Die Landräuber

Ackerland ist begehrt wie nie zuvor. Weil der Bedarf an Lebensmitteln und Wasser immer grösser wird, kaufen Länder wie China und Saudi-Arabien riesige Flächen in Afrika, Asien und Südamerika auf. Darunter leidet die einheimische Bevölkerung.

Landgrabbing in Sierra Leone: Ein Bagger rodet Land für eine Palmöl-Plantage des in Luxemburg domizilierten Konzerns Socfin. (Bild: Reuters)

Ackerland ist begehrt wie nie zuvor. Weil der Bedarf an Lebensmitteln und Wasser immer grösser wird, kaufen Länder wie China und Saudi-Arabien riesige Flächen in Afrika, Asien und Südamerika auf. Darunter leidet die einheimische Bevölkerung.

Die Kolonialisten sind tot, es ­leben die Landgrabbers. So könnte man zugespitzt formulieren, was sich derzeit von der Ukraine über Afrika bis Südamerika und Asien abspielt. Ölscheichs, Chinesen, multinationale Konzerne, Hedge-Funds und superreiche Ökofreaks kaufen jede Hektare von fruchtbarem Boden oder Wald auf, die ihnen in die Hände fällt. Der Grund dafür ist banal: Ein «perfekter Sturm» rast auf die Menschheit zu, die Kombination von Klimaerwärmung, wachsender Weltbevölkerung, einem zerfallenden Ökosystem und Mangel an Land und Wasser.

Ackerland und Wald, lange von den Investoren links liegen gelassen, sind begehrt wie noch nie. Aber was heisst das? Sind die Landräuber gierige Spekulanten, mitschuldig am Hungertod von Millionen Menschen, wie es Jean Ziegler in seinem jüngsten Buch «Wir lassen sie verhungern» behauptet? Oder sind sie verkannte Wohltäter, die die moderne Landwirtschaft in die Dritte Welt bringen und damit Millionen vor dem Hungertod bewahren, wie dies etwa der bekannte Entwicklungsökonom Paul Collier postuliert? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst wissen, wer die Landräuber überhaupt sind. Der britische Journalist Fred Pearce hat sie rund um den Globus aufgespürt. Was er dabei erfahren hat, schildert er in seinem Buch «The Land Grabbers».

Die Nachfrage ist riesig

Es gibt keine genauen Zahlen über das Landgrabbing, aber Schätzungen von Experten. Im Jahr 2010 habe die Weltbank die Zahl von 120 Millionen Acres (ein Acre entspricht 0,4 Hektaren) in die Runde geworfen, schreibt Pearce. «Global Land Project­, ein internationales Recherchiernetzwerk, erhöhte auf 150 Millionen Acres­. Eine ähnliche Organisation namens Land Deal Politics Initiative legte sich Mitte 2011 auf 200 Millionen Acres fest. Das Hilfswerk Oxfam liess sich nicht lumpen und sprach von 560 Millionen Acres. Die Wahrheit ist: Niemand weiss es wirklich.» Eines jedoch steht fest: Die Nachfrage nach Agrarland und Wald ist riesig. In Ländern der Dritten Welt verhökern korrupte Regierungen Land im grossen Stil an die Landräuber.

Zu denen, die gerne zugreifen, gehören die Ölscheichs aus Saudi-Arabien. Der Wüstenstaat zählt rund 28 Millionen Einwohner, weit mehr, als er aus eigener Kraft ernähren kann. In den 1970er-Jahren haben die Saudis deshalb mit grossem Aufwand versucht, die Wüste fruchtbar zu machen, und die Grundwasserseen angezapft. Diese Wasservorräte gehen zu Ende, es braucht Alternativen. Auf Ini­tiative von König Abdullah wurde 2008 die Saudi Agricultural Investment Abroad gegründet. Unter dem Eindruck der Hungerkrise von 2008 kündigte diese Gesellschaft grosse Landkäufe im Ausland an.

Andere Golfstaaten folgten dem Beispiel der Saudis, darunter auch Katar. Obwohl es nur rund 800’000 Einwohner zählt, ist es heute dank eines riesigen Erdgasfeldes vor seiner Küste eines der reichsten Länder der Welt überhaupt. Die Scheichs kaufen alles auf, was zu kaufen ist: Fussballclubs, Weine und Land.

«Katar hat Landgeschäfte in Vietnam, Kambodscha, Usbekistan, Senegal, Kenia, Argentinien, der Ukraine und der Türkei getätigt», schreibt Pearce. «Es hat Partnerschaften für Rinderfarmen in Tadschikistan gegründet und Schaffarmen im Umfang von 370’000 Acres in Australien gekauft. In Brasilien entwickelt es ein Zuckerprojekt mit einer Kapazität von 25 Millionen Tonnen pro Jahr und eine Geflügelzucht, die künftig die meisten Eier und Hühner für Katar liefern wird.»

Das Gold liegt auf der Strasse

Auch der Südsudan ist ins Visier der Landräuber geraten. In dem Land, das flächenmässig etwa so gross ist wie Frankreich, leben achtmal weniger Menschen. Nicht nur die Natur will jedes Vakuum auffüllen, den gleichen Wunsch haben auch die Landgrabbers. Die Tinte unter dem Unabhängig­keitsvertrag des 193. UNO-Staates war kaum trocken, als der grosse Ausverkauf des Agrarlandes bereits in vollem Gang war.

Einer der Aufkäufer ist Philippe Heilberg, ein Anarcho-Trader von der Wall Street. Er hat Beziehungen zu den einschlägigen Warlords der Gegend und ein Weltbild, das den Kapitalismus als Chaos definiert. Für Heilberg sind Rohstoffe das Gold der Zukunft, und in Ländern wie Südsudan liegt dieses Gold auf der Strasse.

Auch arrivierte Financiers sind längst auf die Rohstoffe gekommen. Der bekannteste unter ihnen, George Soros, sagt: «Ich bin überzeugt, dass Farmland die beste Investition unserer Zeit geworden ist.» Eine Ansicht, die sein ehemaliger Partner Jim Rogers vollumfänglich teilt. Er hat den Begriff eines «Rohstoff-Superzyklus» geschaffen und salonfähig gemacht.

Das «Wunder von Brasilien»

Lange pflegten Zyniker zu spotten: Brasilien ist das Land der Zukunft – und wird es immer bleiben. Heute ist dieser Spruch obsolet geworden. Dank Rohstoffen ist Brasilien zu einer der dynamischsten Wirtschaften der Welt geworden. Heute ist das Land der wichtigste Exporteur von Sojabohnen, Rindfleisch, Hühnern, Zucker, Tabak und Orangensaft.

Diese Produkte wachsen hauptsächlich im Cerrado, einer riesigen Hochebene in der Mitte des Landes. Der Cerrado ist grösser als Grossbritannien, Frankreich und Deutschland zusammen. 60 Prozent davon sind inzwischen umgepflügt worden und werden mit modernsten Methoden bewirtschaftet, auch mit Gentechnologie.

Für den Ernährungsexperten der Weltbank, Paul Collier, ist die Entwicklung des Cerrado ein Beispiel, wie die Menschheit die Geisel des Hungers überwinden kann. «In Afrika gehen derzeit rund 40 Prozent des Getreides verloren, weil die Gentechnologie ­verpönt ist», sagt er. «Es ist Wahnsinn, wenn wir diese Technologie nicht nutzen. Schauen Sie doch, was Brasilien mit Gentech und industrieller Landwirtschaft alles erreicht hat. Ohne die brasilianische Landwirtschaft wäre die globale Nahrungskrise im Jahr 2008 noch viel schlimmer ausge­fallen.»

Die moderne Landwirtschaft ist aber auch die Ursache für das Verschwinden der Biodiversität. Fred Pearce spricht deshalb von einer sich anbahnenden ökologischen Katastrophe. «Die Welt ist enthusiastisch, wenn es darum geht, das Amazonasgebiet zu retten, aber sie ignoriert das Schicksal des Cerrado», schreibt er. «Dabei enthält dieses Gebiet ein ­Drittel der bra­silianischen Biodiversität, darunter Zehntausende Pflanzen­arten, wovon rund 4000 nirgendwo sonst zu finden sind.»

Ökologisches Desaster

Wichtigster Kunde ist China. «China ist speziell von brasilianischen Sojabohnen abhängig geworden», stellt Pearce fest. «Aber die asiatischen Länder geben sich immer weniger damit zufrieden, die Produkte des Cerrado zu kaufen. Wie die Araber haben sie das Vertrauen in die Märkte ver­loren und wollen die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren.»

Der Rohstoffhunger Chinas macht sich in der gesamten Dritten Welt bemerkbar: in Südamerika, Afrika, aber vor allem auch in Asien selbst. In Sumatra (Indonesien) haben von chine­sischen Dynastien kontrollierte Holz- und Papierunternehmen mit dem Abholzen von Tropenwald bereits gewaltige Umweltschäden angerichtet. Ein ähnliches Desaster bahnt sich in Papua-Neuguinea an. In Thailand, ­Vietnam, Kambodscha, Burma und Laos werden ehemalige Reisfelder in Gummibaum-Plantagen verwandelt.

Fast jeder fünfte Mensch auf der Erde ist ein Chinese, doch China besitzt bloss etwa ein Zehntel des fruchtbaren Bodens und noch weniger Wasser. Kein Wunder, gehören die Chi­nesen zu den am meisten gefürchteten Landräubern. «Die Chinesen kommen. Es ist ein konstanter Refrain geworden. Eine konstante Paranoia», schreibt Pearce.

In China selbst sind die Möglich­keiten, noch mehr Nahrung zu pro­duzieren, beschränkt. «Verstädterung, industrielle Entwicklung, Erosion und das Ausdehnen der Wüste haben ­dazu geführt, dass die fruchtbare ­Bo­denfläche in den letzten zehn Jahren um sechs Prozent ab­genommen hat», stellt Pearce fest. Gleichzeitig nimmt der Kalorien­bedarf der Chinesen massiv zu. Chinesen, Araber und Spekulanten kaufen fruchtbaren Boden, weil sie die Ernährung ihrer Bevölkerung sichern oder Profite erzielen wollen. Es gibt aber auch ökologisch motivierte Landräuber.

Pearce: «Es mag bizarr erscheinen, aber unsere Vorstellung einer jungfräulichen Natur hat dazu geführt, dass superreiche Konservatoren und Safari-Veranstalter Land im grossen Stil kaufen.»

Die Parks der Öko-Milliardäre

Ein Beispiel: die Serengeti, ein riesiger Naturpark in Tan­sania an der Grenze zu Kenia. Bei uns wurde die Serengeti dank Bernhard Grzimeks legendärem Film «Serengeti darf nicht sterben» von 1959 berühmt. Grzimek propagierte die Idee, die Pflanzen- und Tierwelt möglichst unverändert zu erhalten. Leider vergass er dabei, dass in diesen Gebieten schon lange Menschen leben.

Die neuen Öko-Milliardäre wollen ihre Naturparks ohne Menschen erhalten. Deshalb werden Einheimische aus den Naturreservaten vertrieben. Allein in Afrika haben die ursprünglichen Bewohner rund 400’000 Quadratkilometer Land verloren.

Bei den Superreichen besonders beliebt ist Südafrika. «Die Milliardäre sind einmarschiert», schreibt Pearce. «Das 57’000 Acre grosse Tierreservat Phinda in KwaZulu Natal bei Durban gehört nun den Getty-Erben Tara und Jessica Getty. Virgin-Boss Branson besitzt 25’000 Acres im Kruger National Park. Nicky Oppenheimer, Vorsitzender des Diamantenimperiums De Beers, hat einen Teil seines Milliarden-Vermögens in 250’000 Acres des Tierreservats ­Tswalu Kalahari investiert.»

Über sieben Milliarden Menschen leben bereits auf der Erde, in der Mitte dieses Jahrhunderts werden es neun oder zehn Milliarden sein. Um eine Hungerkatastrophe zu vermeiden und die Ansprüche des wachsenden Mittelstandes in den Schwellenländern zu befriedigen, müssen wir die Nahrungsmittelproduktion in den nächsten Jahrzehnten fast verdoppeln. Aber wie? Genügend fruchtbaren Boden gäbe es. Afrika beispielsweise besitzt riesige Landreserven und könnte bei einer vernünftigen Politik als Exporteur von Nahrungsmitteln dazu beitragen, das Hungerproblem zu lösen. Grosse Landreserven gibt es auch in Südamerika und in der Ukraine.

Eine neue grüne Revolution?

Grosse Differenzen gibt es in der Frage, wie die Nahrungsmittel produziert werden sollen. Paul Collier setzt auf Gentech und industrielle Landwirtschaft: «Der Wunsch, in Afrika kleinbäuerliche Strukturen zu erhalten, entspringt einer Abneigung des europäischen Bildungsbürgertums gegen den Kommerz. Uns selbst würden wir das nie antun.»

Kritiker meinen, nicht Gentech und moderne Maschinenparks würden das Hungerproblem lösen, sondern die Kleinbauern selbst. «Eine neue grüne Revolution in Afrika ist möglich», stellt Gordon Conway, Ex-Präsident der Rockefeller Foundation, fest. «Aber sie wird von Kleinbauern getrieben sein – von den 33 Millionen Kleinbauern in Afrika, die weniger als zwei Hektaren Land besitzen. Ihre Produktivität müssen wir steigern.» Dazu gilt es zunächst zu verhindern, dass diese Kleinbauern von den Landräubern vertrieben werden.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 21.12.12

Konversation

  1. Weiter steht im Text, dass bald viel mehr Nahrung gebraucht wird. Dem kann man gegenüberstellen, dass ca. die Hälfte der Nahrung gar nicht in den Mägen der Menschen landet.
    Gentech bringt schlussendlich nicht die Lösung. Im Moment wird die Produktion schon erhöht. Aber mit diesen Methoden werden die Böden immer mehr vergiftet und ausgelaugt und hinterlässt schliesslich weitere Wüsten und/oder vergiftete Böden.

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  2. Immer diese Gewalt und Rechtsdurchsetzungen und – ansprüche der Mächtigen mithilfe unerschöpflicher Devisen.
    Die Menschen, die auf diesem Land leben bekommen kaum etwas, wenn überhaupt. Wird das Land bearbeitet, sind es sie, die in die Hände spuken müssen gegen einen mikrigen Lohn und eine Arbeit, die man auch Sklavenarbeit nennen kann.

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