch – vom perfiden Seitenhieb auf Konkurrenz oder Erzfeinde bis zur höchst unbescheidenen Selbstinszenierung – dem häufigsten Syndrom in dieser Branche der Ego-Shooter.

Auch Stefan Angehrn inszeniert sich bis zu einem gewissen Grad. Er geht dabei nur gescheiter und offener als andere, mitunter fast selbstironisch vor. «Ich hatte keine Lust mehr, Schulden zu machen», begründet er seinen Rückzug aus dem Boxen. Um dann, von einem Grossteil der Altlasten befreit, gleich die Firma zu preisen, die er und seine Partnerin inzwischen gegründet haben. «Mein Ziel ist es nach wie vor, Millionär zu werden», sagt er, «das wollte ich ja immer schon, und ich gebe niemals auf.» Das bombige Geschäft, das bomastische Buch:

Darunter tun sie es offenbar nicht im Boxen.

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