Vom Nervenflattern zum kleinen Glück – ein Selbstversuch in Basels Gassen

Wir haben unseren Autor, der seit vielen Jahren über Leichtathletik und Laufen berichtet, dazu ermuntert, beim 34. Basler Stadtlauf mitzulaufen. Der Selbstversuch wurde für ihn zum Erlebnis mit Motivationscharakter – und lässt ihn über sein berufliches Arbeiten nachdenken.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Wir haben unseren Autor, der seit vielen Jahren über Leichtathletik und Laufen berichtet, dazu ermuntert, beim 34. Basler Stadtlauf mitzulaufen. Der Selbstversuch wurde für ihn zum Erlebnis mit Motivationscharakter – und lässt ihn über sein berufliches Arbeiten nachdenken.

Worauf habe ich mich mit meiner Spontanidee nur eingelassen? Mit dem Angebot an die Redaktion, selber mitzulaufen am Stadtlauf und so Impressionen Eins-zu-Eins einzufangen. Bin ich dafür genügend vorbereitet? Frage ich mich in den Tagen und Stunden vor dem Rennen. Und vor allem: Wie vermeide ich etwas Ähnliches wie vor zwei Jahren, als mich beim Abbiegen auf die Wettsteinbrücke eine Wadenzerrung zur Aufgabe zwang? Wie peinlich es wäre, von solche einem Missgeschick zu berichten.

» Der 34. Stadtlauf – die Resultate

Die unausgesprochenen Gedanken und Erinnerungen konnte ich offenbar nicht von meinem Umfeld fernhalten. Unruhig, unausgeglichen, unausstehlich sei ich, bekam ich zu hören. Und dann bin ich vor Ort. Positiv denken, mich seriös aufwärmen, nicht zu forsch starten, auf mich selber schauen, Mitkonkurrenten ziehen lassen, keine Zwischenspurts, keine unnötigen Zweikämpfe sage ich mir vor dem Start.




Vorbereitung ist die Mutter der Porzellan-Kiste. Es will gedehnt sein. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Erschwerend höchstens, dass aktuelle Erfahrungswerte fehlen. Ein einziger Laufwettkampf in diesem Jahr und – wegen einer gereizten Achillessehne – keine Lauftrainings mehr in den vergangenen drei Wochen wie auch die Neigung zur Selbstüberschätzung. Alles keine idealen Voraussetzungen.

Die beflügelnden Momente

Die Zweifel verjage ich. Sauge die viel gelobte Stimmung in der Innenstadt auf, lass‘ dich von der Weihnachtsbeleuchtung verzaubern, lass‘ das Spiel der Lichter auf dich wirken und geniesse es, sag ich mir. Und dann ab. Voll konzentriert durch die Rittergasse mit dem fahlen Licht. Bei der Grossbank um die enge Kurve und hinein in den viel besprochenen Abschnitt. Hinein in die Freie Strasse, ins Licht, in die Zone mit den lauten Zurufen, dem Klatschen, den Tabak-, Glühwein-, Magenbrot-, Grillwurst-Düften.




Die Stimmung macht das Laufen nicht einfacher, aber schöner. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Ich lasse mich beflügeln, erinnere mich an die Worte von Viktor Röthlin, der jeweils von «Gänsehaut-Feeling» sprach und an all die andern, die Ähnliches empfinden und empfanden: den Basler Stadtlauf als einen der schönsten vorweihnächtlichen Laufveranstaltungen beschreiben.

Der Prüfstand auf der Wettsteinbrücke

Nach dem Marktplatz wird es härter. Die Muskulatur meldet sich. Der Atem wird lauter und schneller, die Pulswerte schnellen in die Höhe. Ich werde langsamer. Seltener werden die Anfeuerungsrufe über die Mittlere Brücke, beim Abschnitt durch die Rheingase in Kleinbasel an den Restaurants mit den ganz anders reagierenden Leuten vorbei.

Ruhig, fast andächtig empfinde ich das Laufen in der Kartausgasse. Die Wettsteinbrücke bildet den ersten Prüfstand. Ihr ansteigendes Profil fordert. Ein Zwicken in der linken Ferse beunruhigt mich kurz. Unbegründet. Rund laufen, mit den Armen arbeiten, die Kadenz hoch halten, ruhig atmen, sage ich mir.

Den Rhythmus kann ich mehr oder weniger auch auf Runde zwei durchziehen. Von Streckenrand aber nehme ich immer weniger auf. Zu sehr bin ich mit mir selber beschäftigt. Und nichts wird aus dem geplanten Endspurt. Im Ziel bin ich froh, dass mir keiner entgegentritt wie ich es selber später bei der Elite tun werde. Keiner, der mich unmittelbar nach dem Rennen um eine Zusammenfassung und Einschätzung bittet und gerne einen markigen Satz hören würde.

Das Fazit: Auf ein nächstes Mal

Später erkenne ich: Rang und Zeit könnten sekundär sein. Mittelfeld, weder auf- noch abgefallen, einfach mitgelaufen. Damit hat es sich aber nicht. Ich stelle beim Studium der Rangliste fest, dass ich bei der ersten Zwischenzeit (Markplatz nach wenigen Minuten) mit Abstand am besten klassiert bin, dass ich danach aber mehr oder weniger gleichmässig unterwegs war. Das widerspricht meinem subjektiven Empfinden. Ebenso schmälert das Glück, dass ich länger benötigte als erhofft, dass der Kilometerschnitt nachdenklich stimmt. Auf ein nächstes Mal also.

Und bewusst wird mir: Die Leistungen, die ich als Journalist bewerte, sind alle grossartig, ob bei der Siegerin, dem Sieger oder beim Dritt-, Fünft-, Zehntplatzierten.

Abraham zum Sechsten

Halbmarathon-Europameister Tadesse Abraham hat beim 34. Basler Stadtlauf nichts anbrennen lassen. Der seit 2011 in Basel ungeschlagene Schweizer setzte sich auf den 7,55 Kilometern in 21:43,4 Minuten durch. Bei den Frauen dominierte die Äthiopierin Helen Bekele Tola (19:25,1 min) das Rennen über 5,9 Kilometer.




Zum ersten Platz hats nicht gereicht für Jörg Greb, aber das war auch nicht das Ziel. Sicher ist: Es gibt ein nächstes Mal. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Konversation

  1. Meine Prosa-Laufvorbereitung hat sich gelohnt:

    Alle Jahre wieder, grüsst das Läuferkind,
    lässt uns alle bieder, schneller als der Wind,
    in der grossen Masse, zweimal rund herum,
    mit der Sportler Klasse, rennen schnell und stumm.
    Schwitzen laufen kämpfen, Lichter Leute schrein,
    wer kommt wohl als erster, in das Ziel hinein?
    Werd ich’s wieder schaffen, nicht verloren gehn?
    Ist doch keine Frage, werd das Ziel beim Endspurt sehn!

    Auflösung:
    Auf der Rangliste steht wer erster wurde!
    Ja, hab es geschafft!
    Ja, sah das Ziel beim Endspurt, mit Schrei und hochgerissenen Armen!

    Bis zum nächsten Jahr! Qui vivra, verra!

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