Raus aus der Komfortzone – rauf aufs Podest

Dominique Gisin holt sich Olympia-Gold in der Abfahrt: Nach einer langen Durststrecke mit zahlreichen Verletzungen siegt sie ex-aequo mit der Slowenin Tina Maze. Für den Sieg musste Gisin allerdings «raus aus der Komfortzone».

Switzerland's Dominique Gisin reacts after finishing in the women's downhill at the Sochi 2014 Winter Olympics, Wednesday, Feb. 12, 2014, in Krasnaya Polyana, Russia. (AP Photo/Kirsty Wigglesworth) (Bild: Keystone/KIRSTY WIGGLESWORTH)

Dominique Gisin holt sich Olympia-Gold in der Abfahrt: Nach einer langen Durststrecke mit zahlreichen Verletzungen siegt sie ex-aequo mit der Slowenin Tina Maze. Für den Sieg musste Gisin allerdings «raus aus der Komfortzone».

Irgendwann war es nicht mehr so leicht, den Überblick zu behalten. Dominique Gisin bekam ihre Glückstränen von Lara Gut getrocknet, Tina Maze liebkoste den Schnee, dann fielen sich Gisin und Maze in die Arme. So viel geweint, gekreischt und geküsst wurde selbst bei Olympia selten. Aber es war ja auch ein historisches Rennen, diese dramatische Abfahrt bei tiefblauem Himmel in Rosa Khutor. Zwei Olympiasiegerinnen ex aequo, das hatte es im alpinen Skisport noch nicht gegeben.

Händchen halten wie zwei turtelnde Teenager standen Gisin, die Schweizerin aus Engelberg, und Maze, die Slowenin, vor dem Siegerpodest, gemeinsam sprangen sie hinauf. Und holten dann noch Gut dazu, die mit einer Zehntel Rückstand die Bronzemedaille gewann. All smiles, und vor allem Gisin zuzusehen, war auch lange nach dem Rennen noch eine Show – ein Lachen, so offen wie das weite Tal unter den russischen Olympiapisten. Sie hatte ja auch wirklich am wenigsten damit rechnen können, von ihrem Sport einmal derart reich beschenkt zu werden.

Von der Pechsträhne aufs Podest

Dominique Gisin, 28, hatte in ihrer Karriere so viel Pech, dass sie sich 2005 in Lake Louise eine schwere Knieverletzung zuzog, während sie Trainingsbestzeit fuhr. Dass ihr, als sie 2007 gerade wieder herangekommen war, bei einem Sturz in Tarvisio gleich in beiden Knien die Bänder rissen. Zu diesem Zeitpunkt stand sie bei zwei Weltcup-Saisons und sieben Knieoperationen.

Erst 2009 konnte sie mit Siegen bei den Klassikern in Altenmarkt – kurioserweise zeitgleich mit Anja Pärson – und Cortina endlich ihr Talent demonstrieren, bei der WM aber schied sie aus, und das gleiche Schicksal ereilte sie, nach einer weiteren Knieverletzung, bei Olympia 2010: Sturz im Zielhang, schwere Gehirnerschütterung. Vorzeitiges Saisonende 2011/12 wegen einer weiteren Knieverletzung, Sturz bei der WM-Abfahrt 2013 samt Bruch der rechten Hand. Ihr letztes Rennen, einen Super-G in Crans Montana, hatte sie 2010 gewonnen.

Hauchdünn an der Resignation vorbei

Irgendwann, das schilderte sie gestern in eindrucksvollen Worten, wurde es zu viel, der Respekt zu gross, fast zu einer Art Resignation. «Ich hatte grosse Mühe, alles zu geben, habe immer ein bisschen zu viel Platz gelassen. Es war eine harte Erfahrung, ich habe mich nicht mehr als Athletin gefühlt.»

Die Erlösung kam unerwartet, in Gestalt der teaminternen Ausscheidung, bei der sie gegen Fränzi Aufdenblatten und Nadja Jnglin-Kamer am Samstag ihren Startplatz im Olympiarennen erfahren musste. «Die Qualifikation war so ein harter Druck, da musste ich mal raus aus meiner Komfortzone. Wieder einen halben Meter näher ans Tor, wieder eine halbe Sekunde länger in der Hocke bleiben.» Resümee der Olympiasiegerin, mit der Schweizer Fahne um die Schultern: «Jetzt fühle ich mich wieder als Athletin, das ist der schönste Sieg.»

Zwei Sieger sind keine Seltenheit

Zwei zeitgleiche Sieger gibt es im Weltcup öfter und gab es bei Olympia schon dreimal in anderen Sportarten, aber wohl selten kamen sie aus so verschiedenen Richtungen. Wo Gisin sich schon fast als gescheitert sah und aus der Peripherie der Ergebnislisten nach vorne fuhr, war Mazes Goldmedaille – die erste jemals für Slowenien bei Winterspielen – im Prinzip nichts anderes als überfällig. In Vancouver 2010 hatte die 30-Jährige zweimal Silber gewonnen, sie ist Doppel-Weltmeisterin und brach vorige Saison Hermann Maiers Rekord für die meisten Weltcuppunkte in einer Saison. «Sie ist eine der Grössten unseres Sports», sagte Gisin, «es ist eine grosse Ehre, Gold mit ihr zu teilen.»

Nach missratenem Saisonstart samt Trainerwechsel fand Maze rechtzeitig vor den olympischen Rennen wieder in Form. Anders als die Mitfavoritinnen Maria Riesch («Das erste Mal in dieser Saison fühle ich mich müde», so die Kombinationssiegerin, die 13. wurde), Julia Mancuso (USA, 8.), Anna Fenninger (Österreich, mit Zwischenbestzeit ausgeschieden) oder Tina Weirather (Lichtenstein, Startverzicht wegen Schienbeinkopfprellung) konnte sie die auch die anspruchsvolle Olympiapiste hinunterbringen.

Wie die ebenfalls hoch gehandelte Gut, die durch einen Fehler im Schlussbereich den möglichen Sieg vergab, aber sich damit bald abfand. «Ich merke allmählich, wie glücklich ich bin», sagte sie. «Ich bin 22, habe jetzt drei zweite Plätze bei der WM und dieses Bronze, ich werde weiter Gold jagen.» Am Samstag im Super-G etwa. «Ich weiss, ich werde es lieben, eines Tages ganz oben zu stehen.»

Dazu war sie ja eigentlich auch auserkoren gewesen: das erste Schweizer Damengold am Skihang seit Vreni Schneider 1994 zu gewinnen. Doch das gelang nun ihrer Trainingskollegin. «Verrückt, verrückt», stammelte Dominique Gisin, die an diesem Tag viel gelernt hat über sich, das Leben und das Glück, das irgendwann jeden erreicht.

Konversation

  1. Dann liebe Dominique Gisin wäre es jetzt an der Zeit diesen Sport abzubrechen. 9 Kieverletzungen und einiges mehr. Ist das nicht genug? Es gibt auch Verletzungen in dieser Sportart, die Sie für den Rest des Lebens im Rollstuhl sitzen liessen! Zu dieser Katastrophe hinzu käme, dass man Sie nach kürzester Zeit vergessen würde.
    Anderes Erstrebenswertes gäbe es noch zu entdecken, als derartiig gefährliche Sekundenhascherei. Vielleicht ist zurück in eine andere Zone finanziell nicht so komfortabel, sicher jedoch gesünder und nicht weniger erfüllend!

    Viktor Krummenacher, Bottmingen

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