Und plötzlich diese Klarheit – so begründet Marco Streller seinen Rücktritt

Paulo Sousa hätte gerne gemeinsam mit ihm noch ein paar Gegnern den Hintern versohlt. Doch Marco Streller ist letzte Woche aufgewacht und hat gespürt: Der Moment für seinen Rücktritt ist gekommen. So klar habe er sich in seiner Karriere bloss noch einmal gefühlt, erzählt der abtretende Captain des FC Basel: Als er sich 2007 für eine Rückkehr zum FCB entschieden hat.

Marco Streller, links, zeigt FC Basel Praesident Bernhard Heusler, rechts, am Freitag, 6. Maerz 2015 den richtigen Stuhl anlaesslich einer Medienkonferenz zu seinem Ruecktritt Ende Saison als aktiver Fussballer im Pressezentrum des St. Jakob Park Stadions in Basel. (KEYSTONE/Patrick Straub) (Bild: Keystone/Patrick Straub)

Paulo Sousa hätte gerne gemeinsam mit ihm noch ein paar Gegnern den Hintern versohlt. Doch Marco Streller ist letzte Woche aufgewacht und hat gespürt: Der Moment für seinen Rücktritt ist gekommen. So klar habe er sich in seiner Karriere bloss noch einmal gefühlt, erzählt der abtretende Captain des FC Basel: Als er sich 2007 für eine Rückkehr zum FCB entschieden hat.

Es war in der Winterpause, Marco Streller sass mit einem Freund in einer Gondel in Grächen. Der Freund, «es war nicht Alex Frei», sagt Streller, hatte bereits einen Rücktritt hinter sich. Und so fragte Streller: «Wie weiss man, dass man im richtigen Moment abtritt?» Die Antwort des Freundes war kurz und simpel: «Du spürst es.»

Vor einer Woche dann öffnete Marco Streller am Morgen im Bett seine Augen – und er spürte es. «Ich war plötzlich klar», beschreibt der Stürmer des FC Basel den Moment der Erkenntnis. Und hinten im Presseraum des St.-Jakob-Parks sitzt geschlossen die erste Mannschaft des FC Basel, um dem zu lauschen, was ihr Captain zu seinem angekündigten Rücktritt per Ende Saison zu sagen hat. Keine Frage, welch aussergewöhnliche Stellung der 33-Jährige im Team einnimmt.

Vier Tage gab sich Streller nach seinem Erweckungserlebnis Zeit. Dann teilte er seiner Frau mit, dass er seine Karriere beenden werde. «Normalerweise besprechen wir solche Dinge gemeinsam», sagt Streller, «aber nach 15 Jahren als Profi habe ich mir die Freiheit genommen, das nun alleine zu entscheiden.»

Die Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit

Zweifel, ob er wirklich noch bis Sommer 2016 durchziehen mag, seien ihm bereits im Trainingslager gekommen: «Ich werde nicht jünger. 34 ist für einen Stürmer ein hohes Alter. Und ich habe immer gesagt, dass ich abtreten will, solange die Leute es noch schade finden, dass ich gehe.»

Warum er dann seinen Vertrag erst Ende November noch um ein Jahr verlängert hatte? Das sei ein für ihn typischer «Bauchentscheid» gewesen, meint Streller: «Ich war euphorisch – aber trotzdem nicht zu 100 Prozent davon überzeugt.»

Gleichzeitig beteuert er, die Ankündigung seines Karrierenendes sei nun eben keiner dieser strellerschen Schnellschüsse aus der Emotion heraus getroffen. Davon hat es in seiner Karriere ja ein paar gegeben: den ersten Rücktritt aus dem Nationalteam zum Beispiel. Oder etwas später den Rücktritt vom Rücktritt aus dem Nationalteam. 

«Es wird definitiv keinen Rücktritt vom Rücktritt geben», sagt Streller. Und weil er ein Fussballprofi mit einem gerüttelten Mass Selbstironie ist, tut er es mit einem Schmunzeln. Die Botschaft aber, die meint er ernst. Bloss zwei Entscheidungen in seiner Karriere habe er ganz allein getroffen: «2007 zum FCB zurückzukehren. Und jetzt, dass ich zurücktrete.»

Dem Präsidenten blieb nur, die Entscheidung zu akzeptieren

Bei so viel Klarheit blieb dem FCB nicht viel mehr übrig, als den Abgang des langjährigen Leitwolfs zu akzeptieren. «Ich sah mich nicht in der Position, ihm einen Ratschlag zu erteilen oder gar ein präsidiales Machtwort zu sprechen», schildert Bernhard Heusler den Moment, in dem ihm Streller vor ein paar Tagen seine Absichten mitteilte: «Menschen mit Rückgrat und Persönlichkeit treffen ihre Entscheidungen selber.»



Geschlossen verfolgt das Fanionteam des FCB die Pressekonferenz ihres Captains.

Geschlossen verfolgt das Fanionteam des FCB die Pressekonferenz ihres Captains. (Bild: Keystone/Patrick Straub)

Es ist dem FCB-Präsidenten aber auch klar, welchen Verlust sein Club im Sommer erleidet. In den bislang sieben Saisons seit Strellers Rückkehr aus Stuttgart haben die Basler sechs Meistertitel gewonnen, der siebte im achten Streller-Jahr dürfte im Frühling folgen. Eine unglaubliche Erfolgsserie, an der Streller entscheidend beteiligt war, wie Heusler feststellt: «Ein Geheimnis der Stabilität in den letzten Jahren war, dass Marco in der Garderobe authentisch vorgelebt hat, was es bedeutet, dieses rotblaue Trikot tragen zu dürfen.»

Möglich also, dass der FCB wieder einen torgefährlichen Stürmer finden wird, der Streller in den Skorerlisten ersetzt. «Da hat der FCB zuletzt ja immer wieder die richtige Nase gehabt», meint der Mann, dessen Nachfolger gesucht wird. Bloss: Was das Mannschaftsgefüge betrifft, aber da gibt sich Heusler pessimistisch: «Marco wird eine Lücke hinterlassen, die so nicht zu füllen ist.»

Sousa hätte gerne ein paar Hintern versohlt

Das weiss auch Paulo Sousa, der sagt, er sei vor allem eines: «Traurig.» Der FCB-Trainer hatte Streller im Herbst dazu ermuntert, seinen Vertrag zu verlängern. Auch, weil er aus eigener Erfahrung mit Videoton und Tel Aviv weiss, wie schwer Streller einem gegnerischen Team das Leben machen kann: «Leider war er mehrfach ganz stark, als es gegen meine früheren Teams ging. Nun habe ich gehofft, dass wir zusammen noch ein paar anderen Mannschaften den Hintern versohlen.»

Nun, ein paar Gelegenheiten bieten sich noch. Zum Beispiel am Dienstag, wenn es in Porto um den Einzug in die Viertelfinals der Champions League geht. Dass der Captain ausgerechnet vor diesem Grossauftritt seinen Rücktritt ankündigt, mag nicht der geschickteste Zeitpunkt sein. Doch Streller findet: «So eine grosse Entscheidung muss raus, sonst frisst dich das auf. Ich jedenfalls fühle mich gelöst. So etwas kann auch Energien freisetzen.»

Wenn Sousa eine leicht divergierende Meinung haben sollte, so lässt er es sich an diesem Morgen wenigstens nicht anmerken. Also sagt der Portugiese tapfer: «Wir haben immerhin noch drei gemeinsame Monate, in denen wir das Maximum erreichen wollen.» Und er bedauert: «Schade, konnte ich nicht schon mit Marco zusammenarbeiten, als er 23, 24 Jahre alt war. Es gibt nämlich nicht viele Spieler mit seinen Voraussetzungen.»

Kann der FCB seine Identifikationsfigur einbinden?

Nun endet die Zusammenarbeit mit einem Heimspiel gegen den FC St. Gallen Ende Mai. Was folgen wird? «Erst einmal lange Ferien mit meiner Familie», meint Streller. Und danach? Gespräche über eine weitere Zusammenarbeit mit dem FC Basel wird es geben, das Ergebnis aber scheint offen. Den Grüss-Joggeli jedenfalls mag der «Ur-Basler» wie ihn die NZZ betitelt, künftig nicht spielen.

Und so bleibt die Frage, ob der FCB nach den Abgängen von Benjamin Huggel und Alex Frei wenigstens für den Letzten des grossen Basler Trios des vergangenen Jahrzehnts einen Platz unter seinem Dach findet, um sich die Identifikationsfigur Streller zu erhalten.

Doch das ist Zukunftsmusik. Über die Vergangenheit, die ja für knapp drei Monate auch noch Gegenwart ist, sagt Streller: «Mein grosser Traum als Kind war, einmal für den FCB spielen zu dürfen. Mehr zu träumen, hätte ich gar nicht gewagt. Dass ich jetzt Teil der Geschichte des Clubs bin, macht mich unglaublich stolz.» Es ist die Mischung aus Pathos und Lokalchauvinismus, die ihm niemand krumm nehmen kann, weil es keine auswendig gelernten Sätze sind, sondern ehrlich gefühlte Worte.

Und dann sagt Marco Streller noch: «Ich kann für mich sagen: Ich habe eine Traumkarriere hingelegt.»

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Unsere Würdigung von Marco Streller: Der Captain geht von Bord und der FCB verliert einen Teil seiner Seele.

Ausserdem erinnern wir gerne an ein Interview mit Marco Streller von Ende 2013: «Es spielt keine Rolle, woher du kommst. Wichtig ist, dass jemand vermitteln kann, was es bedeutet, für diesen Club zu spielen, dass jemand dieses Feuer weitergeben kann.»

Wer danach nicht genug hat: Der Blick in die Medien: Reaktionen und Würdigungen

Konversation

  1. Ach was, der Strelli muss doch nicht sofort einen Neuen Job beim FCB antreten. Atze und Cecca sind doch ideale Beispiele wie es – aus meiner Sicht – richtig ist. Deshalb freue ich mich ja auch darauf, die Herren Huggel, Alex Frei und David Degen in 5 bis 10 Jahren wieder bei „unserem“ FCB zu begrüssen. Wenn Sie an Erfahrung auch ausserhalb des Profi-Fussballs reicher sind.

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