Wie sich Profi-Boxer durchschlagen

Profi-Boxer – klingt irgendwie nach Geld und Glamour. Aber dort, wo Karrieren aufgebaut werden, sieht es etwas anders aus.

Angelo Gallina, Boxtrainer und Manager des Schwergewichtsboxers Arnold "The Cobra" Gjergjaj, im Boxkeller des Boxclubs Basel in Basel am Dienstag, 26. August 2014. (KEYSTONE/Georgios Kefalas) (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

Profi-Boxer – klingt irgendwie nach Geld und Glamour. Aber dort, wo Karrieren aufgebaut werden, sieht es etwas anders aus.

Das Gespräch ist kurz, aber intensiv. «Hallo? … Wer da? … Nein. … Kein Interesse. … Schreiben Sie mir eine E-Mail. … Bye, bye. … Nein, kein Interesse, thank you. Bye, bye.» Der Hörer knallt auf die Gabel. Der Bildschirm ­eines Laptops zeigt die E-Mails afrikanischer und südamerikanischer Manager, die in langen Listen ihre Kämpfer anbieten. Willkommen in der Küche von Angelo Gallina. Willkommen in der Welt des Profi-Boxens, in der am frühen Morgen durchaus unbekannte Inder anrufen können, um an einen Deal zu kommen. «Eine grobe, raue Szenerie», sagt Gallina. Es ist nicht wirklich die seinige. Daraus macht er keinen Hehl.

Aber Gallina hat ein Projekt. Oder vielleicht eher – ein Baby. Den Schwergewichtler Arnold Gjergjaj vom Boxclub Basel. Wegen ihm ist Gallina überhaupt Box-Manager. Wegen ihm bleibt er es noch eine Weile, weil er ihm die bestmögliche Karriere als Profi ­ermöglichen will. Doch wie geht das ­eigentlich – hier, weit weg von der Glitzerkulisse der Klitschko-Brüder, ohne Milchschnitte-Spots und Mercedes-Werbevertrag?

Profis ohne Einkommen

Eigentlich ist ja schon der Begriff ­«Profi-Boxer» zutiefst missverständlich. Denn wer von den Amateuren ins Profilager wechselt, kann deswegen noch lange nicht von seinem Sport ­leben. Gesicherte Einnahmen gibt es keine. Dafür viele Auslagen. «Du musst Geld in die Hand nehmen», sagt Gallina, «und dann musst du es ausgeben.»

Anders als in Teamsportarten reicht es im Boxen eben nicht, sich einem Club anzuschliessen und mit genügend Talent gesegnet zu sein. Und im Gegensatz zu anderen Einzelsportarten wie Tennis gibt es auch keine einzelne, übergeordnete Organisation mit Turnieren und Weltrangliste.



Arnold Gjergjaj und sein Trainer Angelo Gallina im Training.

Arnold Gjergjaj und sein Trainer Angelo Gallina im Training. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

Das macht das Organisieren einer Karriere kompliziert. Und für Aussenstehende wird es nicht einfacher, den Überblick zu behalten. Das Boxen ist eine Welt mit vielen Wahrheiten. Wer mit ein paar Schweizer Exponenten spricht, erhält schnell den Eindruck, dass natürlich jeder weiss, wie es richtig gemacht wird. Vor allem aber ­wissen alle, wie es nicht gemacht wird – nämlich so, wie es die anderen tun. Oliver Dütschler zum Beispiel ist einer, über den in der Szene viele eine ­Meinung haben. Der Manager selbst stellt nüchtern fest: «Grundsätzlich ist jeder mit jedem verkracht. In der Schweiz sowieso.»

Es muss investiert werden

Immerhin in einer Grundvoraussetzung sind sich alle einig: Wer einen Boxer aufbauen will, muss investieren. Ein Profi braucht Kämpfe, die der Manager organisieren muss. Und das kostet Geld. Wie viel, da gehen die Meinungen schon wieder auseinander. Gallina rechnet bei einem Kampf, den er für Gjergjaj organisiert, mit rund 1500 bis 2500 Euro Gage für den Gegner plus Reise, Verpflegung und Unterkunft für den Gastboxer samt Entou­rage. Dazu kommen 600 Franken Verbandsabgaben für Swiss Boxing und die Kosten für die Veranstaltung selbst. Bei den Boxeo-Abenden (siehe Box) kommen da zwischen 10’000 und 70’000 Franken zusammen.

Und je weiter nach oben ein Boxer kommt, umso teuerer wird die Angelegenheit. Rund 250’000 Franken habe er wohl investiert, schätzt Manager Daniel Hartmann, bis er seinen Schützling Yves Studer dorthin gebracht hat, wo er jetzt steht. Der Berner ­Mittelgewichtler ist Weltmeister des International Boxing Council (IBC) – einem Verband, der nicht zu den grossen Vier gehört. Vor allem aber könnte ­Studer demnächst die Chance winken, um den WM-Titel der International Boxing Federation (IBF) zu kämpfen. Und die gehört zu den vier einflussreichsten Verbänden.

So ein WM-Gürtel kann aber auch viel günstiger erworben werden. Das macht Oliver Dütschler mit seinen zwei Boxern Gabor Veto und Agron Dzila vor. Beide sind Weltmeister. Und das mit weit geringeren Investitionen. «Titel gibt es wie Sand am Meer», sagt Dütschler. Viele sind dazu noch vakant. Alles, was es da für einen Titelkampf braucht, ist die Anfrage an den jeweiligen Verband, zwei Boxer und das Geld, um Veranstaltung und Abgaben zu bezahlen. «Den Verbänden geht es bei diesen Kämpfen nur um eines: darum, dass sie Gebühren einnehmen können», sagt Dütschler.

Für Dzilas Kampf um den Junioren-WM-Titel schickte so die World Boxing Organisation (WBO), ebenfalls eine der ­«Major Four», im Voraus eine Forderung über 1915 Dollar. Kosten für den WM-Gürtel inbegriffen, Transportkosten und Zölle exklusive. Dazu 1150 Dollar für drei Judges, einen Ringrichter und einen Supervisor.

WM-Titel mit 25 Prozent Rabatt

Der 23-jährige Dzila kann sich also nach 15 Profi-Kämpfen genauso Weltmeister nennen wie der 22-jährige Gabor Veto (27 Kämpfe, 27 Siege). Bei ihm hatte sich Dütschler zwischen einem Kampf um einen Titel des renommierten World Boxing Council (WBC) und der weniger bedeutenden Global Boxing Union (GBU) zu entscheiden. Die Rechnung war schnell gemacht. Bei der WBC hätte der Kampf rund 10’000 Euro gekostet – bei der GBU gab es den WM-Gürtel für einen Viertel der Kosten.

Wenn sich aber jeder, der genügend Geld hat, einen Titelkampf kaufen kann, ergibt sich der sportliche Wert solcher Kämpfe folglich nicht aus dem Titel, sondern allein aus dem Kontrahenten, gegen den er errungen wird.

Beim Schweizerischen Boxverband jedenfalls ist Dütschler gar nicht gerne gesehen. Auf der Homepage von Swiss Boxing ist die Warnung aufgeschaltet, nicht mit sogenannten «Piratenver­bänden» zusammenzuarbeiten. Gemeint sind unter anderem Dütschlers Veranstaltungen, die nicht unter der Fahne von Swiss Boxing laufen. Dütschler spart damit nicht nur Verbandsabgaben, er umgeht auch die strikten Vorgaben der Berufsbox-Kommission, die jeden Kampf absegnet, der unter dem Label des Schweizer Verbands ausgetragen wird.

Präsident der Kommission ist Peter Stucki. Und dessen Ansichten werden, vorsichtig ausgedrückt, nicht von allen Managern geteilt. Daniel Hartmann sagt es so: «Herr Stucki meint es sicher gut. Er neigt aber dazu, alles besser zu wissen.» Die grössten Konflikte ergeben sich daraus, dass Stucki aktiv in die Karriere eines Profiboxers eingreift, indem er immer wieder Gegner ablehnt, die er als zu schwach erachtet.

Stucki selbst sieht seine Rolle darin, «zu verhindern, dass Fallobst einge­flogen wird». Boxer also, bei denen von vornherein feststeht, dass sie den Kampf verlieren werden. Er argumentiert dabei auf der juristischen Ebene: «Sollte ein Unfall im Ring geschehen, kann das straf- und zivilrechtliche Folgen haben. Da bin ich haftbar, wenn ich einen Kampf zulasse, bei dem von vornherein klar ist, dass ein Kämpfer dem anderen weit unterlegen ist.»

Vielen Managern gehen die Vorgaben allerdings zu weit, die Stucki ihnen macht. Zumal der Verband den Profi-Boxern keinerlei Hilfestellung geben kann, wie Stucki zugibt: «Wir können nur die Amateure unterstützen. Die Profis funktionieren als Einzel-Unternehmen.»

Ein 51-Jähriger als Aufbaugegner

Und denen würden von der Profi-Kommission erst noch Steine in den Weg gelegt, findet Angelo Gallina, indem er auf den Karrierenbeginn der Box-Millionäre Wladimir und Vitali Klitschko verweist: «Die haben am Anfang praktisch jede zweite Woche gegen irgendwelche Nieten gekämpft. Warum soll uns das in der Schweiz verwehrt werden?» Gallina ist ein gebranntes Kind; wegen ­Stucki musste er schon Kontrahenten für Gjergjaj auswechseln. «Es geht ins Geld, wenn du statt eines Gegners für 1500 Euro einen für 2500 Euro verpflichten musst.»

Hartmann ist eher bei Gallina, wenn er sagt: «Ein Boxer muss sorgsam aufgebaut werden. Deshalb am Anfang leichtere Gegner und die besten und stärksten zum Schluss.» Und Dütschler fährt eine Linie, die wohl nur konsequent genannt werden kann: «Am Anfang geht es nur darum, eine gute Kampfbilanz zu bekommen. Da kämpft man auch gegen Kontrahenten, die einen boxerisch weniger weit bringen als ein Sparring.» Also lässt er relativ humorlos auch mal 51-Jährige als Aufbaugegner seiner Boxer in den Ring. Und weil er seine Kämpfe nicht unter Swiss Boxing veranstaltet, kann er daran auch nicht gehindert werden.

Der Schritt auf die nächste Stufe

Gallina sieht bei seinem Kämpfer ­Gjergjaj die Aufbauphase nach 14 Siegen in 14 Kämpfen abgeschlossen: «Wir müssen die nächste Epoche einläuten.» Am 17. Dezember wird der Prattler deswegen erstmals gegen einen Boxer antreten, der nicht aus Osteuropa stammt. Das verkleinert für Gallina vielleicht das Risiko, dass ihm wieder einmal ein Gegner 24 Stunden vor dem Kampf mit der fadenscheinigen Begründung absagt, er sei «in einen Bettpfosten geknallt».

Aber es entledigt den Manager nicht seiner schwierigsten Aufgabe: «Wir brauchen eine Finanzierung.» Schon alleine, um die Trainings zu bezahlen. Oder die Sparringpartner, die ebenfalls eingeflogen werden müssen und rund 250 Franken pro Tag verdienen, Reisespesen nicht einberechnet.

Wobei die Geldfrage Boxern aus der Schweiz auf jeder Stufe ihrer Karriere treu zu bleiben scheint. Auch Yves ­Studer nämlich zittert wegen des schnöden Mammons um seinen WM-Kampf gegen den Australier Daniel ­Geale. Hier könne das Schweizer Fernsehen zum Problem werden, sagt ­Manager Hartmann: «Weil es zu wenig für die Übertragung bezahlen will. Da suchen sich die Australier lieber einen Kämpfer aus einem Land, dessen Fernsehmarkt mehr Geld bringt.» Daran kann dann auch die sorgfältigste Karriereplanung nichts ändern.




(Bild: Basile Bornand)

Quellen

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09/12/11

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