76 Prozent für Mindestlohn-Initiative

Würde heute abgestimmt, wären 76 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten für die Mindestlohn-Initiative. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Link Instituts, die von der «Schweiz am Sonntag» veröffentlicht wurde.

"Flash-Mob" für die Initiative der Gewerkschaft UNIA vor dem Bahnhof Lausanne im September 2012 (Archivbild) (Bild: sda)

Würde heute abgestimmt, wären 76 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten für die Mindestlohn-Initiative. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Link Instituts, die von der «Schweiz am Sonntag» veröffentlicht wurde.

Demnach sprachen sich 38 Prozent Befragten «voll» und 38 Prozent «eher» für die Initiative aus. Lediglich 7 Prozent sind «voll» und 15 Prozent «eher dagegen». Das Link Institut befragte im Auftrag des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, der die Initiative lanciert hatte, vom 11. bis zum 16. März 1010 Schweizerinnen und Schweizer.

Die Volksinitiative «Für den Schutz fairer Löhne» verlangt einen gesetzlichen Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde. Er soll für alle Branchen und in allen Landesteile gelten. Ferner sollen Bund und Kantone Mindestlöhne in Gesamtarbeitsverträgen fördern.

Der Bundesrat sprach sich im Januar gegen die Initiative aus und verzichtete auch auf einen Gegenvorschlag. Er teile zwar das Ziel der Initianten, die Armut zu bekämpfen. Ein Mindestlohn sei dafür aber kein geeignetes Mittel.

Negative Effekte

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann relativierte gegenüber der «Schweiz am Sonntag» auch die Umfrage-Ergebnisse: Wenn die Befragten zwischen etwas mehr Lohn oder einer gesicherten Arbeitsstelle abwägen müssten, dann sähen die Antworten wohl anders aus, sagte er.

Die Initiative würde mehr Leute in die Arbeitslosigkeit schicken, denn sie habe zwei negative Effekte: «Erstens würden die Unternehmen zurückhaltender mit Neueinstellungen und zweitens nehmen wir den jungen Leuten einen gewissen Ehrgeiz weg, an sich und ihrer Karriere zu arbeiten», sagte Schneider-Ammann.

Konversation

  1. In einem Punkt haben die Gegner dieser Initiative natürlich schon recht – ob man es mag oder nicht: Sie würde bewirken, dass gewisse bisher tiefer bezahlten Jobs nicht etwa besser bezahlt würden, sondern ganz eingespart. Dass also gewisse Leute, die heute (zu!) wenig verdienen nachher tatsächlich arbeitslos wären.

    Dann allerdings sind sie im „RAV-System“ – und dort gelten harte bis oft sehr willkürliche Regeln. Beispielsweise muss man Jobs zwingend annehmen die einem vom RAV angeboten werden und wo der neue Arbeitnehmer einen dann auch haben will. Sonst gibt’s horrende Bussen (= Zeiten ohne Arbeitslosengeld), die man sich in dieser Situation meist kaum leisten kann – ganz zu schweigen von einem Rekurs o.ä.!

    Und hier hätte die Initiative dann wiederum eine positive Wirkung sogar für Arbeitslose, denn hier besteht heute aktuell Missbrauchspotential: Arbeitgeber können klar unterbezahlte Jobs einfach via RAV anbieten – und die „Opfer“ können sich dagegen – bisher! – nicht wehren. Neu würde aber auch da der Mindestlohn gelten, und niemand könnte gezwungen werden, einen Job darunter anzunehmen!

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  2. Wir leben lohnmässig immer noch in den Zeiten der Feudalstruktur.
    Je mehr einer den Kopf beim Arbeiten braucht desto mehr Geld ist auf dem Lohnzettel. Noch beser stehen die Menschen da, die gar nichts mehr einsetzen müssen, sondern von der „Arbeit des Geldes“ leben können.
    Je mehr einer in die Hände spuken muss um seine tägliche Arbeit zu verrichten und je weniger „Geldmehrwert“ sie hat, desto weniger Geld steht auf der Lohntüte.
    Jede geleistete Arbeit soll den Gegenwert haben, dass ein Mensch, eine Familie davon leben kann. Natürlich würde das das Lohngefälle stark minimieren. Aber wenn wir „Lebensgerechtigkeit“ wollen, bleibt uns dieser Schritt nicht erspart.
    Eine Möglichkeit, uns dem näherzubringen, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Damit haben sogar die Menschen, die viel Arbeit leisten wollen/müssen, die heute gratis ist, eine Möglichkeit das zu machen, ohne in grosse Nöte zu kommen oder aus Ueberlastung zusammenzubrechen.

    Unsere heutige Wirtschaft ist auf globale Marktwirtschaft und Geldvermehrung ausgerichtet. Die Ware muss günstig hergestellt werden zwecks Gewinnoptimierung. Der Mensch degradiert dabei zum Nutzfaktor. Da liegt das eigentliche Grundproblem.

    Eine Wirtschaft für die Menschen sollte für die Menschen da sein. Manchmal glaube ich in Seldwyla zu sein, wenn ich vor allem im Sozialbereich immer wieder höre, dass für Verschiedenes nicht genug Geld da ist.

    Die Wirtschaft sollte deshalb auf der sozialen Grundlage basieren und das Geld einzig und allein dem vereinfachten Verkehr dienen. Es ist doch eigentlich klar, dass genug Möglichkeit der „Arbeitsleistung“ da ist, dass alle Menschen ordentlich vom Markt versorgt werden können.

    Mir scheint eher, dass das nicht richtig funktionniert, dass die, die heute wirklich das Sagen haben, vor allem ihre Pfründe schützen und nicht gefährden wollen.

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  3. Jobs im Tieflohnsegment sind vor allem durch die Automatisierung von Abläufen weggefallen. Zudem gibt es keinen Grund für die zur Zeit gültige Art der Lohndifferenzierung, die hauptsächlich darauf beruht, dass das was für Intelligenz gehalten wird, besser bezahlt wird. Wenn jemand zu 100% für unsere Wirtschaft und damit notabene für unseren Wohlstand arbeitet, so muss es dieser Person auch möglich sein, von dem erhaltenen Lohn zu leben. Das ist heute nicht der Fall.
    Ein angemessener Mindestlohn erhöht die Kaufkraft und ist somit nicht schädlich sondern nützlich.
    Klar erwiesen sind nur Neid und Gier. Diese versuchen wir durch Gesetze so weit in Schach zu halten, dass wir uns nicht gegenseitig den Kopf abbeissen.

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  4. Es ist klar nachgewiesen, dass mit der Einführung eines Mindestlohns Jobs im Tieflohnsegment wegfallen. Dann verzichtet man halt auf die Putzfrau oder den Ferienjöbbler.

    Ein Mindestlohn (umso gravierender, wenn er so utopisch hoch angesetzt ist – bsp. USA: $ 7) schadet also in erster Linie denen, welche man vorgibt zu schützen. Zudem müssen dadurch die Löhne aller Mitarbeiter proportional steigen (der Kundenberater mit 5 Jahren Erfahrung, der vorher 4000 hatte und der Lehrabgänger, der vorher 3000 hatte, können nicht plötzlich gleich viel verdienen). Der Wert dieser 4000.- nimmt durch Preissteigerungen etc. (da alle mehr verdienen) entsprechend ab – man gleicht sich wieder an den ursprünglichen Zustand an und gewonnen hat niemand. Im Gegenteil, denn die Schweizer Produkte werden noch teurer – die Wettbewerbsfähigkeit sinkt – Stellen müssen abgebaut oder ins Ausland verlagert werden.

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