Sie liessen die erste Wohnstrasse der Schweiz aus Betonkübeln wachsen

Ausgerechnet Verlustängste und Kinderlärm ermöglichten Ruedi Bachmann, in der Kleinbasler Bärenfelserstrasse mit Gleichgesinnten sein Lebenswerk anzupacken. Jetzt feiern die Pioniere der Begegnungszonen ein rundes Jubiläum.

In der Nummer 36 befindet sich das Herzstück der Wohnstrasse. Hier kochen Judith und Ruedi Bachmann jeden Freitag für die Anwohner. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Mehr als 80 Begegnungszonen zählt Basel heute und es werden immer mehr. Stets auf Wunsch der Anwohner: Es braucht eine Zweidrittelmehrheit, damit der Kanton den Umbau geeigneter Strassen in Angriff nimmt. Dann aber rollt der Verkehr bald nur noch mit maximal 20 Stundenkilometern und die Fussgänger geniessen Vortritt. Eine Wohn- und Spielstrasse eben.

Solche Abstimmungen sind heute nur noch eine Formalität. Eine Umfrage des Bau- und Verkehrsdepartementes diesen Sommer ergab: Mehr als 80 Prozent der Befragten schätzen diese Zonen – und vor allem nutzen sie sie.

1976 wurden in Basel die Umwandlung zur Wohnstrasse jedoch von allen vier auserwählten Quartierstrassen abgelehnt. «Die Stadt suchte angestrengt nach Projekten zur Steigerung der Lebensqualität, um die Abwanderung aufs Land zu stoppen. Die Anwohner der ausgewählten Pilotstrassen fürchteten jedoch die Zunahme von Kindergeschrei, den Verlust ihrer Parkplätze und damit auch sinkende Gebäudepreise», erinnert sich Ruedi Bachmann.

Der 76-jährige Architekt sass damals in der Gruppe der Stadtplaner. Er nutzte die Gunst der Stunde und brachte seine eigene Nachbarschaft ins Spiel: die Bärenfelserstrasse. «Die Stadt brauchte dringend einen Erfolg und so wurde hier ein provisorisches Pilotprojekt gestartet, veranschlagt auf zwei Jahre.»

Die Freaks von damals sind heute salonfähig

Gut 40 Jahre später sitzt Bachmann am offenen Mittagstisch in der Bärenfelserstrasse 36. Wie jeden Freitag hat er hier mit seiner Frau Judith gekocht. Früher wollten sie täglich Mittagessen servieren, als Kantine für die Arbeiter der damaligen Elektrofabrik.

Weil Bachmann Alkohol ausschenken wollte, wehrte sich der Wirteverband, was zu einem Briefwechsel mit über 80 Seiten Umfang führte. Doch die Arbeiter wollten sowieso nicht bei den Alternativen essen. Als die Fabrik schloss, baute Bachmann sie um. Heute beleben Ateliers und Familien die alten Werkhallen.

Alles Stoff fürs Strassenarchiv. Auch das findet man im Haus Nummer 36. Bachmanns siebte Adresse an der Bärenfelserstrasse ist sowohl Stube als auch Herzstück der Wohnstrasse. Heute gibt es Suppe, Salat, Risotto und Wurst mit saisonalem Gemüse, zum Abschluss ein Chächeli Brombeerencreme – alles so regional und bio wie möglich. Die längste Reise hat der Reis hinter sich. Er kommt aus dem Tessin.

Für den offenen Mittagstisch wird gesund gekocht, noch wichtiger sind aber die Gespräche.

Es könnte ein Treff junger Weltverbesserer sein. Früher wurden die rund zehn Stammgäste von den Anwohnern auch als Freaks bezeichnet. Doch so wie dieser Begriff heute durchaus positiv konnotiert ist, so sind auch viele ihrer Ideen in breiten Teilen der Gesellschaft salonfähig geworden: Freiraum, bezahlbare Wohnungen, Kinder als Integrationshelfer, nachhaltiges Bauen und Leben, Kampf gegen Bauspekulation, Mitsprache und Engagement bei der Umgestaltung des öffentlichen Raumes.

Der Nachgeborene am Tisch lauscht und staunt über den damaligen Widerstand von Behörden und Bewohnern, deren Bünzlitum Bachmann schon mit 15 Jahren aus dem Neubad ins Kleinbasel trieb.

Mehr als 1000 Gäste beim ersten Strassenfest

Jede und jeder von der Bärenfelser Mittagstisch-Zelle hat seine Rolle im Gefüge des Strassenmikrokosmos. Max ist der handwerkliche Allrounder, der Elektroanlagen installiert und Kindervelos repariert. Christa erklärt auf Drängen der anderen, wie sie 1977 das erste Strassenfest initiierte: «Die einzige bauliche Massnahme der Stadt zur Umwandlung in eine Wohnstrasse bestand darin, grosse Betonkübel für Pflanzen auf die Parkplätze zu stellen.»

Die grauen Kübel dämpften die Freude der Bewohner. «Wir brauchten etwas Farbe, Freude und Esprit, um die Strasse zu beleben. Also musste ein Fest her.» Das Fest kam und mit ihm über 1000 Besucher in die Bärenfelserstrasse. Das euphorisierte die Gruppe. Man traf sich fortan einmal in Monat, kämpfte gegen Bauspekulation in der Strasse bis vor Bundesgericht und engagierte sich auch in der Umgebung politisch.

Die Parkplätze sind verschwunden, geblieben ist einfach Platz.

Heute trifft man sich vor allem noch zum freitäglichen Mittagstisch. Leos Rolle ist dabei die des Schöpfers: «Eine biblische Figur», wie er beim Anrichten mit der Kelle lachend kommentiert. All die Anekdoten und Abenteuer dieser engagierten Truppe zeigen: Der wahre Gott der Strasse ist Bachmann – selbst wenn ihm dieser Titel bestimmt  gegen den Strich geht. Doch hat der Architekt einiges kreiert, das die Stadt prägt: vom Spielestrich auf dem Kasernenareal bis zum Verein V.i.P., der nebst anderen Projekten die Zwischennutzung auf dem nt-Areal realisierte und betreute.

Bachmanns Projekte ragen nicht so in den Himmel, wie die meisten grossen Hinterlassenschaften seines Berufsstands. Umso mehr Tiefgang hat sein Wirken in Bezug auf die Gesellschaft und das soziale Leben. Die Wohnstrasse bezeichnet er selbst als sein Lebenswerk, weil er wirkt, wo er lebt.

Gegenseitige Toleranz

Und das wird nun gefeiert. Allerdings liegt die Leitung nun bei der nächsten Generation von jungen Familien. Sie sind dabei, einen Kindermittagstisch aufzubauen und bringen weitere Projekt ins Laufen.

Für das diesjährige Bärenfelser Strassenfest, die Jubiläumsausgabe, hat das neue OK ein bunt gemischtes Programm auf die Beine gestellt. Die Mittagstisch-Zelle freut sich darauf und ist sich einig: «Es darf ruhig auch etwas laut werden. Irgendwo werden wir schon plaudern können.»

So sieht Generationen übergreifendes städtisches Wohnen aus – zumindest an der Bärenfelserstrasse. Bleibt zu hoffen, dass sich auch diese gegenseitige Toleranz in den nächsten 40 Jahren in ganz Basel durchsetzt.

Konversation

  1. Und wenn die einen ihr «Paradiesli» auf dem Land schützen wollen, dann sind die «reaktionär».

    Und wenn die anderen ihr «Paradiesli» in der Stadtstrasse schützen wollen, dann sind die «fortschrittlich».

    Verstehe dieses «Denken» wer will.

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