Schlagworte und ein Handgemenge bei Venezuela-Veranstaltung in Basel

Sympathisanten und Gegner des Chavismus gerieten sich am Montagabend in die Haare. Nicht in Caracas, sondern in Basel.

«Alles Lügen!» Eine Maduro-Gegnerin stürmt mit der venezolanischen Flagge die Bühne. (Bild: Michel Schultheiss)

Die Bilder von den Protesten gegen den Präsidenten Nicolás Maduro gehen um die Welt. Und die Presse verschweigt wieder einmal einiges. Das ist zumindest die Ansicht von Carolus Wimmer. Der gebürtige Münchner lebt seit 47 Jahren in Venezuela.

Als Sekretär für Internationales bei der Kommunistischen Partei ist er nun auf Europatournee, um über die «wirkliche» Situation im Land zu referieren. Entsprechend beginnt sein Besuch in Basel mit einer Medienschelte. Alle, die schon einmal etwas Negatives über seine Vortragsreihe geschrieben haben, bekommen ihr Fett weg.

Uncle Sam, der Imperialist

Der Anlass im Unternehmen Mitte ist gut besucht, die Gastgeber heissen PdA Basel, Vereinigung Schweiz-Cuba und Alba Suiza, eine Gruppe für Solidarität mit den Ländern der von Hugo Chávez geprägten bolivarischen Revolution.

Der Titel des Vortrags klingt vielversprechend: Was passiert in Venezuela? Carolus Wimmers Antwort: eine Karikatur des gefrässigen Uncle Sam und eine Auflistung aller Militärinterventionen im «Hinterhof der USA». Der Imperialismus, der hinter den innenpolitischen Problemen des Landes stecken soll, ist überführt und demaskiert. Die Runde nickt zustimmend.

Im Gegensatz dazu stehe der von Chávez eingeleitete Prozess. «Wir sind noch immer im kapitalistischen System, haben aber Fortschritte gemacht», sagt Wimmer. Zugang zu Arbeitswelt, Bildung und Kultur seien etwa Errungenschaften dieser Politik. Erneut folgt ein zustimmendes Nicken.

Unruhe im Saal

Alles wäre so harmonisch, wenn da nur das Raunen aus den hinteren Sitzreihen nicht wäre. Eine Gruppe junger Venezolanerinnen gestikuliert aufgeregt. Endlich steht die Fragerunde an. Der Moderatorin ist die Unruhe im Saal nicht ganz geheuer. Schlussendlich geht das Mikro an eine Venezolanerin. «Ihr solltet nun auch die andere Meinung hören», fängt sie an. «Die lesen wir doch schon jeden Tag in der Zeitung», höhnt einer der Organisatoren, noch ehe sie zu ihrem Statement ansetzen kann.

«Wir haben weder genug Medikamente noch Nahrungsmittel und schon gar keine Sicherheit», meint eine andere Venezolanerin. Ein müdes Lächeln und Kopfschütteln gehen durch die Runde. «Es gibt aber keinen Analphabetismus mehr», kontert eine Maduro-Anhängerin, was die Oppositionellen ihrerseits mit Hohngelächter quittieren.

Schliesslich läuft die Sache vollends aus dem Ruder: Während Carolus Wimmer seine Antwort beenden will, fällt ihm eine weitere junge Frau ins Wort und stürmt mit einer Venezuela-Flagge nach vorne: «Alles Lügen!» Sogleich packt ein Maduro-Sympathisant die Frau unsanft und zerrt sie vor die Tür. Freunde eilen ihr zu Hilfe. Es gibt ein Handgemenge.

Basler werfen den Migrantinnen vor, zu einer «weissen Mittelschicht» zu gehören.

Die Gemüter beruhigen sich wieder, doch nur kurz. Das Theater geht auch ohne Rempeleien weiter. Befürworter von Wimmers Position (mehrheitlich Nicht-Venezolaner) schmähen die Gegenseite (mehrheitlich Venezolanerinnen) als «US-Agentinnen». Es wird immer abenteuerlicher: Basler werfen den Migrantinnen vor, zu einer «weissen Mittelschicht» zu gehören. «Haut ab», dröhnt es schliesslich durch den Saal.

Carolus Wimmer schaltet sich ebenfalls ein: «Mädchen, warum hast du nicht gleich die US-Flagge mitgebracht?» Der Referent und manche Zuhörer sind sich einig: Die Demos gegen Maduro sind vom Ausland orchestriert. Es handle sich schliesslich um von den USA, Israel und Kolumbien geschulte Konterrevolutionäre.

Niederschreien und wegzerren

Was passiert also in Venezuela? Der Abend bietet dazu nicht viel mehr als das, was in den gehässigen Kommentarschreiber-Schlachten über dieses Land zu lesen ist. Hier nur eben mal live, Niederschreien und Wegzerren inklusive.
Ein paar Erkenntnisse gibts dennoch: Die Fronten stehen sich unversöhnlicher denn je gegenüber, selbst 8000 Kilometer von Caracas entfernt. Man will nur die eigene Schallplatte hören, die andere Seite ausreden lassen, das geht gar nicht. Es könnte ja sonst eine spannende Diskussion mit Inhalten statt Schlagworten entstehen.

Konversation

  1. Oberpeinlich, dass sich ein Unternehmen Mitte dazu hergibt, solche Propagandaveranstaltung für das gegenwärtig verbrecherischste Regime Lateinamerikas zuzulassen. Diese Veranstaltung ist eine Ohrfeige für alle aufgeklärten Menschen und für alle verfolgten Venezuelaner. Dass diese Dumpfbacken – wie immer und auch bei ihren kubanischen Freunden – die Schuld immer und einzig auf die USA abschieben ist ihre erste (und einzige) Legitimierung für die Verbrechen, die Korruption und die Unfähigkeit dieser verbrecherischen Dilettanten.

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  2. Schade, all diese Gehässigkeiten. Verhärtete Fronten, auch aus den Kommentaren herauslesbar. Niemand hatte vor, die Wahrheit zu pachten. Wir Organisationen hatten vor, zu informieren und sachlich über die Situation in Venezuela zu diskutieren. Niemand behauptet, unfehlbar zu sein. Über Probleme, Fehler, Differenzen in der Demokratie muss man gemeinsam diskutieren, Lösungen finden, Verbesserungen erarbeiten. Wie kann das noch möglich sein in Venezuela, wenn schon hier, im kleinen Basel, entweder tendenziös berichtet, diskreditiert oder niedergeschrien wird?
    Rosa

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    1. Rosa, dann laden Sie eine Person von der anderen “Front” ( wie Sie es so nennen möchten). Das wäre wirklich fair!

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    2. Ja es ist sehr schade bzw. sehr, sehr traurig. Dies ist aber das Resultat des Präsidenten Maduro und seinen Gefolgsleute.
      Leider ist Venezuela auch kein demokratisches Land mehr.
      Die Regierung unterstützt mit Geld und Waffen kriminelle und mordende Gruppierungen wie die Colectivos. Die Polizei und das Militär regiert mit Willkür. Normale Bürger Venezuelas werden verfolgt und in das Gefängnis gesteckt ohne Begründung (meine Familie ist auch betroffen). Jeder der sich wagt zu erheben wird von der Regierung mundtot gemacht, abgesetzt, ins Gefängnis gesteckt oder Mord steht auch auf deren Ausführungsarbeiten.
      Venezuela ist kein freies Land mehr!!
      Das pure Diktatur oder man erinnere sich an die DDR.

      Ja, man muss sich an den Tisch setzten und Venezuela von Grund auf neu aufbauen. Dies ist aber nicht möglich mit einer kriminellen bzw. diktatorischen Regierung. Diese Kriminellen, Mörder müssen hinter Schloss und Riegel und nicht die Bevölkerung.
      Eine Diktatur wie es Maduro gerne möchte ist nicht die richtige Lösung!
      Ansonsten wird es der Bevölkerung gleich schlecht ergehen wie in Nordkorea. Das Land an Kuba (10-tausende Kubaner leben in Venezuela und haben wichtige Positionen in der Regierung, schon zur Zeit der Chavez Regierung) oder an Russland zu verkaufen ist auch nicht der richtige Weg.
      Venezuela muss sich neu erfinden, nicht aber mit der Maduro-Diktatur und ob die Opposition eine wichtige Rolle spielt in diesem Prozess wird sich zeigen.

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  3. Herr Schultheiss. Es ist sehr schwierig mit Anhänger einer Regierung zu reden, die Menschenrechte, Demokratische Werte, die Würde und das Leben von Milionen von Venezolaner ( die Mehrheit ) nicht respektiert. Eine Regierung, die mit Drogenhandel und der grössten Korruption, die es je in Venezuela gegeben hat, zu tun hat. In Venezuela herrscht eine sehr grosse Not! Mein Vater, ein pensionierte Ingenieur von der sogenannten Mittelschicht, wiegt nur noch 45 Kg bei 180 cm! Weil in Venezuela die älteren Menschen keine Kraft haben Stundenlang vor einem Supermarkt zu stehen. Und vielleicht finden sind gar nichts mehr, weil alles weg ist, weil die Regalen leer sind! Medikamente fehlen ihm auch noch!
    Es erstaunt mich immer wieder die romantischen Vorstellungen der europäischen Linke. Man kann aus seiner Komfortzone Vieles behaupten, die nichts mit der Realität zu tun haben!
    Herr Wimmer hätte lieber das Geld, dass er in dieser Reise durch Europa investiert hat, in venezolanische Strassenkinder investiert. Es sind Kinder, die tagtäglich verhungern! Anstatt Propaganda für eine Regierung von Delinquenten zu machen!
    Josefina

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  4. Ich habe an diesem Vortrag teilgenommen. Ich gehöre zu den Frauen die den Kopf geschüttelt haben als wir so viele Lügen, und öberflächliche und haltlose Argumente gehört haben. Da waren Leute die nur hören wollten wie gemein und gnadenlos mit der Arme Lateinamerika USA ist. Sie wollten nicht eine erliche Meinung hören und der Herr Wimmer hat hervorragend ihre Vorurteile versorgt, aber keiner seiner Aussagen haben mit die Wahrheit zu tun. An diese Vortrag habe ich Objektivität und Klare Argumente vermiss. Als ich zwei Fragen gestellt habe, hatte ich keinen konkrete Antwort bekomme im gegenteil, es würde mir vorgeworfen, dass“wenn ich alles besser weiss, braucht er nicht zu antworten“. Ich bin aus Venezuela gehe jedes Jahr nach meinen Land und leide wenn ich meine Landsleute in so eine schlimme Sustand erleben muss. Meine beste Freundin ist ausgeflippt, weil solche Trägheit einfach unakzeptable ist. Es ist egal wie unfair für unsere Leute in Venezuela die Situation ist, sie wollen nur recht haben und der Macht auf jeden Kosten behalten. Und noch was!! Mir hat Onkel Sam zu diese Veranstaltung nicht geschickt, ich war noch nie in USA, ich ging weil ich meinen Land liebe und es tut mir weh was dort passiert.

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  5. Den Verlauf dieser Veranstaltung konnte man sich bei der Ankündigung bereits vorstellen: Da wollten ein paar Sofa-Bolivaristen sich selbst und ihr ideologisches Shangri-La im engen ein wenig Familienkreis feiern. Da passen Geschichten aus der Lebenswirklichkeit nicht wirklich hinein und werden durch den Neusprech-Ordnungsdienst aus dem Saal komplimentiert

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  6. Der erwartungsgemäss hervorragende Kenner der Situation in Venezuela, Carolus Wimmer, hat die Lage gut und ausführlich beschrieben, wie im auch Text des Artikels teils geschildert. Die Anti-Maduro, bzw. Anti-Chaves-Anhänger, hatten keine Argumente gegen den Redner, oder den Inhalt seines Vortrags. Das Ziel der von den USA und Weiteren (Israel) finanzierten Gegner, auch in Basel, ist einzig und allein, Unruhe zu stiften. Sie sind ein Beispiel dafür, wie die sogenannte – eben auch in Venezuela selbst Unruhe und Krawall stiftende – Opposition, ohne Argumente ist. Danken wir Maduro und der sozialistischen Regierung von Venezuela für ihr engagiertes Einstehen u.a. für Bildung, medizinische Versorgung und soziale Gerechtigkeit, auch über die Grenzen Venezuelas hinaus.

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    1. Sehr geehrter Rodolfo

      Unterstellen Sie also jenen venezolanischen Frauen in Basel, «von den USA und […] Israel» finanziert zu sein, um «Unruhe zu stiften»? Sicherlich können Sie diese Aussage auch belegen. Wenn Sie also Beweise für Ihre Anschuldigung an die Adresse dieser Frauen hier in Basel haben: Her damit.

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    2. Sie wollten doch einen Beleg für die Einmischung bzw. Finanzierung fremder Staaten/Firmen welche zu einem Staatstreich in Venezuela führen sollen. Also einen besseren Beispiel kann man wohl nicht bringen, Frau Tintori ist wohl einer der bekanntesten Kritikerin (Ehefrau von Leopoldo) von Maduro. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt…

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    3. Lieber Pablo, mit Verlaub, doch meine Frage bezog sich ziemlich deutlich auf die anwesenden Venezolanerinnen aus Basel, die u.a. im Post von Rodolfo beschuldigt werden. Hat sich etwa Lilian Tintori am Montag ebenfalls ins «Unternehmen Mitte» geschlichen? Oder haben Sie gesehen, wie die «USA und […] Israel» den Basler Venezolanerinnen einen Geldkoffer überreicht haben? Die beliebte Phrase «Ein Schelm, wer Böses dabei denkt» ist leider noch kein Beleg. Somit muss ich annehmen, dass es bei einer haltlosen Unterstellung bleibt. Man kann sowohl Maduro wie auch die Opposition kritisieren, doch auf den Mann (oder in diesem Fall auf die Frau) zu spielen, bringt uns wohl nicht weiter.

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    4. Guten Abend
      Ihr Artikel schien mir aber nicht gegen Maduro und die sozialistische Regierung gerichtet, auch nicht gegen den Redner. Von daher glaubte ich Sie eher nicht auf Seite der Contras gegen den Sozialismus stehend, sagen wir, Sie schienen mir in etwa neutral. Deshalb verstehe ich Ihre Reaktion nicht.

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    5. Gerne lasse ich beide Sichtweisen zu Wort kommen. Was aber gar nicht geht, sind nicht belegbare Unterstellungen bzw. Argumente ad hominem (so im Stil von «Sie sind ja sowieso nur eine von den Gringos und Israel bezahlte Agentin»). Solche Totschlagargumente, wie sie nach dem Vortrag nun auch in diesen Kommentarspalten vorkommen, dienen in der Regel nur dazu, der anderen Seite nicht zuhören zu müssen.

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  7. Wie blind sind solche selbstherrliche Menschen, die ein solch verlogenes und mordendes Regime bei Veranstaltungen in demokratischen Ländern gewissenlos vertreten und glorifizieren können?
    Eine Schande für Venezuela!
    Auch wenn man gewisse positive „Errungenschaften“ der Herrschaft von Hugo Chavez abgewinnen kann, ist gerade er, der der Venezuela auf diesen zerstörerischen und isolierten Weg führte.
    Und dies vollendet nun sein „Schüler“ Maburro komplett.
    Dieser Weg führt ins Verderben und ist zum Scheitern verurteilt.

    Wie einst Fidel Castro gestand: „Das kubanische Modell funktioniert selbst bei uns nicht mehr.“

    Es gibt nur eins:
    „Nehmt Maduro und seine mordenden Schergen und setzt sie in ein Bus und lasst sie in die Hölle fahren. Der Busfahrer Maduro bzw. Maburro kennt sicherlich den Weg dorthin.“

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  8. Egal nach welcher politischen Etikette (die meisten sind sowieso nichtssagend) ist es eine Tatsache, dass die USA ein Imperium ist. Guatemala, Chile, uff! die Liste der amerikanischen Interventionen in seinem „Hinterhof“ ist lang. Deswegen jede Politik, die diese Tatsache ignoriert ist zum Scheitern verurteilt. Aber die Krise in Venezuela ist nicht nur den USA zu „verdanken“. Maduro lässt jede Klugheit vermissen und seine Kompetenz als Regierungschef ist mehr als zweifelhaft.

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