Swiss Indoors: Wieder Verdacht auf Lohndumping

Der grösste Schweizer Sportanlass richtet gerne mit grosser Kelle an. Doch mitaufgebaut wird die Infrastruktur der Swiss Indoors von ungarischen Arbeitern, die im Verdacht stehen, dass sie zu Dumpinglöhnen arbeiten.

Kontrolle von Lohndumping und Scheinselbständigen an den Swiss Indoors (Bild: Stefan Bohrer)

Der grösste Schweizer Sportanlass richtet gerne mit grosser Kelle an. Doch mitaufgebaut wird die Infrastruktur der Swiss Indoors von ungarischen Arbeitern, die im Verdacht stehen, dass sie zu Dumpinglöhnen arbeiten.

Mit Leuchtstift haben die Kontrolleure die Namen der Verdächtigen markiert. Ihre Liste ist bunt. Sie suchen nach Arbeitern, die zu Dumpinglöhnen die Infrastruktur des Tennisturniers Swiss Indoors aufbauen. Am Boden liegen abgeschnittene Kabel, aus einem Radio scheppert «Because the night», überall hämmern, sägen und schrauben Handwerker.

Die Baustellenkontrolleure fragen jeden, für welche Firma er arbeite. Im Visier haben sie potenzielle Scheinselbständige. Denn wer als Selbständiger arbeitet, muss sich weder an Gesamtarbeitsverträge noch an Mindestlöhne halten. Dazu sind vor allem ausländische Arbeiter aus Ländern mit einem tiefen Lohnniveau bereit. Denn selbst wenn sie hier zu Dumpinglöhnen arbeiten, verdienen sie häufig immer noch mehr als in ihrem Heimatland.

Die ungarischen Arbeiter findet der Kontrolltrupp schliesslich draussen vor dem Eingang. Ein paar zücken sofort das Handy und schreiben eine SMS. Die Befragung jedes einzelnen geht unter jener Tribüne über die Bühne, auf der in ein paar Tagen das Publikum spektakulären Ballwechseln Beifall spenden wird. Die Angestellten der Zentralen Paritätischen Kontrollstelle füllen einen mehrseitigen Fragebogen aus. Sie prüfen im Auftrag des Staates, der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, ob die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden, die flankierenden Massnahmen zum freien Personenverkehr greifen.

Wie die Adresse des Firmensitzes lautet, will ein Kontrolleur wissen. Der ungarische Arbeiter zögert. Die Dolmetscherin übersetzt, die Anschrift sei ihm entfallen. «Sie haben eine Firma, wissen deren Adresse nicht?», hakt der Kontrolleur nach. «Stellen Sie Rechnung oder bekommen Sie Lohn? Verdienen Sie eine Pauschale oder arbeiten Sie ihm Stundenlohn. Wer kommt für die Unterkunft auf? Wer liefert das Material? Wem gehört das Werkzeug?» Die Befragung ist aufwändig, zäh und mühsam. Die Antworten häufig ausweichend und unpräzise.

Am Ende aber ist klar: Die sechzehn Ungarn, die Messestände, Presseplätze oder Fernsehtürme aufbauen, sind mit drei Bussen angereist. Sie übernachten gemeinsam in einem Hotel im Elsass. Für Reise und Unterkunft kommt die Firma auf, für die sie als Subunternehmer arbeiten. Diese Firma heisst «Uniart» und besteht aus der Person eines einzigen Arbeiters. Auch seine sechzehn Subunternehmer bestehen allesamt aus Einzelpersonen. «So Chef, kommen wir zu Ihnen», sagt Chefkontrolleur Michel Rohrer. «Ich bin nicht der Chef. Ich bin hier der Hauptsklave», antwortet der Ungar auf Deutsch. Umso überraschter zeigen sich die Schweizer Kontrolleure als die Löhne zur Sprache kommen: angeblich zwischen 19 und 25 Euro pro Stunde. Verträge kann aber keiner vorweisen.

Während die Ungarn Red und Antwort stehen, tauchen plötzlich Vertreter des Schweizer Ablegers der Firma Uniplan auf. Die Messebaufirma stellt im Auftrag der Swiss Indoors die Infrastruktur auf. Der Messebauer Uniplan hat einen Teilauftrag an die ungarische Firma mit dem zum Verwechseln ähnlichen Namen «Uniart» weitergegeben. Diese wiederum beauftragte sechzehn Subunternehmen, die jeweils alle aus einem einzigen ungarischen Arbeiter bestehen.

Erst jetzt finden sich doch noch schriftliche Unterlagen. Die Kontrolleure rechnen überschlagsmässig: Laut den protokollierten Aussagen der Arbeiter kommen für den Auf- und Abbau und die Reise insgesamt über 2000 Arbeitsstunden zusammen. Bei einem Auftragsvolumen von 19 000 Euro gemäss Auftragsbestätigung, bliebe ein Dumpinglohn von nicht einmal zehn Euro brutto pro Stunde.

Veranstalter Swiss Indoors betont, das Kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit Kiga habe ihnen gegenüber bestätigt, «dass sich Swiss Indoors korrekt und sachgerecht verhalten.» Alle weiteren Fragen beträfen ausschliesslich die Firma Uniplan Switzerland AG. Dort verwahrt sich die Uniplan gegen den Vorwurf von Lohndumping und widerspricht den Aussagen der Ungarn: Dieser Teilauftrag sei in fünf und nicht in zwölf Tagen erledigt. Das Auftragvolumen von 19 000 Euro sei ein «Basisangebot für den offiziellen Auf- und Abbau». Zusätzliche Leistungen wie Nachtzuschläge oder Serviceleistungen würden nach Aufwand zusätzlich vergütet. Gemäss diesem Auftrag arbeiteten die Arbeiter jeweils 10 Stunden pro Tag. Kalkuliert seien die Arbeiten mit einem Stundenlohn von durchschnittlich 21 Euro. Die weiteren Abklärungen der Baustellenkontrolleure werden zeigen müssen, welche Angaben stimmen.

Bereits im letzten Jahr stiessen die Kontrolleure bei den Swiss Indoors auf mehrere Verdachtsfälle von Scheinselbständigen, die zu Dumpinglöhnen arbeiteten. Diese werden noch von den zuständigen Stellen bearbeitet. Andreas Giger, SP-Landrat und Unia-Gewerkschafter, zeigt sich schockiert darüber, dass die Kontrolleure dieses Jahr schon wieder auf Verdachtsfälle stiessen. «Wenn sich der Verdacht bestätigt, handelt Swiss Indoors schlicht verantwortungslos», sagt er.

Der Einsatz ist zu Ende. Jetzt wartet noch viel Büroarbeit auf die Kontrolleure, wollen sie beweisen, dass die Ungarn tatsächlich als Scheinselbständige zu Dumpinglöhnen arbeiten. Von der bunten Liste der Verdächtigen haben sie an diesem Morgen nur einen Bruchteil befragen können.

Konversation

  1. Wieso kann hier nicht sofort durchgegriffen werden. 1. müssten die Auftraggeber, hier Swissindors, sofort die Differenzen ausgleichen, 2. Es müsste eine Busse imindestens in der Höhe der Lohndifferenzen sofort fällig werden, 3. der Subcontractor sowie dessen Geschäftsführer dürfte im Wiederholungsfalle wären 5 Jahren keine Auftrag mehr in der CH ausführen. Ich bin mir sicher das diese Massnahmen greifen würden und präventive Wirkungen hätten.

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  2. Man müsste eigentlich ein schlechtes Gefühl haben, wenn man auf einem teuren Platz sitzt und einen spannenden Tennismatch mitverfolgen kann, wissend, dass die Tribüne wo sich der teurer Platz darauf befindet von „unterbezahlten und ausgenutzten Arbeitskräften erstellt wurde. Wen man bedenkt, wie viel die Tennisspieler an diesen Turnier verdienen sollte es doch auch möglich sein, die Leute anständig zu entlöhnen, die mithelfen, so ein Anlass überhaupt durch führen zu können.

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  3. Es kann nicht sein, dass Verdachtsfälle von vor einem Jahr immer noch bearbeitet werden. Da lachen sich diese Subunternehmen doch nur ins Fäustchen – und kommen im nächsten Jahr unbehelligt wieder. Selbst wenn dafür mehr Personal eingestellt werden muss: Nur rasche und konsequente Entscheide bringen die nötige Abschreckung. Andernfalls spielt man nur den Gegnern der Personenfreizügigkeit in die Hände.

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  4. Journalismus ist eine Kunst mit viel Verantwortung, so viel kann kaputtgerdet oder zerschwiegen werden… Aus dem Kaffeehaus konnte ich die Stimmung in der Redaktion in den letzten Wochen ein bisschen spüren. Ich treffe Menschen an die sich als Menschen an aufgeklärte Zeitgenossen, an Staatsbürger wenden wollen. Jeder Leser der sich nicht nur als Konsument der Zeitung versteht, sondern der in einen reflektierten Dialog treten will, hat diese Haltung verdient. Ich danke der TagesWoche diesen Weg eingschlagen zu haben und hoffe das so gemeinsam Maßstäbe gesetzt werden können.

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  5. Liebes TagesWoche-Team.

    Es ist mir eine grosse Freude die neue Zeitung in der Hand zu haben und hier mein erstes Stimmungsbild online zu schreiben.

    Ich geniesse die angeregte und ambitionierte Arbeitsstimmung, die durch das Team der TagesWoche den Äther des unternehmen mitte berreichert. Es ist nicht das WAS, was spannend und neu ist an diesem Projekt, sondern das WIE: Die Arbeitsweise, die Arbeitshaltung und sicherlich auch die Art der Zusammenarbeit im Team. Ich nehme da viel Menschlichkeit und intrinsische Motivation war. Die TagesWoche ist eine stimmige Erweiterung unserer Kultur des Kaffeehauses.

    Ich würde das neue Basler Medienunternehmen gar nicht so stark in Abgrenzung und Konkurrenz zur bestehenden Basler Zeitung verstehen. Eher noch kann die Basler Zeitung davon profitieren und sich selbst daran verbessern oder untergehen. Und das ist sicher leichter durch die neue TagesWoche, als ohne.

    Meine Erwartungen an die TagesWoche gehen in die Richtung, dass sie sich nicht zu stark auf das lokale Basel einschiesst, sondern zu einem deutschsprachigen Medium wird, dass dem aufgeschlossenen, konstruktiven, kultur-kreativen Teil der Gesellschaft (ich schätze, dass sind 30% der Bevölkerung) ein engagiertes und aus echtem Interesse erarbeitestes Produkt auf den Schirm und in die Hand gibt.

    Für die Deutschschweiz sehe ich einen grossen Bedarf für ein moderes Wochenmedium jenseits von Weltwoche und WoZ. Da ist ein BEADRF.

    Ich erwarte von der TagesWoche einen menschlichen Blick auf die kleine und grosse Welt und auf das, was die beiden verbindet. Nicht das Pseudoobjektive, nicht der Meinungs-Journalismus, nicht das Umgeschriebene-Abgeschriebene. Und bitte gar nichts Parteipolitisches.

    Ich erwarte von der Tageswoche ein Produkt, dass mir aus der Masse an Informationen eine Auswahl bietet. Einen journalistischen Spamfilter. Was ist wirklich interessant? Oder besser gesagt: was ist an etwas das wirklich interessante?

    UND: die TagesWoche soll Fragen stellen! Echte Fragen. Fragen die mehr hergeben als die möglichen Antworten.

    Daniel Häni, unternehmen mitte

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