Die Bauernrevolution

Regionale Agrarprodukte boomen, doch das «Bauernsterben» hält an. Innovative Bauern aus der Region Basel zeigen Ansätze, wie die Landwirtschaft überleben könnte.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Regionale Agrarprodukte boomen, doch das «Bauernsterben» hält an. Innovative Bauern aus der Region Basel zeigen Ansätze, wie die Landwirtschaft überleben könnte.

Aus der klirrenden Kälte geht es ins Gewächshaus, wo frühlingshafte Temperaturen herrschen. Auch im Winter wachsen hier Radieschen, Nüsslisalat und Kresse. Stolz zeigt uns Landwirt Andreas Eschbach aus Füllinsdorf seine vollautomatische Radieschen-Ernte-Maschine. «Die kommt preislich an einen Lamborghini ran», so Eschbach.

Um halb zwei fährt der Lastwagen vor, der das Gemüse zum Zwischenhändler bringt. Wenn die Kunden am Vortag viel Sellerie kauften, muss Eschbach mehr Sellerie bereitstellen – hier ist die Nachfrage unmittelbar spürbar.



Andreas Eschbach

Andreas Eschbach (Bild: Hans-Jörg Walter)

Regionale Produkte boomen, die grossen Detailhändler setzen darauf mit Marken wie «Miini Region» oder «Aus der Region, für die Region». Landwirt Eschbach ist skeptisch, ob die Konsumenten mit ihren Kaufentscheiden wirklich etwas bewirken: «Die Konsumenten haben oft fromme Wünsche, handeln aber nicht danach.» Alle reden von regionalen und saisongerechten Produkten, aber wenn Wintergemüse wie Kabis, Kohl, Sellerie oder Nüsslisalat auf dem Menü stehen, kaufen die Leute trotzdem Mango-Früchte aus Südamerika und Tomaten aus Marokko. «Inkonsequent bis an Bach abe» nennt Eschbach das.

EU und freier Markt wecken Skepsis

Dass sich die Konsumenten über ihr Essen Gedanken machen, zeigt sich an einem Januar-Abend in der «Trotte» in Arlesheim. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Organisatoren haben zusätzliche Bänke aufgestellt. Neben lokaler Polit-Prominenz (Grünen-Nationalrätin Maya Graf) sprechen Umweltschützer und Landwirtschaftsexperten unter dem programmatischen Titel: «Wer bestimmt, was wir essen?».

Das Thema treibt die Menschen um. Die Wörter «regional», «nachhaltig» und «Vielfalt» fallen öfters an diesem Abend – und werden vom Publikum mit schweigendem Kopfnicken goutiert. Die Wörter «EU» und «freier Markt» wecken eher Skepsis. Je näher eine Kartoffel wächst, umso besser lässt sich die Landwirtschaft kontrollieren, so der Grundtenor der Referenten. Regionale Produkte schaffen Nähe – Nähe zur Natur, Nähe zum eigenen Stückchen Erde. Wenn die Welt rings um uns untergeht, so haben wir wenigstens die eigene Weide, auf der die Kühe grasen.

«Würden wir nur ökonomisch denken, dann lautet die Schlussfolgerung: Landwirtschaft lohnt sich nicht in der Schweiz», sagt der Ökonom Mathias Binswanger. «Lebensmittel  könnten wir billiger importieren, Bauern umschulen und in anderen Branchen beschäftigen. Nun halten wir aber aus berechtigten Gründen an der heimischen Landwirtschaft fest», so Binswanger. «Allerdings darf man den Bauer dabei nicht vollständig zum Landschaftsgärtner degradieren – der Bauer wird sonst zu einer Karikatur seiner selbst.»

Kreative Ideen sind gesucht

Die Bauern profitieren groteskerweise am wenigsten von ihren eigenen Produkten. Bei einem Fix-Fertig-Latte-Macchiato eines Lebensmittelkonzerns steckt die grösste Wertschöpfung in der Weiterverarbeitung und der Vermarktung. Nur fünf Prozent vom Endpreis kommen dem Bauern zugute – und das, obwohl der Latte Macchiato zum grössten Teil aus Milch besteht.

Da nur wenige Abnehmer beispielsweise Milchprodukte kaufen, können sie den Preis nach unten drücken. Die Landwirte arbeiten dank Subventionen immer produktiver und können den Markt mit Milch überschwemmen. Die Subventionen fliessen so indirekt an Nestlé und Co., erklärt Binswanger.

SF-Arena zur Zukunft der Landwirtschaft, 22.9.2012:

«Die Frage ist: Wie kriegen wir die Wertschöpfung zurück auf den Bauernhof?» Die Lösung heisst für Binswanger im Idealfall: Direktverkauf von eigenen, diversifizierten Produkten. Konkret: Bauern suchen sich Nischen für ihr Produkt und verkaufen dieses möglichst am Zwischenhändler vorbei direkt an die Konsumenten.

Kreative Ideen sind gesucht. Im Baselbiet zeigen einige Bauern, wie es funktioniert: einer, der Kürbissorten züchtet, ein anderer, der Schafmilch produziert, ein weiterer, der Kirsch brennt.

Zwischenhändler drücken die Preise

Pascal Simon vom Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain kann den Trend bestätigen: «Viele Landwirte diversifizieren ihr Angebot, indem sie auf Nischenprodukte setzen.» Auch der Direktverkauf nehme zu, sagt Simon. Bauern verkaufen zudem vermehrt weiterverarbeitete Produkte direkt ab Hof: zum Beispiel Brot oder Konfitüre.

Ist das die Zukunft der Landwirtschaft? Landwirt Andreas Eschbach zieht bei dieser Frage die Augenbrauen hoch. «Ich kümmere mich lieber um den Anbau, den Verkauf sollen andere erledigen», sagt er. Wenn er sein Gemüse selbst verkaufen muss, bleibt ihm weniger Zeit für den Anbau und er kann nicht so grosse Mengen produzieren. In einem Jahr verkauft er 500’000 Salate, er produziert einen Viertel der Kresse, die in der Schweiz konsumiert wird. Um diese Menge an Salaten zu verkaufen, bräuchte er einen eigenen Vertrieb, eigene Lieferwagen, vermutlich eine eigene Rechnungsabteilung.

Diese Arbeit erledigen im Moment die Zwischen- und Detailhändler. Und die drücken immer mehr auf die Preise. «Wir müssen seit zwei Jahren jeden Rappen umdrehen und immer effizienter arbeiten», sagt Eschbach. Eine 50-Gramm-Schale Kresse verkauft er im Moment für 90 Rappen an den Zwischenhandel. Im Supermarkt kostet die Schale 1.95 Franken. Mit dem Anbau und der Verpackung von Kresse macht Eschbach nicht das grosse Geld, der grössere Anteil an Wertschöpfung liegt im Vertrieb.

Gleich drei Landwirtschaftsinitiativen

Wie lange wird es seinen Hof noch geben? Die Politiker müssten die richtigen Weichenstellungen treffen, erklärt Eschbach. Dazu müsse er als Landwirt flexibel sein. Wenn es gar keine andere Möglichkeit mehr gäbe, würde Eschbach einen Teil seiner Produkte direkt an Kunden verkaufen, wie es andere Bauern beispielsweise mit Gemüsekörben bereits tun.

Seine Hoffnungen liegen aber in der Politik. Der Schweizerische Bauernverband lancierte 2013 die Initiative für Ernährungssicherheit. Die Initiative fordert mehr inländische Produktion: mehr Kartoffeln, mehr Rindfleisch, mehr Bergkäse – mehr von allen Landwirtschaftsprodukten. Mit der Initiative richtet sich der Bauernverband gegen die Agrarpolitik 2014–2017, die auf Ökologie statt auf Produktion setzt. Der Bundesrat lehnt die Initiative ab. Die Ernährung müsse für die Schweizer Bevölkerung gesichert sein – mit in- und ausländischen Produkten.

SF-Tagesschau, 17.11.2014: «Landwirtschaft auf gutem Weg»

Neben dieser Initiative stehen noch zwei andere an, über die die Stimmbürger voraussichtlich in den nächsten Jahren abstimmen werden. Zum einen die Fair-Food-Initiative der Grünen und die Initiative für Ernährungssouveränität von der Bauerngewerkschaft Uniterre.

Die Ernährungssouveränitäts-Initiative will die inländische Produktion ebenfalls stärken, allerdings sollen die Bedürfnisse der Konsumenten darauf abgestimmt werden. Dazu sollen beispielsweise bäuerliche Organisationen geschaffen werden, die ein Bindeglied zwischen Landwirten und Konsumenten darstellen könnten.

Ulrike Minkner vom Initiativkomitee will damit eine Annäherung der Landwirtschaft an die Leute erreichen. Sie fragt: «Wollen wir eine industrielle Lebensmittelproduktion, die Massenware herstellt, oder wollen wir eine bäuerliche Landwirtschaft?» Minkner will nichts weniger als einen neuen «Gesellschaftsvertrag» für die Produktion von Nahrungsmitteln.

Nur Bio-Säfte, Regio-Brot und heimische Rüebli

Ein Ziel der Initiative ist auch «die Erhöhung der Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Personen». Wie dieses Anliegen umgesetzt werden soll, bleibt offen.

Derweil schreitet das «Bauernsterben» in der Schweiz stetig voran. Am häufigsten geben kleinere Höfe und Bergbauern ihren Betrieb auf. In der Region waren es viele mittelgrosse Höfe, die in den letzten zehn Jahren dichtmachten. Es gibt zurzeit noch 941 Landwirtschaftsbetriebe in Baselland und Basel-Stadt, 105 Betriebe weniger als 2004.

An der Podiumsdiskussion in Arlesheim sind mittlerweile drei Stunden verstrichen, noch immer blicken die Zuhörer gebannt auf die Vortragenden. Es sind keine radikalen Ansichten, die die Referenten auf ihren Powerpoint-Folien präsentieren. Dafür kleine Schritte, hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft.

Statt ennet der Grenze einzukaufen, soll man doch die heimische Landwirtschaft unterstützen, erklärt einer in seinem Votum. «Jeder weiss doch, was drin steckt, wenn er ein ganzes Poulet für zwei Euro kauft», findet jemand aus dem Publikum. Wer weiss, ob es sich derjenige doch anders überlegt, wenn er vor dem vollen Einkaufsregal in der Migros steht. An der Podiumsdiskussion gibt es jedenfalls nur Bio-Säfte, Regio-Brot und heimische Rüebli.

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Wir widmen der Landwirtschaft einen Schwerpunkt in der Woche vom 2. bis 5. März 2015. Im entsprechenden Dossier finden Sie im Verlaufe der Woche weitere Artikel zum Thema.

Artikelgeschichte

Korrektur 2.3.2015: «Umweltorganisation Uniterre», ersetzt durch «Bauerngewerkschaft Uniterre»

Konversation

  1. Vielleicht fliegen gleich einheimische, natürlich 200% ökologisch angebaute Kartoffeln um mich herum, dennoch sage ich es:
    Rustikaler Nationalismus wird deswegen nicht vernünftiger, weil er grün ist. Man kann die Töffelchen dort anbauen, wo der Boden nicht verspekuliert wird. Das täte auch den Bürgern gut.
    Meine Schlussfolgerung: Verzweifeltes Nicht-Begreifen-Wollen, dass uns der nationale Pullover zu klein geworden ist.
    Dieser zu kleine Pullover ermöglicht einer ganzen geldgierigen Meute, sich an uns eine goldene lange Nase zu verdienen.
    Vielleicht würden wir ohne diesen zu engen Pullover etwas weniger verdienen, dafür würden wir ruhiger und günstiger leben.

    Gut, der Arlesheimer Sonnenhang dürfte teuer bleiben. Man kann aber auch günstiger wohnen.

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  2. Ich habe da eine weder rhetorisch noch sarkastisch gemeinte, sondern durch und durch von interessierter Neugier motivierte Frage: Wenn es da heisst ‚Aus der klirrenden Kälte geht es ins Gewächshaus, wo frühlingshafte Temperaturen herrschen‘ – wie viele Wh Heizenergie stecken dann da letztlich in jedem produzierten Radieschen?

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    1. Da ich fast mein ganzes Leben Pflanzplätze hatte, kann ich Ihnen schon etwas über Radiesli sagen.
      Radiesli haben, bei idealer Temperatur eine Wachstumszeit vom Samen bis zur Ernte von ca. 1 Monat.
      Radiesli wachsen schon ab einer Temperatur von 5°C.
      Im Sommer besteht die Gefahr, dass sie stengeln und Blüten bilden bevor die Knolle richtig ausgebildet ist.
      Radiesli kann man ins Freiland ab März säen und eventuell, wenn die Nächte richtigen Frost haben, in der Nacht mit einer Folie oder einem Tuch abdecken. Nur ist dann die Wachstsumszeit bei niederen Temperaturen etwas länger.

      Nüsslisalat braucht eigentlich im Winter überhaupt kein Gewächshaus. Er verträgt Temperaturen bis ca. minus 20°C.
      Das Problem ist, dass er im Winter im Freiland, wenn es kalt ist nicht wächst. So muss man im August/September die ganze Menge säen, was man im Winter bis in den Frühling braucht. Im Gewächshaus, kann im Winter noch eine weitere Pflanzung erfolgen, da die Wachstumszeit etwa 3 Monate beträgt.
      Im Freiland kann man den ganzen Winter ernten, ausser wenn Schnee liegt. Bei einer Abdeckung und nicht zuviel Schnee kann auch bei Schnee geerntet werden.

      Wie sie sehen, Das warme Gewächshaus im Winter hilft einfach die Fläche noch optimaler auszunützen.
      Neben den warmen Gewächshäusern gibt es auch kalte, also solche die nicht beheizt werden, was auch schon einen wesentlichen Unterschied zum Freiland macht. Scheint im Winter die Sonne, kann es drinnen auch ohne Heizung ganz schön warm werden. Allerdings ist die Temperatur nicht konstant wie im geheizten Gewächshaus.

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    2. Berechtigte Frage. Wenn die Sonne scheint, ist es ohne zusätzliche Heizleistung erstaunlich war (bis zu über 20 Grad). Landwirt Eschbach verfügt auch über eine Heizung, diese war bei unserem Besuch jedoch nicht in Betrieb. Bei Minusgraden draussen und ohne Sonnenstrahlung müssen Eschbach und andere Landwirte ihre Gewächshäuser z.T. heizen, um Ertrag zu erzielen. Wie der Verbrauch pro Radieschen ist, wäre eine spannende, nicht ganz leicht zu beantwortende Fragestellung.

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    3. @schulthess
      zur vermeidung von vergeblichen bemühungen:
      sie von unten zu betrachten bringt’s nicht 😉
      fotovoltaik-folie bringt’s

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  3. Mich nähme mal Wunder wieviel der sogenannt „Inländischen“ Produktion und Ernährungs-„Sourveränität“ nur dank massivem Import von ausländischen Dünge- und Futtermitteln möglich ist. Irgendwie werden einem diese Zahlen geflissentlich (vorsätzlich) vorenthalten.

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    1. @ Dänny
      Passen Sie bitte auf, dass die Welt nicht schon in Riehen oder Koblenz oder kurz nach Mariastein schon zu Ende ist.
      Das sind nur menschlich gesetzte Grenzen, die uns eigentlich einengen.
      Es gibt die Idee des ökologischen Fussabdrucks, aber meist nur dort, wo sie eigentlich Unsinn ist.
      Die Schweiz hat nicht einmal während des zweiten Weltkrieges sich auf sich selber gestellt. Auch damals gab es Handel.
      Orlikon-Kanonen waren viele Kartoffeln und Kohle wert!

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