Supermacht in Wartestellung

Tottenham Hotspur, nächster Gegner des FC Basel in der Europa League, definiert sich auch über die gepflegte Abneigung zum Nordlondoner Rivalen FC Arsenal.

Bildnummer: 12939921 Datum: 03.03.2013 Copyright: imago/BPI Gareth Bale of Tottenham Hotspur scores the opening goal BPI_8FE6D36B6D579235A35988 PUBLICATIONxNOTxINxUKxFRAxNEDxESPxSWExPOLxCHNxJPN ; Tottenham Hotspur FC Arsenal Fussball England Premier Le (Bild: Imago)

Tottenham Hotspur, nächster Gegner des FC Basel in der Europa League, definiert sich auch über die gepflegte Abneigung zum Nordlondoner Rivalen FC Arsenal.

Der Freitag voriger Woche brachte eine böse Niederlage, obwohl Tottenham Hotspur gar kein Spiel bestritt. Der Ligarivale West Ham United wurde vom Londoner Bürgermeister Boris Johnson als zukünftiger Mieter des Olympiastadions bestätigt. Die «Hammers» dürfen in der Saison 2016/17 in die Spielstätte einziehen, die bis dann zur reinen Fussballarena für 54’000 Zuschauer umgebaut sein wird. Die Kosten des bis 2115 datierten Mietvertrages betragen nur etwa zwei Millionen Pfund im Jahr, dazu muss West Ham 15 Millionen Pfund an die 150 Millionen Pfund teuren Umbauarbeiten beisteuern. 

Der ehemalige Sportminister ­Richard Caborn bezeichnete die Entscheidung als «grössten Fehler der Olympischen Spiele», West Ham erhalte ein 600 Millionen Pfund teures Stadion quasi umsonst, für die Rechnung müssten die Steuerzahler aufkommen. Auch für Daniel Levy ist dieser Deal ein ziemlicher Albtraum. Der Vorstandsvorsitzende der «Spurs» hatte ebenfalls mit einem Umzug nach Stratford geliebäugelt und später mit rechtlichen Mitteln den Verkauf des Olympiastadions an West Ham verhindert. Doch gegen das neue Arrangement ist er machtlos.

Sein Tottenham ist nun quasi von Feinden umzingelt. Acht Kilometer westlich vom veralteten Stadion an der White Hart Lane parkt das hypermoderne Emirates-Stadion des verhassten Lokalrivalen FC Arsenal wie ein Ufo in der Landschaft, die neue Heimat der «Hammers» wird bloss 13 Kilo­meter weiter südlich von der Lane sein.

Die White Hart Lane – eine stimmungsvolle Wellblech-Box.

Die Pläne der «Spurs», unmittelbar neben der alten, stimmungsvollen Wellblech-Box eine zeitgemässe Arena zu errichten, werden durch diese Entwicklung erschwert. Mindestens 400 Millionen Pfund soll das neue Stadion kosten, die Kapazität wird sich bis zur Einweihung in drei Jahren von derzeit 36’000 auf 56’000 erhöhen. Für dieses ambitionierte Unterfangen muss der Club jedoch im Gegensatz zu den üppig beschenkten «Hammers» eigenes Geld auf den Tisch legen. Die Finanzierung soll über den Verkauf der Namensrechte sicher­gestellt werden. Aber das nur eine Taxi­fahrt in einem Londoner «Black Cab» entfernte Objekt der «Hammers» verhagelt höchstwahrscheinlich gehörig die Preise. 

Neues Stadion, alter Status

Rund um die White Hart Lane haben die ersten Bauarbeiten bereits begonnen. Ein modernes Stadion ist angesichts der Uefa-Auflagen im Financial Fairplay und ähnlichen Überlegungen der Premier League enorm wichtig, um endlich aus dem Schatten von ­Arsenal zu treten. 1995 wurde Tottenham in der Liga Siebter, die «Gunners» wurden nur Zwölfte. Seither spielen die «Spurs» in Nord-London nur noch die zweite Geige.

So klingt es an der White Hart Lane:

Und so singen die Fans ihr «Oh, when the spurs go marching in»:

Arsenal setzt pro Saison dank den vielen teuren Jahreskarten im Emirates mit seinen 60’000 Plätzen und regelmässiger Champions-League-Präsenz etwa 100 Millionen Euro mehr um. Der Traum von Levy und den Tottenham-Fans ist es, dass die «Spurs» mit dem neuen Stadion ihrem Status als dem einst populärsten Londoner Club endlich wieder gerecht werden.

Tottenham wurde 1882 gegründet von Schülern der «All Hallows’ Church»-Bibelgruppe. 1901 gewann man als erstes Profi-Team aus der Hauptstadt den FA-Pokal. 1908 stiegen die Heisssporne in die erste Liga auf, aber die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg brachten Misserfolg und ein bis heute andauerndes Trauma. Der ursprünglich im Süd-Londoner Viertel Woolwich beheimatete FC Arsenal zog der besseren Transportanbindungen wegen 1913 auf die andere Seite der ­Themse, fast vor die Nase der «Spurs». Als sich die «Gunners» nach dem Krieg mithilfe von äusserst nebulösen ­Geschäftspraktiken in die erste Liga hievten, während Tottenham absteigen musste, war die gegenseitige Animosität besiegelt.

Der Urschock

Von diesem Ur-Schock hat sich der mutmasslich nach «Sir Harry Hotspur», einem Ritter aus dem 14. Jahrhundert, benannte Club nie mehr ganz erholt. Arsenal wurde in den 1930er-Jahren fünf Mal Meister und mit der marmornen Eingangshalle des Highbury-Stadions zum Inbegriff von fussballerischer Noblesse. Die «Spurs» gewannen die Liga 1951 und 1961 unter dem legendären Coach Bill Nicholson gar das erste englische Double des 20. Jahrhunderts, aber für dauerhafte Erfolge in der Meisterschaft spielte der Verein stets eine Spur zu offensiv und wankelmütig. Dafür wurde er zum ausgemachten Pokalspezialisten. Acht Mal gewann man den FA Cup, vier Mal den Ligapokal, zwei Mal den Uefa-Pokal und einmal den Pokal der Pokalsieger. Der letzte Erfolg – der Ligapokalsieg 2008 – liegt nun aber auch schon fünf Jahre zurück.

Am schlimmsten für die Anhänger der «Spurs» war in den letzten Jahren jedoch, dass Arsenal unter Arsène Wenger auch den schöneren Fussball spielte. Unabhängig von den Ergebnissen hatte man sich an der White Hart Lane jahrzehntelang gerühmt, dem ­Publikum zumindest ästhetisch höherwertige Vorstellungen als die pragma­tischen Kanoniere präsentieren zu können. Die «Spurs» waren immer eine bedingungslose Offensivmannschaft. Sie hatten Tormaschinen wie Gary Lineker, Jimmy Greaves und Jürgen Klinsmann, und mit Spielmacher Paul Gascoigne die zentrale Figur der englischen Fussballrenaissance Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre unter Vertrag. 

Die Ära Ardiles

Bereits 1978 hatte der Verein mit zwei Sensationstransfers eine neue Ära eingeläutet. Die Weltmeister Ricardo «Ricky» Villa und Osvaldo «Ossie» Ardiles wechselten nach ihrem Turniersieg in Argentinien als erste Südamerikaner in die englische Liga. Ihre Kunst am Ball wirkte auf die Ein­heimischen regelrecht verstörend. «Diesen beiden zuzusehen könnte die Leute auf den Geschmack bringen und für den Fussball in unserem Land schädlich sein», warnte Clifford Lloyd, der Vorsitzende der Spielergewerkschaft. England kam tatsächlich auf den Geschmack, aber die Folgen waren alles andere als schädlich: Tottenhams Villa und Ardiles waren die Wegbereiter für ausländische Koryphäen wie Eric Cantona, Dennis Bergkamp und Gianfranco Zola. 

Für Verdienste um die englische Fussballkultur kann man sich in ­Zeiten der komplett globalisierten Premier League aber leider nichts kaufen. Boss Levy ist auch alles andere als ein Nostalgiker. Der Geschäftsmann – seine Familie betreibt eine Kette von Billigmode-Läden – führt den Club mit eiserner Hand. Ein ehemaliger Angestellter erzählte einst, dass Levy in der Geschäftsstelle regelmässig der Hut hochging, wenn jemand von den «Big Four» Arsenal, Man Utd, Chelsea oder Liverpool redete. «Es gibt keine Big Four, wenn schon gibt es die Big Five», schimpfte Levy.

Der herausragende Spieler der Spurs: Der pfeilschnelle Waliser Gareth Bale:

Berüchtigt ist auch sein Verhandlungsgeschick. Levy pokert gerne bis kurz vor Schliessung des Transferfensters, um für Abgänge und Neu­verpflichtungen den besten Preis zu erzielen. Manchmal kommt vor lauter Feilscherei um den letzten Penny aber das Team zu kurz: Für Dimitar Berbatov bekam er 2008 30 Millionen Pfund von Manchester United, aber der Transfer ging so spät über die Bühne, dass die «Spurs» keinen ­adäquaten Ersatz finden konnten. ­Levys Ruf des knallharten Verhandlungspartners kommt Tottenham insgesamt allerdings sehr gelegen. Trainer André Villas-Boas erinnerte erst kürzlich mögliche Interessenten an Superstar Gareth Bale daran. ­«Jeder weiss, welche Preise unser Vorsitzender verlangt», sagte der Portugiese augenzwinkernd.

Der Haupteigentümer ist ein Steuerflüchtling

Levy führt den Club und besitzt auch Anteile, Haupteigentümer ist ­jedoch Joe Lewis. Der in ärmlichen Verhältnissen im Londoner East End geborene Währungsspekulant lebt als Steuerflüchtling auf den Bahamas, sein Vermögen wird auf drei Milliarden Pfund geschätzt. Für den 76-jährigen Lewis sind die «Spurs» allerdings nur eines von vielen In­­vestments, für Fussball interessiert er sich nicht sonderlich.

Die «Spurs»-Fans wären fürs Erste schon froh, Arsenal hinter sich zu lassen.

Levy muss dementsprechend seriös wirtschaften. Lewis ist kein Abramowitsch, der in sein Spielzeug Chelsea Hunderte von Millionen pumpt. Die «Spurs» schreiben dank ihrer soliden Gehaltspolitik meistens eine schwarze Null, in der vergangenen Saison machte man ohne Teilnahme an der Champions League allerdings 4,3 Millionen Pfund Verlust. Es ist kein leichter ­Balance-Akt: Der Club will wachsen, kann aber finanziell nicht mit den ganz Grossen in der Liga konkurrieren.

Fürs Erste wäre man an der Lane aber schon zufrieden, wenn man zur Abwechslung mal wieder Arsenal auf die Plätze verweisen könnte. Es ist nicht zuletzt jene immense Rivalität mit den «Gunners», die Tottenham ­aktuell auch in der Europa League antreibt. Arsenal hat seit 2005 keine Trophäe gewonnen, umso schöner wäre es für Villas-Boas, wenn seine Männer im Final von Amsterdam im Mai den ­Pokal in die Höhe stemmen könnten. «Wir wollen diesen Titel gewinnen, absolut», posaunte der Portugiese schon im September.

Das ist nicht selbstverständlich. In jüngster Vergangenheit hatte Tottenham die Europa League oft abgeschenkt, um Kräfte für das Rennen um die Champions League zu sparen. Das ging 2009/10 gut. In der Barrage gegen die Young Boys schafften es die Londoner in der nächsten Saison, in die ­Königsklasse einzuziehen. Traditionell sind die «Spurs» jedoch eher für ihre schlechten Ergebnisse gegen Ende der Spielzeit bekannt. In den beiden nationalen Cup-Wettbewerben sind sie bereits ausgeschieden.

Die ständige Bedrohung

Die Gefahr, dass sich diese Geschichte wiederholt, ist gross nach zwei Niederlagen in Folge in der Premier League, einem 2:3 in Liverpool und dem 0:1 zu Hause gegen Fulham. Arsenal, das nach dem 1:2 im Nord-Londoner-­Derby schon abgeschlagen schien, hat mit nur vier Punkten Rückstand und einem Spiel weniger wieder gute Chancen, den Nachbarn Platz vier streitig zu machen.

Offiziell sind zwar Europa League – und damit die Viertelfinals am 4. und 11. April gegen den FC Basel – sowie Champions-League-Qualifikation­ gleichwertige Saisonziele, aber es ist kein Geheimnis, was für die «Spurs», die Londoner Supermacht in der Warteschleife, wichtiger ist. Die Millionen aus der Königsklasse würden den dringend notwendigen Stadion­neubau erleichtern und Bales letztlich un­weigerlichen Abgang zumindest verschieben. Und wenn man nebenbei auf ­Kosten der «Gunners» reüssieren würde, wäre das natürlich die grösste Genugtuung.

Christian Gross’ Leidensweg an der White Hart Lane

Der 24. September 1997 begann für Christian Gross (im Bild links) mit einer legendären Fahrt mit der Londoner U-Bahn zu seinem neuen Arbeitsplatz an der White Hart Lane im Londoner Norden. Bei der spottenden, voreingenommenen Boulevardpresse und den Fans von Tottenham Hotspur hatte der Trainer aus Zürich von Beginn an einen schweren Stand. Daran änderte auch nichts, dass Gross die «Heisssporne» vor dem Abstieg rettete. Kam dazu, dass der damalige Besitzer Alan Sugar, ein schwerreicher Unternehmer und Baron mit Sitz im Oberhaus, Jürgen Klinsmann zurückholte und dem 33-jährigen deutschen Superstar weitreichendes Mitspracherecht einräumte. Nach drei Spieltagen der neuen Saison war Gross schon wieder weg. Keine zehn Monate hatte sein England-Abenteuer gedauert.

Neun Jahre danach – Gross war inzwischen mit dem FC Basel der erfolgreichste Schweizer Trainer der Gegenwart – plädierte der «Guardian» in einer «Wiederaufnahme des Verfahrens gegen einen der am meisten verunglimpften Trainer der Geschichte» für Chris­tian Gross. Im Grössenwahn, der den Club seit jeher begleite, habe Gross sukzessive jene Strenge und Durchschlagskraft einträufeln lassen, die der Autor als «einzig realistischen Weg zum Erfolg der ‹Spurs›» bezeichnete. Christoph Kieslich

Ein Beitrag der BBC aus dem Jahr 1997, als Christian Gross sich in London vorstellte:

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 29.03.13

Konversation

  1. … verstehe ich nicht, wie in einem Artikel, der die Geschichte der Tottenham Hotspurs beleuchtet, ein wichtiger Aspekt unerwähnt bleibt: Gemeint ist die Verwurzelung des Clubs unter den Juden Londons. Man beachte, dass auch der derzeitige Chairman einen jüdischen Namen (Levy) trägt.

    Die Verbindung zum englischen Judentum hat dem Verein – leider kaum überraschend – oft Verachtung eingebracht. Berüchtigt die Schmähung durch Fans anderer Vereine „Spurs are on their way to Belsen“ – gemeint ist das KZ Bergen-Belsen. Oder, noch unglaublicher: ein Zischgeräusch, mit dem das Ausströmen des Gases imitiert werden soll.
    Der Verein selbst wiederum ist stolz auf seinen Hintergrund, die Fans nennen sich „Yids“ oder „Yid Army“, und auch in den Fangesängen bekennt man sich selbstbewusst dazu. Insofern verbindet die Spurs übrigens eine Verwandtschaft mit Ajax Amsterdam. (Andere grosse europäische Vereine mit jüdischen Wurzeln, so etwa Bayern München, verdrängen ihre Geschichte hingegen standhaft; aber das passt jetzt nicht hier hinein.)

    Zum Konflikt wegen des Olympiastadions noch: Unter den Spurs-Fans war das Bestreben der Vereinsleitung, den Zuschlag für die Nutzung des Olympiastadions zu erhalten, sehr umstritten. Kein Wunder, ist doch Stratford (Ostlondon), wo das Stadion liegt, meilenweit von Tottenham (Nordlondon) entfernt. West Ham als ostlondoner Verein war schon rein geographisch bedeutend näher. Die heftigste Opposition dagegen, dass West Ham das Olympiastadion nutzen darf, kam denn auch keineswegs von Tottenham, sondern von Leyton Orient, jenem Verein, der zwar nur in der dritthöchsten englischen Liga spielt, aber im Viertel unmittelbar neben dem Olympiastadion beheimatet ist. Die Londoner Fussballclubs waren immer sehr an ihr Borough (Stadtviertel) gebunden, und somit befürchtet Leyton Orient wohl zu Recht, durch den Umzug West Hams – dessen bisheriges Stadion sich ein paar Kilometer weiter südöstlich befindet – bedrängt zu werden.

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