«Banksy sagt uns: Schaut zweimal hin!»

Der Kunstwissenschaftler Ulrich Blanché erzählt im Interview, was den britischen Streetart-Künstler Banksy so einzigartig macht, wie er es so lange schaffte, anonym zu bleiben, und wieso die heutige Street-Art oft nur noch was fürs Instagram-Auge ist.

Eben nicht nur herzig: Banksy-Wandbild im Gaza-Streifen.

(Bild: Adel Hana)

Der Kunstwissenschaftler Ulrich Blanché erzählt im Interview, was den britischen Streetart-Künstler Banksy so einzigartig macht, wie er es so lange schaffte, anonym zu bleiben, und wieso die heutige Street-Art oft nur noch was fürs Instagram-Auge ist.

Ulrich Blanché, Sie haben in diesem Jahr das Buch mit dem Titel «Banksy. Urban art in a material world» veröffentlicht. Was macht Banksy so einzigartig? 

Im Vergleich zum französischen Stencil-Künstler Blek le Rat kann er zeichnen, er ist technisch versiert, wie er selber sagt. Und im Gegensatz zu den Street-Art-Künstlern Invader, Vhils oder JR verfährt er nicht nach dem Motto, jahrelang ein Motiv zu wiederholen. Banksy variiert, schafft für jeden Ort etwas Neues und Aktuelles. Seine Arbeiten sind zugänglich. Ausserdem ist er gut im Selbstmarketing, er will verstanden werden und spielerisch möglichst viele Betrachter ansprechen, das funktioniert offensichtlich auch.


Ulrich Blanché ist wissenschaftlicher Assistent für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Universität in Heidelberg. In seinem dritten veröffentlichten Werk zu dem Street-Art-Künstler Banksy fokussiert der Kunsthistoriker auf Banksys Ausstellungen im etablierten Galeriebetrieb und hinterfragt seine zwiespältige Beziehung zur Kunstwelt.

Weiss man, wofür das Pseudonym Banksy steht?

Jein. «Banksy» wurde in England vor «unserem» Banksy fast jeder genannt, der Banks mit Nachnamen heisst. Banksy ist ein Spitzname für Robin Banks. Das klingt wie «robbin‘ banks», also Banken ausrauben, und könnte wiederum die in seinen Werken weitverbreitete Konsumkritik andeuten. Sehr wahrscheinlich verbirgt sich hinter diesem Namen der wohl im Jahr 2000 untergetauchte Robin Gunningham, geboren 1973 in Bristol. Ich persönlich glaube, dass er Gun, das wir als Wort in seinem Nachnamen finden, zum lautmalerischen «Bang!» umgewandelt hat und daraus Banksy entstanden ist.

Wissen Sie, wie der Kunstschaffende zur Street-Art gekommen ist? Welche Rolle spielt das klassische Graffiti für seinen Werdegang? 

Warhol kam nicht zur Pop-Art, er hat sie miterfunden. So verhält es sich auch bei Banksy. Er kommt vom Graffiti beziehungsweise Hip-Hop und vom Punk gleichermassen. Sein erstes Vorbild war der Frontmann der bekannten Band Massive Attack, der vor seiner Karriere als Musiker Graffiti-Sprayer und unter dem Namen 3D in Bristol bekannt war. Ihn hat Banksy nachgeahmt und war dann selbst einige Jahre als klassischer Graffiti-Writer tätig. Später arbeitete er auch als Grafiker.

Banksy ist auch als ein politischer Künstler bekannt. Wie reflektiert er in seinen Werken unsere gegenwärtige «material world»?

«I’m a material girl in a material world» kennt man von einem Popsong von Madonna. Sie hat es wiederum bei Marx gelesen. Banksy bewegt sich auf einer ähnlichen Doppelbödigkeit: Er übt Konsumkritik, profitiert jedoch finanziell von den Konsumenten seiner Konsumkritik. Diesen Widerspruch versucht er künstlerisch fruchtbar zu machen. Wie er überspitzt feststellt, lässt sich heute teils mehr Geld damit machen, Anti-McDonald’s-Kampagnen zu starten, als man vielleicht für eine McDonald’s-Kampagne bekommen würde.

«Das Rätsel um seine Person ist Banksys interessantestes Kunstwerk»: Kunstwissenschaftler Ulrich Blanché.

Es gibt Stimmen, die Street-Art schon als einen historischen Begriff ansehen. Heute werden, als Street-Art-Nachfolger, in erster Linie legale, grossflächige Wandmalereien so geschaffen, dass sie einen digitalen Betrachter auf Instagram ansprechen. Für mich ist das Kunst im öffentlichen Raum, die oft nur gefallen will – auch weil sie von öffentlichen Geldern abhängt und um zukünftige Geldgeber wirbt. Was heute als Street-Art tourt, sei es als Pflastermalerei oder Gemeindewandbilder, übertüncht mehr als etwas offenzulegen.

Die Vortragsveranstaltung in der Colab Gallery heisst «Banksy hates Graffiti». Eine bewusste Irritation? 

«I hate this font», schrieb Banksy an eine Wand in New York, gestaltet in der klassischen beziehungsweise etwas ausgelutschten, oft verwendeten Bubble-Letters-Schrift. Banksy hasst das konservative Regelwerk, in dem viele traditionelle Graffiti-Writer verharren. In dem Vortrag versuche ich, seine künstlerische Entwicklung und seine Hassliebe im Spiegel des Graffiti nachzuerzählen. Auf jeden Fall werde ich viele Bilder aus der frühen Schaffensphase von Banksy zeigen, die auch Kennern kaum bekannt sein werden.

Buchpräsentation «Banksy. Urban art in a material world» und Vortrag von Dr. Ulrich Blanché,
Samstag, 30. April 2016, 19 Uhr, Colab Gallery, Schusterinsel 9, 79576 Weil am Rhein; Eintritt frei.

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