Vor dem WM-Kampf Stiverne vs Wilder: Die Hoffnung der Schwergewichte

Das Schwergewichtsboxen hat in den Zeiten der Klitschko-Brüder in den USA einen schweren Stand. Um so grösser ist die Hoffnung der US-Box-Szene, dass mit Deontay Wilder ein neuer Champion herangewachsen ist. In der Nacht auf Sonntag muss er sich in Las Vegas gegen den Haitianer Bermane Stiverne beweisen.

Contender Deontay Wilder, right, begins to take verbal shots at WBC heavyweight champion Bermane Stiverne, front left, during a boxing news conference for a Stiverne against Wilder bout, Thursday, Jan. 15, 2015, in Las Vegas. Wilder and Stiverne are to fight Jan. 17, in Las Vegas. (AP Photo/The Las Vegas Sun, L.E. Baskow) LAS VEGAS REVIEW-JOURNAL OUT (Bild: AP Photo/The Las Vegas Sun, L.E. Baskow)

Das Schwergewichtsboxen hat in den Zeiten der Klitschko-Brüder in den USA einen schweren Stand. Um so grösser ist die Hoffnung der US-Box-Szene, dass mit Deontay Wilder ein neuer Champion herangewachsen ist. In der Nacht auf Sonntag muss er sich in Las Vegas gegen den Haitianer Bermane Stiverne beweisen.

Etwas hätten alle Beteiligten schon erreicht, bevor es richtig losgeht, findet der nicht mehr ganz so mächtige Promoter-Zar Don King: In der amerikanisch geprägten Boxwelt ist das oberste Gewichtslimit plötzlich wieder ein Thema. Man tuschele von den Schwergewichten, so King, nachdem sie etliche Jahre lang keine Rolle mehr gespielt hatten, und das allein sei bereits «eine grossartige Sache für den Sport» wie den gesamten Kontinent: «Amerika ist das Land der Schwergewichte, und sie sind zurück.»

Der allzeit exzentrische Impressario hat ein starkes Eigeninteresse daran, die Dinge im besten Licht zu sehen. Wenn am Samstagabend in Las Vegas sein Schützling Bermane Stiverne den Schwergewichts-Titel des WBC (World Boxing Council) gegen Deontay Wilder verteidigt, kassiert er kräftig mit. Er ist der Promoter des 36-jährigen Champions aus Haiti, der einen kanadischen Pass besitzt, sowie zusammen mit Oscar de la Hoyas «Golden Boy Promotion», die den Herausforderer vertritt, Veranstalter des Abends im MGM Grand Hotel.

Comeback in der Casinostadt

Völlig unberechtigt erscheint die These vom Comeback der Kolosse dennoch nicht. Wie sonst könnte der Kampf in jenem renommierten Hotelressort der Casinostadt steigen, das vielen als Epizentrum des Box-Business gilt? Seit August 2006 (Oleg Maskaev K.o.-Sieger in Runde 12 bei der WBC-WM über Hasim Rahman) hat man sich dort nicht mehr für die oft so trägen Giganten, sondern lieber für flinke Welter- bis Mittelgewichte wie Manny Pacquiao, Floyd Mayweather Jr. etc. interessiert. Zumal die Gebrüder Klitschko das oberste Limit auf unbestimmte Zeit auf wenig fulminante Weise beherrschten.

Mit dem Rücktritt des politisch aktiven Vitali Klitschko aber ist letztes Jahr eine neue Situation entstanden: Plötzlich war der Gürtel des WBC-Verbands nicht mehr im Familienbesitz. Er wurde die Beute des nun 36-jährigen Stiverne, der im Mai den Kalifornier Chris Arreola in sechs Runden verschliss. Ein Verlegenheits-Champion ohne Ausstrahlung, wie es über den bulligen, gerade 1,88 Meter grossen Normalausleger schnell hiess – aber auch ein besonderer Triumph: Mit «B.Ware» hat zum ersten Mal ein Haitianer den Titel im Schwergewicht erobert, den kaum einer auf der Rechnung hatte.

Eine gute Nachricht für Haiti

Haitis Präsident Michel Martelly rief den Spätberufenen noch am gleichen Abend an, um ihm zum WM-Coup zu gratulieren. Man habe nichts Besonderes ausgetauscht, so Stiverne, nur «Love and Support», Liebe und Unterstützung. Der noch immer von den Folgen eines verheerenden Sturms geplagte Karibik-Staat kann jede gute Nachricht gebrauchen, und gerade seine Boxer liefern sie. Auch Stivernes Landsleute Adonis Stevenson, WBC-Weltmeister im Halbschwergewicht, sowie Andre Berto (Weltergewicht) und Jean Pascal (Halbschwergewicht) haben sich in den letzten Jahren in der Weltelite ihres Kampfsports fern der Heimat etabliert.

Und siehe da: Mit der Bestätigung durch den WM-Sieg schlägt der bisher so zurückhaltende Stiverne (24 Siege, 1 Remis, 1 Niederlage) auf einmal auch lautere Töne an. Sein ungeschlagener Kontrahent Deontay Wilder sei doch bloss «ein Clown», so der Weltmeister, der noch nie auf der höchsten Profi-Ebene geboxt habe – gefüttert von lauter mediokren Aufbaugegnern. «Er kommt sich vor wie in der WWE», lästerte «B.Ware» in Anspielung auf das Catcher-Spektakel der World Wrestling Entertainment. Um so härter werde die Strafe dafür ausfallen: «Am 17.Januar werde ich Wilder weh tun und ihn ausknocken, und die Bilder davon werden für sehr lange Zeit im Gedächtnis der Leute bleiben.»

Kann Wilder die grossen Hoffnungen erfüllen?

Nächster Gigant oder bloss nächster Hype: Darüber wird in der Szene in puncto Wilder schon länger debattiert. Mit 32 Abbruchsiegen in 32 Profi-Vergleichen besitzt Amerikas letzter Medaillengewinner bei Olympia (Bronze in Peking 2008) einen makellosen Kampfrekord. Der 2,01 Meter grosse «Bronze Bomber» aus Alabama setzt seine immense Reichweite in furchterregende Schlagkraft um, fast alle Triumphe kamen in wenigen Runden zustande. Entsprechend gross ist das Selbstbewusstsein: Vor dem ersten WM-Kampf seiner Karriere verspricht auch er einen Knock-out.

Wilder will Klitschko, heisst es, mit dem er schon mehrfach gesparrt hat, und die USA wollen Wilder – weil er mit seinen physischen Dimensionen eher dafür geeignet scheint, sich gegen den 1,98 Meter grossen Ukrainer zu behaupten, und nicht zuletzt auch, weil er US-Bürger ist. Er könnte der erste Schwergewichts-Weltmeister aus den Staaten werden, seit der New Yorker Shannon Briggs den Titel der WBO am 2.Juni 2007 an Sultan Ibragimow verlor. Das könnte ein Hinweis darauf sein, was geschieht, wenn in Las Vegas keine Niederschläge, sondern drei Punktrichter entscheiden – was allerdings die wenigsten Insider für wahrscheinlich halten.

Das Schwergewichtsboxen wird so oder so davon profitieren, dass man wieder von seinen Titelkämpfen spricht. Schon heisst es, dass dem Sieger des Duells in absehbarer Zeit ein Termin mit Wladimir Klitschko winkt; der Dreifach-Champion, der im Januar Vater geworden ist, würde nur zu gern den letzten Gürtel der vier weltweit anerkannten Verbände erobern. So weit ist es einstweilen noch nicht: Dieses Mal schaut Europa nach Amerika, und so hat es nicht nur Don King am liebsten.

Im TV wird der Kampf auf DMAX übertragen, der in der Schweiz teilweise empfangbar ist. Mehr dazu auf der Website von DMAX.

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