«Wir gehen sonst nicht nach Deutschland zum Einkauf»

Die Basler Verkehrbetriebe verdoppeln am Samstag die Kapazität der Linie 8 nach Weil. Die Einkaufstouristen füllen heute schon ihre Wagen.

Die BVB und die Schweizer Grenzwache erwarten für Samstag einen starken Anstieg des Einkaufstourismus wegen des tiefen Eurokurses. Die BVB verdoppeln am Nachmittag die Kapazität der Tramlinie 8. (Bild: GEORGIOS KEFALAS)

Die Basler Verkehrbetriebe verdoppeln morgen die Kapazität der Linie 8 nach Weil. Auch die Grenzwache erwartet einen starken Einkaufstourismus, bleibt aber bei Stichproben. Der Anstieg von Einkaufstouristen war am Freitag schon ennet der Grenze zu spüren.

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Der Euro-Franken-Kurs ist seit gestern abgesackt – jetzt kann der Ansturm auf deutsche Einkaufstempel losgehen. Die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) verstärken wegen des zu erwartenden Ansturms die Kapazität auf der Tramlinie 8. Wie die BVB mitteilen, verkehren während der Spitzenzeit zwischen etwa 14 Uhr und 18.30 Uhr zusätzliche Trams zwischen Kleinhüningen und Weil am Rhein Bahnhof. 




Mit prall gefüllten Taschen geht es zurück in die Schweiz – am liebsten mit dem Tram. (Bild: Danielle Bürgin)

Mit dieser Massnahme sollen doppelt so viele Passagiere transportiert werden können wie sonst. Die BVB und das Basler Baudepartement würden die Entwicklung laufend beobachten und gegebenenfalls weitere Massnahmen treffen.

Grenzwache bleibt bei Stichproben

Die Schweizer Grenzwache Basel arbeitet derweil mit dem bisherigen Personalbestand und bleibt deswegen vordergründig bei Stichproben, wie Sprecher Patrick Gantenbein auf Anfrage sagt. Wer allerdings über 300 Franken einkauft, muss die Waren verzollen – deshalb erwartet die Grenzwache einen entsprechenden Anstieg bei den Abfertigungen.



Schon am Freitagnachmittag staut sich der Verkehr vor der deutschen Grenze.

Schon am Freitagnachmittag staut sich der Verkehr vor der deutschen Grenze.

Doch Vorsicht: Wer sich die Verzollung drücken will, den erwartet ein Strafverfahren. «Wir rechnen auch damit, dass vermehrt Einkaufstouristen versucht sein könnten, Waren nicht zu deklarieren und wir vermehrt Strafverfahren wegen Schmuggel einleiten müssen», so Gantenbein.

Lieber Tram statt Auto

Ebenso könne es zu Rückstaus an einigen Grenzübergängen kommen, da der Einkaufstourismus zu einem entsprechenden Mehrverkehr an Autos führe. Bis jetzt sei dieses Phänomen aber nur im Weihnachtsverkauf bekannt. Für eine erste Analyse des Grenzverkehrs seit dem Einbruch des Eurokurses sei es noch zu früh, so Gantenbein. 



Jedes Verkehrsmittel ist recht, um über die Grenze zu fahren.

Jedes Verkehrsmittel ist recht, um über die Grenze zu fahren. (Bild: Danielle Bürgin)

Bereits gestern Donnerstag ging der Ansturm auf die Banken los: Viele Kunden hoben bereits Euro zum günstigen Kurs ab, nachdem die Schweizerische Nationalbank die Euro-Franken-Anbindung aufgehoben hatte. Stand heute Freitagmittag war der Eurokurs noch knapp über einem Franken

Der tiefe Euro-Kurs beflügelt derzeit auch die Kreativität im grenznahen Basel.

Der tiefe Euro-Kurs beflügelt derzeit auch die Kreativität im grenznahen Basel. (Bild: Screenshot Facebook)

Die Schweizer kommen

Am Freitagnachmittag kamen dann prompt auch die ersten Einfkaufs-Touristen zum Rheincenter nach Weil angereist. Wie zum Beispiel D.B. aus Läufelfingen, die mit ihrer Tochter unterwegs war: «Wir gehen sonst nicht nach Deutschland zum Einkauf, weil es sich sonst nicht wirklich rentieren würde. Da wir ja den Preis für den Weg einrechnen müssen. Aber heute hat meine Tochter Schulfrei, da dachten wir, wir schauen uns mal in Ruhe um in Weil.»



Hello Kitty — Hello Euroland.

Hello Kitty — Hello Euroland. (Bild: Danielle Bürgin)

D.F. aus Birsfelden und seine Freundin haben ein ganz konkretes Ziel: nämlich für die ganze nächste Woche einzukaufen. «Wir sind extra heute schon nach Deutschland gefahren, um einzukaufen. Mit dem tiefen Euro lohnt sich das besonders, hier einzukaufen. Gerade Haushalts- und Schönheitsprodukte sind hier viel billiger als in der Schweiz – jetzt erst recht.»



Apotheken-Chef Detlef Hahnemann gibt sich vorsichtig optimistisch und erwartet keinen sofortigen Ansturm.

Apotheken-Chef Detlef Hahnemann gibt sich vorsichtig optimistisch und erwartet keinen sofortigen Ansturm. (Bild: Danielle Bürgin)

 

In der Apotheke im Rheincenter gibt es genau diese günstigen Markenprodukte, die bei den Schweizern so beliebt sind. Detlef Hahnemann, Apotheken-Chef, glaubt nicht, dass grosse die Welle an Schweizern schon dieses Wochenende kommt. «Wir erwarten einen ganz normalen Tag. Ich glaube nicht, dass die Reaktionen so schnell einsetzen, wie heute schon in den Zeitungen steht. Das wird erst im Laufe der Zeit kommen. Die Situation, dass viele Schweizer bei uns einkaufen, ist ja eh schon permanent da wegen dem günstigeren Einkaufen. Vor allem seit der Weiterführung der Tramlinie 8 nach Weil.»



Beim Tabak-Kiosk ist die Warteschlange besonders lang.

Beim Tabak-Kiosk ist die Warteschlange besonders lang. (Bild: Danielle Bürgin)


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Weitere Beiträge der TagesWoche über die Aufhebung der Euro-Franken-Anbindung:

Artikelgeschichte

14.25: Ergänzt um Stellungnahme der Schweizer Grenzwache Basel.
16:50: Ergänzt um Statements von Schweizer Kunden und dem Apotheken Chef vom Rheincenter.

Konversation

  1. Ich hab auch erstaunt, dass man mit dem Bodenbelag indirekt meint, das attraktive Einkaufsparadies Basel erstellen zu können. Aber es ist fatal: Andere Optionen bleiben uns schlicht nicht als so etwas. Von daher eine durchaus diskussionswürdige Idee von Chr. Meury, wenngleich kaum durchführbar.
    @Dinu Marsson: Es ist mehr Wunschgedanke von unserer Seite der Grenze, wenn man Weil nur als Billigparadies einkassieren tut. Ich mach jetzt hier nicht explizit Werbung für Firmen, das käme eventuell nicht gut an. Aber es gibt in Weil oben auch italienische Delikatess-Geschäfte, Metzgerei mit eigener Wurstproduktion (so etwas ist bei uns in der Schweiz mittlerweile schon Luxusklasse…), Konditorei mit eins 1A Torten, Bio-Gross-Detaillist, Optiker Fachhandel, Orthopädie Fachgeschäft, Glacé Cafeterias etc.

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  2. Ich tu‘ das ja sonst auch nicht: Ich schlage keine Ferkel zu Tode, lasse keine Hühner im Stall verrotten, vergifte keine Landstriche, lasse keine Kinder arbeiten und fresse keinen Dreck.

    Aber heute ist das anders, denn ich kann mich um den fünften Teil länger mästen.

    Morgen habe ich dann wieder Angst vor dem bösen, bärtigen Araber mit dem stieren Blick.

    Alles hat seinen Preis: Besonders ich.

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  3. Ob eine Behörde mal auf die Idee käme, dass Müll in selbstgestrickten Bebbisäcken gratis abgegeben werden könnte?
    Ob dann grössere Firmen sich eine Bebbisack-Strickerei angliedern würden?

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  4. Irgendwann wird der Einkaustourismus nach Deutschland aufhören, spätestens dann wenn es keinen Schweizer Arbeitgeber mehr gibt, der einen Lohn bezahlt resp. bezahlen kann. (Und damit natürlich auch keine Sozialleistungen mehr)
    In welch wundebarer Welt leben wir?

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    1. Die kommen dann nach dem Einkauf einfach nicht wieder zurück.
      Ob dann Deutschland auch von „Scheinasylanten“ reden würde wie die SVP?
      Vielleicht wären es ja begehrte Neubürger?

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  5. Sie wollen uns indirekt beweisen, dass *Dichtestress“ wirklich nur eine Erfindung von Ecopopianern war!
    Ausserdem übt man für den Basler Morgestraich.

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