Die Minus-Kalorien der Schweizer Landwirtschaft

Bald kommt der Bundesbeschluss über die Ernährungssicherheit an die Urne. Dieser fordert unter anderem eine «ressourceneffiziente Lebensmittelproduktion». Dabei verschlingt die Schweizer Landwirtschaft mehr Energie, als sie in Form von Nahrung liefert. 

Teure Maschinen und ein grosser Gerätepark sind mit ein Grund für den hohen Energieaufwand der Schweizer Landwirtschaft. (Bild: Keystone)

«Der Bund sorgt dafür, dass die Landwirtschaft durch eine nachhaltige und auf den Markt ausgerichtete Produktion einen wesentlichen Beitrag leistet zur sicheren Versorgung der Bevölkerung» und zur «Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen». Das verlangt schon der bestehende Landwirtschaftsartikel 104 in der Bundesverfassung (BV).

Zusätzlich soll der Bund Voraussetzungen für eine «ressourceneffiziente Lebensmittelversorgung» schaffen. Das fordert der neue BV-Artikel 104a über die «Ernährungssicherheit», dem der Souverän am 24. September wahrscheinlich zustimmen wird, da es keine nennenswerte Opposition gibt.

Die heimische Landwirtschaft erzeugt nur etwa die Hälfte der Nahrungskalorien, die in der Schweiz konsumiert werden.

Diese Verfassungsgrundsätze klingen schön, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Das zeigte schon die Statistik des Bundes über den sogenannten «Selbstversorgungsgrad» der Schweiz. So erzeugt die inländische Landwirtschaft netto (nach Abzug der Futtermittel-Importe) im Schnitt nur 50 bis 55 Prozent der Nahrungskalorien, welche die Bevölkerung in der Schweiz konsumiert. Weil 2016 die Ernte unterdurchschnittlich ausfiel, ist dieser Netto-Versorgungsgrad letztes Jahr auf 48 Prozent und damit auf weniger als die Hälfte gefallen.

Doch das ist erst ein Teil der Wahrheit. Denn die Statistik über den Versorgungsgrad misst innerhalb der landwirtschaftlichen Nahrungserzeugung nur den Output, also die auf Grosshandelsstufe abgesetzte Nahrungsenergie, gemessen in Terajoule. In einem Durchschnittsjahr sind das schweizweit 22’000 Terajoule. Umgerechnet ergibt das pro Kopf der Bevölkerung rund 1700 Kilokalorien pro Tag inklusive spätere Abfälle in Haushalten und Gastgewerbe.

Höherer Einsatz an Fremdenergie

Diese Bilanz vernachlässigt aber den Input in die landwirtschaftliche Produktion und ihre Produktionsmittel. Dazu gehört insbesondere der Einsatz an Fremdenergie in Form von Erdöl, Erdgas oder Elektrizität. Diesen Energie-Input ermittelt die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope periodisch im Auftrag des Bundes, zuletzt über das Jahr 2012.

Demnach benötigt die Schweizer Landwirtschaft pro Hektare Kulturland 51 Gigajoule Energie, was umgerechnet dem Energiegehalt von 1400 Litern Heizöl entspricht. Hochgerechnet auf die Gesamtfläche von 1,05 Millionen Hektaren Kulturland ergibt das eine Summe von rund 54’000 Terajoule (TJ).

Der gesamte Einsatz an Fremdenergie (54’000 TJ) ist damit rund 2,5-mal so gross wie ihr Output in Form von Nahrungsenergie (22’000 TJ). Noch negativer fällt die Schweizer Ernährungsbilanz aus, wenn man neben der landwirtschaftlichen Erzeugung auch die vor- und nachgelagerten Prozesse berücksichtigt. Dazu gehört der Energiebedarf der Lebensmittelindustrie, die Rohwaren wie etwa Weizen, Gemüse oder rohes Fleisch zu Fertigprodukten wie Pizzas oder Hamburger verarbeitet. Ebenfalls nicht enthalten ist der Energieeinsatz in Küchen oder für den Transport der Nahrung.

Kaum erneuerbare Energie auf dem Bauernhof

Die Agroscope-Untersuchung zeigt auch, wie sich der Energiebedarf der Landwirtschaft zusammensetzt (siehe Grafik am Ende des Artikels: «Der landwirtschaftliche Energiekuchen»). Der direkte Energieeinsatz macht knapp einen Drittel aus; darunter fallen vor allem Treibstoffe für Traktoren und andere Landmaschinen, fossile Brennstoffe für die Beheizung von Treibhäusern und Ställen sowie Elektrizität für die zunehmende Automatisierung in Scheunen und Ställen.

Wesentlicher – aber zum Teil nicht mess-, sondern nur abschätzbar – ist der indirekte Energieeinsatz, der mehrheitlich im Ausland anfällt. Dazu gehört die sogenannt «graue Energie» für die Herstellung von landwirtschaftlichen Geräten und Gebäuden, von Düngern und Pflanzenschutzmitteln sowie importiertem Saatgut und Futtermitteln. Beim gesamten Input handelt es sich primär um nicht erneuerbare Energie wie Erdöl oder Erdgas; der Anteil erneuerbarer Energie in der Schweizer Landwirtschaft sei «verschwindend klein», betont Agroscope.

Im Vergleich zu anderen Staaten ist die Schweizer Landwirtschaft «sehr energieintensiv», kommentiert Agroscope. Das liegt einerseits an der kleinflächigen Struktur, andererseits am überdimensionierten Maschinenpark; der Umfang von Traktoren, Ställen und Gewächshäusern dürfte in den letzten Jahren stärker gestiegen sein als der mit Energie und Chemie gepuschte Ertrag an Nahrung. Ebenfalls zugenommen hat die Abhängigkeit von importierten Züchtungen und Saatgut.

Mehr Effizienz, weniger Umwandlungs-Verluste

Um die negative Energiebilanz der Landwirtschaft ins Positive zu wenden, gibt es zwei Möglichkeiten: Erstens lässt sich der Energiebedarf von Landmaschinen und beheizten Gebäuden mittels Effizienzsteigerung wesentlich senken, betont Agroscope. Zweitens können die Umwandlungsverluste in der Nahrungskette reduziert werden. Denn auf dem langen Weg von den Feldern auf die Schweizer Teller gehen im Schnitt vier von fünf Nahrungskalorien verloren, der Grossteil bei der Umwandlung von Pflanzen (Gras, Kraftfutter) zu tierischen Produkten (Fleisch, Milch etc.).

Das zeigen Daten (siehe Grafik), basierend auf Statistiken von Bund und Bauernverband: Bei der Umwandlung von Gras sowie Kraftfutter (Getreide, Soja etc.) zu tierischen Produkten wie Fleisch oder Milch und Eier betragen die Umwandlungsverluste in der Schweiz rund 90 Prozent.

Bei den pflanzlichen Nahrungsmitteln (Brot, Teigwaren, Gemüse, Kartoffeln etc.) hingegen bleibt nur etwa die Hälfte der Kalorien in Form von Verarbeitungsverlusten auf der Strecke.

Heute deckt eine Person in der Schweiz je etwa die Hälfte ihres Nahrungsbedarfs mit tierischen und pflanzlichen Kalorien. Was zeigt: Allein mit der Reduktion unseres Fleischkonsums zugunsten von Getreide, Gemüse und Früchten können wir die negative Schweizer Nahrungsenergie-Bilanz wesentlich verbessern.

Konversation

  1. Dieser BV-Artikel kann alles oder nichts heissen. Sprich, es macht keinen Unterschied, ob wir ihn in die Verfassung aufnehmen oder nicht. Man hätte ihn mit dem gleichen Argument bekämpfen sollen, wie die Durchsetzungsinitiative: Er ist unserer Verfassung nicht würdig.
    Dass der Text ein Gegenvorschlag des Parlaments ist, macht die ganze Angelegenheit nur noch bedenklicher.

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  2. Ja also, entweder Tankstutzen anflanschen, damit der Traktor- und Schiffsdiesel direkt in den gentechnisch veränderten Schweizer fliesst als Energieschub, oder nochmals 15 Meter Dünndarm implantieren, dann braucht der Schweizer keine Migros mehr, sondern nur noch einen Ballen frisches Gras. Die Arbeitspausen dürften etwas mehr werden, da Wiederkäuen halt doch eine Zeit benötigt.
    Gentechnisch noch unausgereift ist der Umbau der Verdauung auf Plastikabfälle. So etwa fünf leere Joghurtbecher und 20 alte Knistersäckchen dürften dann wohl schon als Zwischenmahlzeit durchgehen.
    Zur Not könnte man gentechnisch auch die Verdauung auf Holz erweitern, dann bekäme der Weihnachtsbaum noch eine kulinarische Note (nicht nur eine mit Brennwert).

    Oder man akzeptiert halt, dass da, wo viele Menschen wohnen, halt wenig Landwirtschaft nur möglich ist.

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    1. Und wenn man es dann doch wirklich will?
      Tja, weniger Technik heisst auch weniger Ertrag, demnach bei dem kleinen Anteil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche in der Schweiz (ausser man stellt auf den Aletschgletscher auch noch Pflanztröge auf) käme man um eine wesentliche Reduktion der Bevölkerung nicht herum. Da die Landwirtschaft, besonders die chemiefreie auch immer wieder von massiven Ertragseinbussen geplagt wird, könnte eine Reduktion statt auf die Hälfte doch auf ein Viertel der Bevölkerung der Schweiz sinnvoll sein.
      Damit stellt sich dann die Frage, wer gehen muss. Der Natur ist der Pass eigentlich egal, demnach müssten ganze Kantone oder Kantonsanteile zur definitiven Emigration ermuntert werden. Nun könnte man natürlich Basel, Jura, die halbe Romandie…
      oder vielleicht auch zahlentechnisch einfacher, um einen freundeidgenössischen Bürgerkrieg deswegen zu verhindern, gleich die mit dem roten Pass zur Emigration ermuntern, hat es doch just etwa 25% der Bevölkerung die keinen roten Pass haben, hier im Lande wohnen.
      Der emigrative Anteil der Bevölkerung könnte sich dann wieder ein Land suchen, wo „Milch und Honig fliesst“, wie ferner schon einmal versucht (allerdings mit schlechtem Erfolg).

      War das jetzt Öko-Faschismus?
      Die Alternative der „Landgewinnung in Richtung Osten“ wurde vor etwa 80 Jahren schon mal probiert, war auch keine gute Idee.

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  3. Guter Artikel, danke,
    leider wieder einmal im falschen Kanton und im falschen Medium veröffentlicht. Urheber der Versorgungssicherheits-Abstimmung ist die Firma FENACO. Diese „Agrargenossenschaft“ ist ein Milliarden-Unternehmen (6 Milliarden Reingewinn 2016) und stellt aktuell 2 Bundesräte. Das schafft nicht einmal Nestlé und Novartis. Hier ein kleiner Einblick in die FENACO:
    https://www.beobachter.ch/politik/politik-die-macht-der-bauern
    Die Fenaco und ihr Bauernverband will sich mit diesem Verfassungsartikel einen Blankoscheck geben für die weitere Agrarpolitik. Clever. Das schafft man nur mit Bauernschläue. Wer das bezahlt, ist eh egal.
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    1. Nein, kein «guter Artikel».

      Denn aufgrund der allgemein bekannten Tatsachen zu dem von Ihnen angesprochenen Schluss zu kommen, hat der Autor es vorgezogen, «hipster-affin» (oder von mir aus «kasten-velo-affin«) der intellektuellen Hausfrau mit «allein mit der Reduktion unseres Fleischkonsums zugunsten von Getreide, Gemüse und Früchten können wir die negative Schweizer Nahrungsenergie-Bilanz wesentlich verbessern» Rückenwind für ihre geistige Windkraftanlage zu liefern.

      Nein, kein guter Artikel.

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