Wie die BVB das Schienen-Debakel zurechtbiegen

Schlecht gewartete Trams sollen grosse Schäden am Schienennetz verursacht haben, behaupten die BVB. Das Ganze könnte allerdings ein Ablenkungsmanöver sein, wie TagesWoche-Recherchen zeigen.

Sind die Räder schuld an kaputten Schienen oder müssen sie als Sündenbock hinhalten.

Wer bei der Führungscrew der Basler Verkehrsbetriebe (BVB) genau hinhört, muss darauf kommen, dass etwas nicht stimmt. Anfang August trat der BVB-Direktor Erich Lagler vor die Medien und erklärte: Das ganze Schienennetz weist grobe Schäden auf, Schuld daran sind die Räder von 15 Trams, die nicht richtig eingestellt wurden.

Eine Woche später ist sich Lagler plötzlich nicht mehr ganz sicher, wie gross die Schäden wirklich sind und ob daran nur die schlecht eingestellten Räder schuld sind: «Ich glaube, die grossen Ursachen haben wir gefunden. Ob die Schäden massiv sind, wird sich Ende Jahr zeigen», sagte er am 8. August im «Regionaljournal» von SRF.

Laglers widersprüchliche Aussage ist nur ein Indiz, das auf Ungereimtheiten hindeutet. Die TagesWoche hat mit mehreren Insidern aus dem BVB-Kader und der Belegschaft gesprochen. Sie erzählen eine andere als die offizielle Version.

Räder-These widerlegt

Zuallererst sind da die Zweifel an der Räder-These. Kein Verkehrsexperte ausserhalb der BVB findet es plausibel, dass 15 Trams, die einige Monate mit schlecht eingestellten Rädern unterwegs sind, massive Schäden auf dem ganzen Netz hinterlassen. Es seien immer mehrere Faktoren und meist das Zusammenspiel dieser Faktoren, die für Schäden am Schienennetz verantwortlich seien, sagt zum Beispiel der Zürcher Verkehrsexperte Peter Güldenapfel gegenüber dem «Regionaljournal» von SRF.

Warum tritt die BVB-Führung also mit einer These vor die Medien, die sich widerlegen lässt? Ein BVB-Mitarbeiter, der die Vorkommnisse sehr nah mitverfolgte, sagt, es habe keinen Grund gegeben, die Medien zu informieren, zumal das Ausmass der Schäden noch gar nicht klar ist.

Sanierungsrückstand und Freistellung

Ein anderer Mitarbeiter äussert den Verdacht, dass die Sache mit den Rädern ein willkommener Vorwand war, um zwei Dinge zu erreichen:

  1. Mit der Räder-These können die BVB von den eigentlichen Problemen ablenken: zum Beispiel vom Rückstand bei der Sanierung und Wartung der Schienen, der bei den BVB seit Jahren ein Thema ist. Es gibt damit eine Ausrede, respektive eine neue Erklärung, weshalb die Schienen aktuell in einem schlechten Zustand sind.
  2. Mit dem Schienen-Schlamassel könne Lagler auch unliebsame Kadermitarbeiter loswerden. Der Leiter Technik und sein Stellvertreter wurden bereits freigestellt. Mit dem Leiter Technik verschwand nun der letzte Mitarbeiter aus der Geschäftsleitung, der bereits vor Lagler dort sass. Seit Laglers Antritt als Direktor 2014 wurden alle Posten in der Geschäftsleitung neu besetzt.

Wir wollten von Lagler wissen, ob diese Vorwürfe zutreffen. Via Medienstelle antwortet er mit: Nein. Die BVB kommunzierten den Zustand ihrer Geleise transparent: «Bei den jetzt kommunzierten Abnutzungen und Schäden handelt es sich um ein ausserordentliches Ereignis, welches nicht im Zusammenhang mit der generellen Netzabnutzung steht.»

Es gibt aber weitere Details, die Widersprüche zur offiziellen Version zeigen.

Lagler sagt, die BVB hätten per Zufall die Schäden entdeckt und seien dann darauf gekommen, dass die Trams weniger häufig gewartet wurden. Der BVB-Direktor spricht davon, dass es eine Verlängerung der Wartungsintervalle gegeben hätte und dass er darüber nicht ins Bild gesetzt wurde. Auch hätten es die Verantwortlichen, also der Technikchef und sein Stellvertreter, versäumt, das Bundesamt für Verkehr (BAV) darüber zu informieren.

Hat Lagler vom Wartungsrückstand gewusst?

Die Version eines Kadermitarbeiters klingt anders. Er sagt, es sei im Frühjahr zu einem Rückstau bei der Wartung der Combino-Trams gekommen. Das unter anderem, weil in der Abteilung Mechanik das Personal fehlte. Es sei also kein bewusster Entscheid der Technikabteilung gewesen, die Intervalle zu erhöhen, wie es Lagler darstellt, sondern es sei aus der Not heraus passiert.

In einem wesentlichen Punkt widerspricht der Kadermitarbeiter seinem Chef: Der Rückstand bei der Wartung sei Anfang Mai zum ersten Mal in der Geschäftsleitung thematisiert worden. Lagler habe also davon gewusst. Der BVB-Chef streitet das heute ab.

Das BAV wurde, wie Lagler richtig sagte, nicht über den Rückstand informiert. BAV-Sprecherin Florence Pictet erklärt aber, die BVB müssten das gar nicht tun. «Wie und wann die Unterhaltsmassnahmen durchzuführen sind, muss das Transportunternehmen selbst entscheiden, da es am nahesten beim Betrieb ist.» 

Das BAV führt bei den BVB hin und wieder Überprüfungen durch. Die Dauer der Wartungsintervalle seien dort in der Regel kein Thema. Nur einmal wurden die Überwachungsintervalle mit dem BAV abgestimmt: in den Jahren 2002 bis 2005, als an den Combino-Trams grobe Mängel auftauchten.

«Es braucht sehr viel, um jemanden freizustellen»

Kollegen beschreiben den freigestellten Technikchef als loyalen und «topseriösen» Angestellten. «Ich kenne keinen gewissenhafteren Menschen als ihn», sagt einer, der ihn über Jahren kannte. Der Streit zwischen dem Technikchef und Lagler sei nicht offen ausgetragen worden. Aber: «Es waren zwei Menschen, die sich absolut nicht verstanden.»

Der Leiter Technik arbeitete seit rund 30 Jahren bei den BVB, er sei politisch sehr gut vernetzt und lokal verankert – «etwas, das Lagler wohl nicht gut passte».

Ein BVB-Mitarbeiter geniesst die gleichen Rahmenbedingungen wie ein Kantonsangestellter. «Jemanden wie den Leiter Technik zu entlassen oder freizustellen – dafür braucht es nach kantonalem Personalgesetz sehr viel», meint ein Insider.

Tatsächlich muss für eine Freistellung der «geordnete Vollzug der Aufgaben gefährdet» sein. Warum dies im aktuellen Fall zutrifft, führen die BVB auf Anfrage nicht näher aus.

Ein Kadermitarbeiter sagt: «Was die Absicht von Lagler bei der ganzen Sache ist, werden wir erst im September sehen, nämlich dann, wenn die Konsequenzen daraus bekannt gegeben werden.»

Klar ist schon heute: Mit seinen Kommunikationskniffen hat Lagler mehr Ungereimtheiten hinterlassen als Fragen beantwortet.

Konversation

  1. Tramschienen liegen ja auf und im Boden. Das bedeutet im Hochsommer auch mal über 40 Grad Celsius im dunklen Teer und im Winter auch mal Minusgrade, die auszuhalten sind. Eine Schiene sollte nicht brechen, daher darf sie nicht zu hart sein.
    Die Räder dürfen hart sein, damit sie sich nicht zu schnell abnutzen, was dann leider die Schiene beschädigen könnte.
    Vielleicht kommt das Tramsystem langsam an seine Grenzen, weil von ihm zuviel erwartet wird.
    Ob es Zeit wird für die U-Bahn?

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  2. Ist sich denn Lagler nicht bewusst, dass er mit seiner (faulen) Ausrede, dass die Trams die Schienen beschädigen, eine Tramflotte in Geiselhaft nimmt, welche meiner Meinung nach sehr passagierfreundlich ist und sich damit doppelt angreifbar macht, nämlich gehenüber denjenigen, die immernoch darauf pochen, man müsse bei der Trambeschafffung auf „Swiss Made“ beharren (wobei ein Tango aus Teilen zusammengebaut wird, welche in halb Europa gebaut wurde, aber lassen wir diesen Leuten ihren Glauben an „Swiss Made.)?

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