Ohne Hymne und mit Fragezeichen

In Innsbruck finden die ersten olympischen Jugend-Winterspiele statt (13. bis 22. Januar 2012). In der Schweiz interessieren sich Luzern und Lausanne für eine Austragung.

Keine Grossveranstaltung ohne Maskottchen: Zwei österreichische Nachwuchssportler mit «Yoggl», einem offenbar euphorisierten Gamsbock in Latzhose.

In Innsbruck finden die ersten olympischen Jugend-Winterspiele statt (13. bis 22. Januar 2012). In der Schweiz interessieren sich Luzern und Lausanne für eine Austragung.

Wer hats erfunden? Diese Frage musste sich Jacques Rogge gefallen lassen, als er 2007 bei der 119. IOC-Session in Guatemala als Vater der Olympischen Jugendspiele gepriesen wurde. Denn ein Mann aus Klagenfurt hatte etwas dagegen und konnte beim Patentamt in Wien die Nummer 177 456 vorweisen. Darunter hatte Johan Rosenzopf 1998 die Idee für Jugendspiele und den Markennamen «Junol» schützen lassen. Jahrelang blitzte er beim Internationalen Olympischen Komitee mit seiner Vision ab, und es brauchte einen Friedensrichter in Lausanne, ehe das IOC dem pensionierten Industriekaufmann im November 2010 offiziell attestierte, «einen wertvollen und bedeutsamen Impuls» zur Idee geleistet zu haben.

Der heute 72-jährige Rosenzopf war zufrieden und dürfte sich noch mehr darüber freuen, dass nun, vom 13. bis 22. Januar, in seinem Heimatland die ersten Winter-Jugendspiele über die Bühne gehen. Innsbruck sowie die Satelliten Seefeld und Kühtai in den Stubaier Alpen beherbergen 1058 junge Sportler zwischen 14 und 18 Jahren aus 70 Nationen, die in 63 Wettbewerben um Gold, Silber und Bronze antreten.

Das IOC wird nun nicht müde, diese Miniatur-Spiele als Zukunftsmodell zu verkaufen. Jacques Rogge sagt: «Das Interesse weltweit ist enorm.» Doch nur schon die Wahrnehmung vor Ort ist verschwindend gering. Als es Coca-Cola, einer der Hauptgeldgeber des IOC, genau wissen wollte, gab in einer Umfrage im Oktober nur gerade ein Prozent der österreichischen Bevölkerung an, jemals von Jugendspielen gehört zu ­haben. Eilig wurde Wolfgang Eichler bestellt, von der Euro 2008 noch bekannt als Kommunikationschef, ein Sponsor (Raiffeisenbank) gewonnen und Ski­legende Franz Klammer öffentlichkeitswirksam aufgeboten.

Ohne Nationalhymnen

Immerhin: Innsbruck ist stolz, dass nach zwei Winterspielen zum dritten Mal die olympische Flagge unter dem Patscherkofel wehen wird. Grosse Spiele, sagen Skeptiker, sind für ein Land wie Österreich nicht mehr zu stemmen. Und im Gegensatz zu den schneearmen Wintern 1964 und 1976 präsentiert sich Tirol tief verschneit. In der Maria-Theresia-Strasse im Zentrum der Stadt wird allabendlich ein Hauch von gros­sem olympischem Flair herrschen bei der Medaillenvergabe.

Allerdings ohne Nationalflaggen und Hymnen. Das ist eines der Merkmale, die sich Youth Olympic Games (YOG) herausnehmen. Die olympischen Werte wie Respekt und Freundschaft sollen den jungen Menschen vermittelt werden, ein aufwendiges Kultur- und Bildungsprogramm wurde auf die Beine gestellt zur Begegnung und Völkerverständigung. Und in Mixed-Wettbewerben werden Teams mit Athleten aus verschiedenen Ländern und beiden Geschlechtern antreten.

26 Schweizerinnen und Schweizer am Start

Die Schweiz wird mit 26 jungen Athletinnen und Athleten (mehrheitlich aus den Jahrgängen 1994 und 1995) sowie 16 Trainern und Betreuern vertreten sein. Obwohl das IOC für Reisekosten, Kost und Logis aller Teilnehmer aufkommt, veranschlagt Swiss Olympic die eigenen Kosten noch einmal auf 500 000 Franken. Gut angelegtes Geld, wie Isabelle Bossi, Chef de Mission, findet, denn neben der sportlichen Herausforderung sei es für die Jugendlichen ein prägendes Erlebnis, unter aussergewöhnlichen Umständen an einer solch grossen Veranstaltung teilzunehmen: «Damit sind sie besser auf das vorbereitet, was sie später vielleicht einmal erwartet.»

Dazu gehört auch ein Anti-Doping-Programm, womit sich die nächste Frage stellt: Was bedeutet es, wenn 14-Jährige ins Röhrchen pinkeln müssen? Misstrauen? Prävention? Perversion? Für die 30-jährige Isabelle Bossi, die selbst Fussball gespielt hat beim FFC Bern, steht fest: «Man kann nicht früh genug damit anfangen, die Jugendlichen auf pädagogisch sinnvolle Weise darauf hinzuweisen, auf was sie achten müssen.»

Die Premiere der Jugendspiele, im Sommer 2010 in Singapur mit vier Medaillen für die Schweiz, macht Bossi jedenfalls Mut, dass sie neben Junioren-Weltmeisterschaften zum wichtigsten Nachwuchsevent werden können. In Luzern – mit der Vision von Spielen in der Zentralschweiz – sowie in Lausanne werden gerade Bewerbungen für die Youth Games 2020 geschmiedet. Innsbruck 2012 verschlingt 23,7 Millionen Euro, nicht eingerechnet das Athletendorf in Passivenergiebauweise.

Im Schatten der grossen Events

Fragt sich nur noch, wie die Tiroler die winterliche Premiere annehmen werden. Der Eintritt ist frei, doch die Schulen haben keineswegs unterrichtsfrei. Das IOC stellt zwar selbst produzierte TV-Bilder zur Verfügung, doch selbst im staatlichen Fernsehen wird nur die Eröffnungsfeier live übertragen und die Spiele ansonsten in einem Spartensender (ORF Sport plus) versteckt. In der Skifahrernation werden die Lauberhornrennen an diesem Wochenende, das Skifliegen am Kulm und der Klassiker auf der Streif nächste Woche einen Schatten auf die Jugendspiele werfen, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Quellen

Das Schweizer Team an den Jugendspielen.

Mitarbeit: Christoph Geiler (Innsbruck)

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 13/01/12

Konversation

Nächster Artikel