«Ceci n’est pas une femme» – feministisches Kollektiv attackiert Werbeflächen in Basel

Offener Mund, schmachtender Blick: Plakate mit einschlägigen weiblichen Motiven wurden Ziel einer antisexistischen Kampagne.

Verführerischer Blick, unnatürliche Haltung. Laut der Non-Profit-Organisation «Terre des Femmes» ein klarer Fall sexistischer Werbung. 

(Bild: Daniel Faulhaber)

Offener Mund, schmachtender Blick: Plakate mit einschlägigen weiblichen Motiven wurden Ziel einer antisexistischen Kampagne.

In Basel wurde in der Nacht auf Donnerstag, den 30. Juni, eine Reihe von Plakaten einer offenbar koordinierten Klebekampagne unterzogen. Ziel der Aktion waren Sujets mit einschlägigen Merkmalen: weibliche Models, leicht geöffneter Mund, unnatürliche Pose, devote Haltung. «Ceci n’est pas une femme», lautet die Botschaft der Plakatgegnerinnen oder -gegner, die sich unter einer Internetadresse als das Kollektiv «Schamlos Basel» zu erkennen geben.

Die «feministische, antisexistische und quere» Gruppierung wehrt sich nach eigenen Angaben gegen die Objektivierung der Frau als fremdbestimmtes Lustobjekt, wie es in der Werbung oft propagiert wird. Althergebrachte Rollenbilder reproduzierten nicht nur falsche Vorstellungen, sie schränkten damit sowohl Frauen als auch Männer ein, die durch ebendiese Klischeebilder in ein falsches Selbstverständnis gedrängt würden. 




«Ceci n’est pas une femme», lautet die Botschaft des Kollektivs, das auf die überzeichnete Darstellung von Weiblichkeit aufmerksam machen will. (Bild: Daniel Faulhaber)

Das Statement zur Plakataktion unterzeichnet das Kollektiv mit der Aussage: «Unsere Sexualität und Körperlichkeit darf uns nicht vorgeschrieben werden. Wir sind vieles, aber nicht das, was sie euch und uns glauben machen wollen.»

Basel ist keine Ausnahme

Feministische Angriffe auf körperbetonte Plakate sind keine Seltenheit. Im deutschsprachigen Raum sind ähnliche Aktionen aus Berlin, Dresden oder Köln bekannt, wo jeweils das italienische Dessouslabel Calzedonia Ziel der Attacken war. In England sorgte «Protein World», ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, mit der Kampagne «Are you Beach Body ready?» für einen Sturm der Entrüstung – in beiden Fällen forderten Online-Petitionen das Abhängen der Plakate. Und hatten zumindest in London Erfolg damit.




Das italienische Dessous- und Bademodelabel Calzedonia wird regelmässig Ziel feministischer Attacken. (Bild: Daniel Faulhaber)


Die Non-Profit-Organisation «Terre des Femmes» engagiert sich in der Schweiz seit 2012 gegen sexistische Werbung. Sie nennt unter anderem folgende Auswirkungen: Körperscham, die aus dem Vergleich des eigenen Körpers mit den unrealistischen Modelmassen resultiert. Essstörungen wie «zwanghaftes Kalorienzählen» bis hin zu Magersucht und Körperüberprüfung. «Im Schnitt checkt eine Frau alle 30 Sekunden, wie sie aussieht und wie sie auf andere wirken könnte», heisst es auf der Website der Organisation.

Die Alternative der Aufsichtskommissionen

Milena Wegelin, Projektleiterin von «Terre des Femmes» Schweiz hatte auf Anfrage der TagesWoche keine Kenntnis von der Kampagne in Basel, hält es aber für grundsätzlich begrüssenswert, wenn Sexismus in der Werbung thematisiert wird, solange dies innerhalb des rechtlichen Rahmens geschehe. Wer sich durch aggressive oder explizit sexistische Werbung belästigt fühle, könne beispielsweise bei der Lauterkeitskommission eine Beschwerde einreichen, welche die entsprechenden Unternehmen zumindest zu einer Stellungnahme zu den Sexismus-Vorwürfen auffordere.  

Entsprechende Versuche wurden jüngst in Wien unternommen, blieben aber erfolglos. Der Werberat lehnte zwei Beschwerden betreffs «übertriebener sexistischer und aufreizender Darstellung der Models auf den Calzedonia-Plakaten» als «offensichtlich unbegründet» ab.


Die betroffenen Unternehmen waren bis zum Donnerstagnachmittag für ein Statement nicht zu erreichen.

Konversation

  1. Ganz klar: Wir sollten den Labels Werbung untersagen, die mit Unterwäsche auf Frauen für Frauen-Unterwäsche werben.

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    1. @Kol Simcha: Wäre es unter Umständen möglich, dass Sie das „Wir“ etwas präzisieren und den Prozess des Untersagens ein wenig detaillierter darlegen? Ich vermute, Sie haben schon mit der Sammlung von Unterschriften begonnen, denn vermutlich geht es nicht ohne Gesetzesänderung. Oder doch? Lassen Sie es uns wissen.

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    2. Wie Sie ausserdem an den Beispielbildern im Artikel sehen können handelt es sich bei besagter (sexistischer) Werbung nicht ein einziges Mal um Unterwäschewerbung!

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    3. @simcha

      Sie müssten mit Ihrem speziell cleveren ansatz unbedingt in die werbung – fachgebiet hämorrhoiden, inkontinenz & genitalpilz.
      (das federt dann auch biz den voyeurismus ab – ich freu mich schon auf Ihre reifeprüfung: «string-tanga für die herb-männliche bierwampe»)

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  2. Wurden auch nackte männliche Oberkörper abgeklebt (Duschwerbung, Parfum, etc) oder hat man das „vergessen“? Oder ist das am Ende halt doch etwas gaaanz Anderes?
    Ja ich weiss, es gibt sexistische Werbung, zB wenn die Bikinilady mit LKW-Reifen posiert (Null Zusammenhang), aber wenn man dagegen protestiert, sollte man konsequent und auf beide Seiten reagieren, sonst leidet die Glaubwürdigkeit und somit die Sache, für die man eigentlich einstehen wollte.

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    1. „terre des femmes“, wie der Name sagt, eine Organisation für Frauenrechte. Sie haben durchaus Recht, man könnte auch bei Werbung mit Männern genauer hinschauen und die Art der Werbung hinterfragen. Nur können Sie ja nicht den einen vorwerfen, nicht gleich die ganze Welt retten zu wollen – manchmal ist es gut, man fokussiert sich. Und Sie sind ganz frei, für Männer etwas ähnliches ins Leben zu rufen…!

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  3. Was dabei gerne vergessen geht: Nicht der Sexismus in der Werbung ist das Problem, sondern die Werbung selbst ist das Problem. Zu viel Werbung, die uns auf Schritt und Tritt verfolgt und uns zum Konsum animiert,. Denn wo kein Konsum, da kein Umsatz und also schon gar kein Wachstum. Und auf letzteres ist unser Wirtschaftssystem bislang mehr angewiesen als auf alles andere. Aber auch das wird sich ändern, wie die Grenzen des Wachstums nahelegen. Fragt sich nur wie: freiwillig oder unfreiwillig?

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