Zweiteilung der Macht in Federers Seuchensaison

Mit Andy Murrays Sieg an den ATP-World-Tour-Finals endet die Saison 2016. In dieser löste der Schotte den Serben Novak Djokovic an der Spitze der Weltrangliste ab. Zwischen den zwei Topspielern und dem Rest der Welt klafft eine erschreckend grosse Lücke.

Andy Murray of Britain, left, speaks to Novak Djokovic of Serbia after winning the ATP World Tour Finals singles final tennis match at the O2 Arena in London, Sunday, Nov. 20, 2016. (AP Photo/Alastair Grant)

(Bild: Keystone/ALASTAIR GRANT)

Mit Andy Murrays Sieg an den ATP-World-Tour-Finals endet die Saison 2016. In dieser löste der Schotte den Serben Novak Djokovic an der Spitze der Weltrangliste ab. Zwischen den zwei Topspielern und dem Rest der Welt klafft eine erschreckend grosse Lücke.

Auch bei der Weltmeisterschaft der Tennisherren hat sich ein vertrautes Bild geboten. Es war sozusagen ein Wiedersehens- und Wiedererkennungseffekt, diese Kräfteverteilung, der Kampf zweier Männer um den Titel und um Platz 1: Das Duell zwischen Andy Murray und Novak Djokovic.

Der alles überstrahlende Zweikampf, das Konkurrenzverhältnis dieses Duos, ist keineswegs neu im Welttennis. Schon seit dem Jahr 2006 duellieren sich die Weggefährten und Jugendfreunde auf der Tour. 

Doch noch nie zuvor beherrschten der Serbe und der Schotte das Geschehen im Wanderzirkus so hartnäckig wie im Jahr 2016. Wie sehr die glorreichen Zwei den Rest der Stars abgehängt haben, beweist der Blick auf die Rangliste: Dort verfügen die ernstzunehmendsten Verfolger wie Milos Raonic (Kanada), Stan Wawrinka (Schweiz) und Kei Nishikori (Japan) alle nur über etwa halb so viele Punkte wie das Spitzenduo.

Ansturm der Next Generation

Das Tennisjahr 2016 war zwar bunter, erfrischender und hier und da unberechenbarer als viele Spielzeiten zuvor, es gab beispielsweise auch zwei Debütanten bei der WM mit dem Österreicher Thiem und dem Franzosen Monfils.

Andy Murray nutzte die Gunst des Augenblicks und setzte zu einer ebenso erstaunlichen wie unwahrscheinlichen Aufholjagd an.

Doch trotz des Ansturms der sogenannten Next Generation, verkörpert auch durch den Australier Kyrgios oder den Amerikaner Fritz – wenn es auf den grössten Bühnen um die wirklich zählenden Titel ging, behielten fast immer Djokovic und Murray die Oberhand.

Drei der vier Grand-Slam-Titel holten sich die Kumpel, nur Stan Wawrinka brach mit dem Sieg am US Open in die Djokovic/Murray-Phalanx ein. Sieben der neun Masters-Wettbewerbe gewannen sie auch – Djokovic vier, Murray drei – und der Schotte verteidigte zudem noch seinen Olympiasieg bei den Spielen in Rio. 

Murrays Aufholjagd

Erstmals in seiner Karriere spielte Murray über Monate auf einem herausragenden Niveau, mit einer Konstanz, die ihm Djokovic, der harte Gegenspieler, lange genug vorgemacht hatte. Nur deshalb schaffte es Murray auch, unmittelbar vor dem WM-Showdown erstmals den Gipfelplatz zu erstürmen, als erster Brite seit Einführung des neuen Wertungssystems.



epa05637070 Andy Murray of Britain arrives to play against Stan Wawrinka of Switzerland during their Men's singles match at the ATP World Tour Finals tennis tournament at the O2 Arena in London, Britain, 18 November 2016. EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA

Gestatten: die neue Nummer 1 der Tenniswelt, Andy Murray. (Bild: Keystone/FACUNDO ARRIZABALAGA)

So gab es in dieser Saison nicht nur eine Zweiteilung der Macht, sondern auch eine kalendarische Zweiteilung. Denn bis zu seinem French-Open-Sieg im Sand von Roland Garros war Djokovic nicht beizukommen. Bis zu jenem lang ersehnten Coup spielte er in einem eigenen Tennis-Kosmos, gewann alles von Rang und Bedeutung, auch schon früh in der Saison die Australian Open. Und dann, auf der absoluten Höhe seiner Kunst, erfasste ihn plötzlich erst die Sinn- und dann die Leistungskrise.

Murray, im Frühsommer noch runde 8000 Weltranglistenpunkte hinter Djokovic abgeschlagen die Nummer 2, nutzte die Gunst des Augenblicks und setzte zu einer ebenso erstaunlichen wie unwahrscheinlichen Aufholjagd an.

Kampf der Besten und Fehlen der Grossmeister 

Erst beim Abschlusschampionat der Saison, nun zum Start in vertauschten Rollen – Murray als Nummer 1, Djokovic als Nummer 2 –, begegneten sie sich wieder auf Augenhöhe. Und beide dominierten sie auch dieses Turnier der Besten nach Belieben, ungeschlagen rückten sie ins Finale vor, zum Gladiatorenkampf um Sieg und Platz 1 für 2016. 

Die beiden alten Grossmeister fehlten in London: Roger Federer und Rafael Nadal. Der Grand-Slam-Rekordsieger wird die von Verletzungen überschattete Seuchensaison als Nummer 16 beenden, der ebenfalls verletzungsgeplagte Matador Nadal als Nummer 9. Ob sie es noch einmal nach ganz vorn schaffen, in die Liga von Murray und Djokovic, wird eine der grossen Fragen der neuen Saison sein.

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Mitarbeit: Chiara Savoldelli (Bildstrecke) 

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