War sie wirklich so schlimm, diese Europameisterschaft?

Viel wird geschnödet über die grosse Messe des Fussballs. Ein zaghafte Widerrede.

Iceland's Birkir Bjarnason, left, falls while fighting for the ball with France's Moussa Sissoko, right, during the Euro 2016 quarterfinal soccer match between France and Iceland, at the Stade de France in Saint-Denis, north of Paris, France, Sunday, July 3, 2016. (AP Photo/Michael Sohn)

(Bild: Keystone/MICHAEL SOHN)

Viel wird geschnödet über die grosse Messe des Fussballs. Ein zaghafte Widerrede.

Dass Frankreich, einmal abgesehen von marodierenden russischen Hooligans, verschont geblieben ist und der Terror die Bühne der kontinentalen Fussballmesse nicht genutzt hat, wurde in den Betrachtungen dieser Euro 2016 auch noch erwähnt. Dass das Wetter in den ersten zwei Turnierwochen bescheiden war und sich die Public Viewings nicht so füllten wie erhofft, auch. Man fühlte sich an 2008 erinnert und wähnte die ersten verregneten Tage in der Schweiz und Österreich zurück. Sommermärchen gibt es eben nicht auf Bestellung.

Die Franzosen haben zwar das Finale vergeigt, aber, das muss man ihnen unbedingt zugutehalten, das Beste gemacht aus diesem schwer beladenen Turnier. Der Fussball dagegen bezieht Prügel. Die einen halten die Euro 2016 für die schlechteste Endrunde seit ihrer Erfindung, andere finden weite Teile davon einfach nur sterbenslangweilig.

Am liebsten geschnödet wird über die Ausweitung des Teilnehmerfeldes, über die Verwässerung des Turniers und des fussballerischen Niveaus und über den zweifellos unbefriedigenden Modus, in dem zwei Wochen lang gespielt wird, um 8 von 24 Mannschaften auszusortieren und die Gruppendritten tagelang tatenlos in ihren Quartieren ausharren müssen, um dann nach Hause geschickt zu werden.

Gab es dann auch noch: Das Team der Endrunde aus der Sicht des Veranstalters, der Uefa. (Bild: uefa.com)

Ein Motiv der Aufblähung liegt auf der Hand: Mehr Teams = mehr Spiele = mehr Einnahmen für die Uefa. 1,9 Milliarden Euro setzt die europäische Fussballunion mit der Euro 2016 um. Dies, nur nebenbei bemerkt, seit der Suspendierung von Präsident Michel Platini mehr oder weniger führungslos, was wiederum ein schöner Beleg ist für die relative Entbehrlichkeit der skandalumtosten Funktionärskaste.

Mit in den Chor der Stänkerer und Lästerer (Ewald Lienen: «In der ersten Woche bin ich auch mal weggenickt») stimmt auch Lucien Favre ein. Spannend natürlich das Interview mit dem «Spiegel», schonungslos sein Urteil: «Vor allem die Gruppenphase war unfassbar langweilig. Ein Horror.»

Der für seine offensiv ausgerichtete Fussballlehre geschätzte Monsieur Favre vergisst nur eines: Im Gegensatz zu einem Clubtrainer, der er nun nach selbstgewählter Auszeit wieder in Nizza ist, hat ein Nationaltrainer verflixt wenig Tage, um aus einem Haufen Spieler eine Einheit zu formen. Im Grunde verdichtet sich die Arbeit und das Urteil darüber auf drei Vorrundenspiele, die über das weitere Wohl und Weh in einem Turnier entscheiden.

Davon kann sich die Schweizer Nationalmannschaft zwar nichts kaufen, sagt aber was über ihre Spielkultur aus: die Ballbesitztabelle. (Bild: uefa.com)

So gesehen ist uns zum Beispiel bei den Spielen der Schweizer Nationalmannschaft nicht wirklich langweilig geworden. Im Gegenteil: Wir haben mitgezittert, bis das Nullzunull gegen Frankreich und der Achtelfinal feststanden. Übrigens mit überlegtem Ballbesitzfussball erreicht, wie ihn nur wenige hinbekommen haben, bloss mit dem kleinen, aber sehr wesentlichen Makel, dass der Tordurchschnitt der Schweizer (0,75) schliesslich deutlich unter Turnierschnitt lag.

Haben sich die Spanier vor vier Jahren nicht auch mühsam ins Finale getikitakert?

Mit einem hat Ewald Lienen, der in der Nische auf St. Pauli seinen dritten Frühling erlebt, natürlich völlig recht: «Das Fussballgeschäft ist aufgebauscht, und die Spitzenspieler, von denen wir an einem solchen Event Topleistung erwarten, sind völlig überlastet.» Das beschäftigt auch Lucien Favre, dem vor weiteren Ausdehnungen der WM auf 40 Teilnehmer und der EM auf 32 graut: «Wenn die Zuschauer die Nase so voll haben von Partien ohne Tempo und Esprit, wird es einen grossen Knall geben.»

Den haben vor Favre allerdings schon andere befürchtet. Was aber passierte: Der Fussball expandiert immer weiter. Gerade frohlockt auch das Schweizer Fernsehen: Über 1,5 Millionen Zuschauer waren der Spitzenwert dieser Euro bei Schweiz-Frankreich, bei Schweiz-Polen wurde ein Marktanteil von über 76 Prozent erreicht und das Endspiel erreichte die zweitbeste Marke.

Und dann gewinnt am Ende eben eine Mannschaft, die nicht viele auf der Rechnung hatten. Mit einem pragmatischen Ansatz. Wie die Portugiesen sich einigen Widerständen zum Trotz durchgesetzt haben, mag ihnen schon deshalb gegönnt sein, weil sie 2004 bei ihrem Heimturnier an der von Otto Rehhagel errichteten griechischen Betonmauer Tränen vergossen.

Und auch das sei zur Verklärung früherer Europameisterschaften angemerkt: Was mussten sich die Spanier vor vier Jahren alles anhören, als sie sich durchs Turnier tikitakerten, gegen ebendiese Portugiesen nach einer Nullnummer erst im Elfmeterschiessen ins Endspiel einzogen, welches dann gegen ermattete Italiener nach 41 Minuten quasi entschieden war. Da haben uns die Portugiesen eine vergleichsweise schöne Pointe geliefert. Wem das nicht genug an Unterhaltung und Spektakel ist, dem muss dringend eine andere Freizeitbeschäftigung anempfohlen werden.



Football Soccer - Wales v Portugal - Euro 2016 - Semi final - Lyon, France - 6/7/16 - A Portugal team T-shirt for sale is seen hanging outside a cafe in Lyon before the semi-final against Wales. REUTERS/Stefano Rellandini

Aufgebauschtes Geschäft: Der Fussball muss sich einiges anhören nach dieser Europameisterschaft. (Bild: Reuters/STEFANO RELLANDINI)

Artikelgeschichte

Die Illustration mit den Fangesichtern stammt von der Sport-Titelseite der NZZ am Sonntag vom 10.7.2016

Nächster Artikel