Tausende belastete Bahnschwellen lagern im Hafen – und keiner fühlt sich zuständig

Die Rhenus AG hantiert seit Monaten im Hafen mit alten Eisenbahnschwellen. Das behandelte Holz gilt als giftiger Sondermüll, dennoch fliegt massenweise Staub. Die besorgten Nachbarn werden alleine gelassen.

Die Rhenus AG lagert im Kleinhüninger Hafen seit Monaten belastete Eisenbahnschwellen. Angrenzende Gewerbler machen sich Sorgen um ihre Gesundheit. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Wenn Jan Bossert und seine Werkstattkollegen ihren Morgenkaffee draussen auf der Terrasse trinken wollen, müssen sie zuerst den Tisch abwischen. Eine dicke, schwarz-klebrige Staubschicht liegt dort, egal wie oft sie putzen. Vor der Werkstattgemeinschaft am Westquai im Kleinhüninger Hafen stapeln sich seit Monaten Tausende Eisenbahnschwellen.

Die dunkelbraunen Schwellen verströmen einen strengen Teergeruch, ihre Oberfläche glitzert ölig. Den Boden bedeckt ein dicker Teppich aus Holzsplittern und Abrieb.

Die Rhenus Alpina AG, ein Schweizer Ableger des deutschen Logistikkonzerns Rhenus Logistics, nimmt dort Zugwaggons gefüllt mit von den SBB ausrangierten Bahnschwellen entgegen. Diese werden am Hafen zwischengelagert, bevor sie zu einer spezialisierten Kehrichtverbrennunganlage ins Ausland transportiert werden.

Hautkontakt vermeiden

Eine spezialisierte Entsorgung ist nötig, weil diese Bahnschwellen giftige Stoffe enthalten. Mit rund 15 Kilogramm Teeröl wird jede einzelne der Schwellen imprägniert, um einer Verrottung oder einem Schädlingsbefall vorzubeugen. Das Teeröl enthält grosse Mengen sogenannter polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAK), diese sind schwer abbaubar und teilweise krebserregend.

Gemäss einer Untersuchung der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) aus dem Jahr 2000 enthalten die Schwellen am Ende ihrer rund 25-jährigen Einsatzdauer noch zwei Drittel des Teeröls. Der Rest, also 5 Kilogramm, wurde an die Umwelt abgegeben.

Nur ein kleiner Teil der am Westquai gelagerten Bahnschwellen.

Ein weiteres Ergebnis dieser Empa-Studie: Die Abgabe der ausrangierten Bahnschwellen an Private, beispielsweise zur Einfassung von Gartenbeeten oder zum Bau von Spielplatzanlagen, wurde verboten. Der Bund kam zum Schluss, dass die belasteten Schwellen nicht mehr in Wohnsiedlungen weiterverwendet werden dürfen, weil sie auf längere Sicht ein Risiko für die Gesundheit darstellten. Hautkontakt müsse vermieden werden, warnt der Bund.

Das Amt für Umwelt Solothurn schreibt in einem Merkblatt zum Thema:

«Die krebserregenden Komponenten der Teeröle finden sich auch an der Oberfläche der Bahnschwellen und können bei Hautkontakt von Menschen aufgenommen werden.»

Die Schwellen gelten deshalb als Sonderabfälle und müssen mit entsprechender Umsicht behandelt beziehungsweise entsorgt werden.

Unzimperlicher Umgang mit giftbelastetem Material

Besonders vorsichtig geht die Rhenus mit den Schwellen am Westquai jedoch nicht um, wie ein Augenschein vor Ort zeigt. Bergeweise liegen die Schwellen in zwei offenen Depots, eines davon frei zugänglich. In Bahnwaggons werden die Schwellen angeliefert und von einem kleinen Bagger einzeln ausgeräumt. Vor dem Weitertransport müssen die Eisenbeschläge entfernt werden – eine Arbeit, die massiv Staub und Holzsplitter verursacht.

Wiederum einzeln werden die Schwellen danach aufgestapelt und mit Metallbändern verschnürt. Auch diese Arbeit geschieht recht unzimperlich, wie Videoaufnahmen der TagesWoche belegen. Der Bagger lässt die Schwellen aufeinanderkrachen und verursacht so zusätzlichen, giftigen Staub. Und dies alles direkt am Rhein, bei Regen droht belastetes Material ins Wasser zu gelangen.

Angesichts der eindeutig dokumentierten Gesundheitsgefährdung, die von diesen Bahnschwellen ausgeht, wirft der Umgang der Rhenus damit Fragen auf. Läuft hier alles korrekt ab? Werden die nötigen Sicherheitsmassnahmen getroffen? Sollten die Schwellen nicht besser in einem geschlossenen Raum verladen und demontiert werden, wenn dabei derart viel Staub anfällt?

Die Suche nach Antworten gerät zum Behörden-Marathon. Beim Bundesamt für Umwelt sind abgesehen von einem offiziellen Merkblatt wenig verbindliche Aussagen erhältlich, verschiedene Experten verweisen auf die kantonal zuständige Behörde. Dort wiederum, im Amt für Umwelt und Energie (AUE), ist man lediglich für das «Handling von Sonderabfällen» und die Einhaltung der Umweltschutzgesetzgebung zuständig, nicht jedoch für den Arbeits- und Gesundheitsschutz von Rhenus-Mitarbeitern und Angestellten in den angrenzenden Betrieben. Diese Frage wiederum liege in der Verantwortung der Suva.

Angrenzende Gewerbler werden im Ungewissen gelassen

Auch Jan Bossert und seine Werkstattkollegen suchten bei verschiedenen Ämtern nach Rat und wurden dabei ständig weitergereicht. Sie wissen bis heute nicht, wie gefährlich Staub und Dreck auf ihrer Terrasse wirklich sind.

Fest steht, die Rhenus müsste gemäss Luftreinhalteverordnung Massnahmen treffen, um «erhebliche Staubemissionen» zu verhindern. Ausserdem müssten Betriebsabläufe so optimiert und Baumaschinen so ausgerüstet werden, dass Emissionen begrenzt werden. Dies jedoch immer unter dem Vorbehalt, dass dies «technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar» sei.

Beim Handling der belasteten Bahnschwellen fallen haufenweise Staub und Holzsplitter an.

Das AUE in Basel muss überprüfen, ob diese Auflagen eingehalten werden. Wie der dortige Leiter Matthias Nabholz bestätigt, sei die letzte Kontrolle des Bahnschwellen-Depots am Westquai Mitte Mai 2017 erfolgt. Die Rhenus verfüge über die nötigen Betriebsbewilligungen. «Gemäss dieser Bewilligung sind die Staubemissionen zu minimieren», schreibt Nabholz per E-Mail.

Bei der Suva hat man keine Kenntnis über diese Tätigkeiten der Rhenus, wie Mediensprecher Serkan Isik mitteilt. Es bestehe auch keine Meldepflicht. «Die Suva nimmt solche Hinweise jedoch im Sinne einer Anzeige entgegen und geht diesen nach.» Aus Datenschutzgründen könne er aber keine Auskünfte zu Kontrolltätigkeiten in Betrieben geben. Falls bei einer Kontrolle eine Gesundheitsgefährdung festgestellt werde, sei es am verantwortlichen Unternehmen, Mitarbeiter und Anrainer darüber zu informieren, sagt Isik.

Rund 11’000 belastete Schwellen lagern im Hafen

Bruno Imhof, Geschäftsführer der zuständigen Abteilung bei der Rhenus, nimmt ausführlich Stellung zu einem Fragenkatalog der TagesWoche. Die wichtigsten Zahlen und Fakten:

  • Der Bahnschwellen-Auftrag dauert vom April 2017 bis zum März 2018.
  • Pro Woche werden durch die Bahn 300 Tonnen Schwellen angeliefert, eine Schwelle wiegt rund 80 Kilogramm (siehe dazu die Erläuterungen in der Fusszeile). Diese werden zurzeit noch per Lastwagen abtransportiert, ab Herbst sollen dafür jedoch Schiffe eingesetzt werden.
  • Aktuell befinden sich am Westquai rund 11’000 Bahnschwellen (800 Tonnen).
  • Beim Depot vis-à-vis der Werkstattgemeinschaft am Westquai handelt es sich um ein temporäres Zwischenlager, das noch bis Ende August 2017 bestehen soll. Danach werden die Schwellen in Rhenus-eigenen Depots gelagert.

Imhof betont, dass sämtliche Arbeiten mit dem AUE und dem Lufthygieneamt abgesprochen seien und alle notwendigen Bewilligungen vorlägen.

«Die Staubentwicklung bei dieser Güterart ist sehr gering. Wir haben weder vom AUE noch vom Lufthygieneamt zusätzliche Vorschriften bezüglich Schutzvorkehrungen gegen Staub erhalten. Der zuständige Mitarbeiter hat jahrzehntelange Erfahrung im Gleisbau, vor allem im Umgang mit gebrauchten Holzschwellen. Er war noch nie mit einem Staubproblem konfrontiert.»

Zur Wasserproblematik:

«Keinesfalls wird das Rheinwasser mit diesem Umschlagsgeschäft beeinträchtigt. Alle unsere Lagerplätze sind mit einem Entwässerungssystem ausgerüstet. […] wir haben von keiner Seite eine Information, dass sich die Wasserqualität in den letzten drei Monaten verändert hat.»

Im Widerspruch zur Empa-Studie aus dem Jahr 2000 behauptet Imhof ausserdem, dass sich die Giftstoffe nach über 30 Jahren Einsatz im Schienenbereich «ausgewaschen» hätten.

Abschliessend hält Imhof fest: «Zu keiner Zeit sind Mensch oder Umwelt gefährdet.»

Bossert und seinen Werkstattkollegen bleibt nichts anderes übrig, als auf diese Aussage zu vertrauen. Auf eine offizielle Bestätigung durch eine der vielen involvierten Behörden warten sie bis heute vergebens.

Korrigendum:

In einer älteren Version dieses Artikels war von 800’000 Schwellen die Rede, welche derzeit im Hafen gelagert würden. Diese Zahl war falsch und geht auf einen fehlerhafte Aussage seitens der Rhenus AG zurück. Es waren nicht 800’000 Schwellen, sondern 800 Tonnen. 

Konversation

  1. Keine 100 Meter entfernt steht ein Sondermüll-Ofen. Warum als muss solcher Abfall überhaupt im freien gelagert werden?

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    1. Ich kann ihnen aus sicherer Quelle mitteilen, dass Sondermüll durch halb Europa gekarrt wird, damit er möglichst günstig und teils mit EU Subventionen entsorgt werden kann. Schöne.Neue.Welt!

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  2. Ich denke auch, dass diese Geleisebagger fürs Umschichten der Ware mehr Emissionen durch Diesel-Verbrauch und Lärm erzeugen als alle gelagerten Bahnschwellen zusammen. Man beachte im Video-Clip wie das Holz zwischengestapelt (!) wird.

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  3. Wie immer gilt: Sobald es um Arbeitsplätze geht, knickt jede Umweltbehörde ein. Ich arbeitete auch schon für eine Recycling-Firma. Mundschutzmasken für die Mitarbeiter könnte ein erster Schritt sein. Ein grosses Zelt über der kontaminierten Ware ein Zweiter.

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  4. Danke für diesen Sorgen erregenden Beitrag. Es kann nicht kritisch genug kontrolliert werden, ob unser Staat seinen gesetzlichen Pflichten, die uns schützen sollen, nachkommt..

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  5. Das Umweltamt sollte die Baustelle inspizieren, Proben nehmen und eine korrekte Entsorgung innerhalb einer festgesetzten Frist verlangen, so wie es die Schadstoff- und Gefahrgutverordnung vorsieht. Wird nach dieser Zeit (und wir reden hier nicht von einem halben Jahr) das Problem nicht gelöst, kommt der Kanton, erledigt die Arbeit und schickt die Rechnung. Die Giftstoffe gehen bei jedem Regenguss auch ins Gewässer, daran denkt der Brunnenvergifter wohl nicht. Aber ist ja eh am Ende der Schweiz… da nimmt mans nicht so genau, geht ja nur ins Französische und Deutsche. Das es aber, genau wie Atomkraft nicht um ein nationales Problem handelt, will dann niemand bedacht haben…

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  6. Ich kenne die Situation vor Ort persönlich. Erwähnenswert wäre noch der massive Ölverlust des eingesetzten Baggers. Die Gleisanlage ist deswegen mit einer durchgehenden Ölschicht überzogen, welche auch auf den Bilddokumenten dieses Artikels ersichtlich ist.

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    1. Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe der Rhenus dazu folgende Frage gestellt:

      Trifft es zu, dass der eingesetzte Bagger laufend Öl verliert und damit die Umwelt zusätzlich belastet?

      Die Antwort:

      «Am Westquai setzt die Rhenus insgesamt sechs Umschlagsbagger/Gleisbagger ein. Wir warten diese Maschinen vorschriftsgemäss und regelmässig: Sollte ein technisches Problem auftreten, wird es sogleich von der technischen Abteilung behoben.»

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    2. Von sogleich kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Der Bagger verliert seit Beginn der Arbeiten Öl.

      Interessant wäre dazu eine Stellungnahme des AUE, welches ja angeblich im Mai vor Ort war.

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