Das Meer kommt! Wie wir den Datenschatz gehoben haben

Zuverlässige Aussagen über die Veränderung des Meeresspiegels sind nur aufgrund glaubwürdiger Daten möglich. Datenjournalist Felix Michel erklärt, wie ein Recherche-Netzwerk diese in monatelanger Kleinarbeit zusammengetragen hat.

Pegelmessungen als Indikatoren für den Klimawandel: Messboje im Hafen von Wellington in Neuseeland. (Bild: Stuart Mackay, NIWA)

Geschichten über den steigenden Meeresspiegel legen den Fokus meist auf die Zukunft, auf die Konsequenzen und Probleme, denen Küstengebiete begegnen werden. Häufig zeichnen diese Erzählungen Horrorszenarien, die in den nächsten zehn oder hundert Jahren eintreffen könnten.

Bei der Recherche von CorrectivMediapart und der Columbia Journalismus-Schule konnte ich dank eines Google-Stipendiums als Datenjournalist mitarbeiten. Wir gingen einen anderen Weg. Wir haben uns gefragt: Was ist bereits passiert? Wir haben für unsere Recherche also nach einer Informationsquelle gesucht, die präzis Aufschluss darüber gibt, wie sich der Meeresspiegel in den vergangenen Jahrzehnten oder noch besser Jahrhunderten verändert hat.

Dieser Text zeigt, wie ein Team von Journalisten aus sieben Ländern zu den Daten kam, welche Überlegungen wir dabei anstellten und wie aus einem grossen Haufen Daten schliesslich unsere Artikel entstanden sind.

Die Daten der Seefahrer

Ein System, das seit mehreren Jahrzehnten, mancherorts seit Jahrhunderten in Betrieb ist, ist das der Pegelmessungen. Diese wurden ursprünglich verwendet, um Seefahrer sicher in die Häfen zu lotsen. Früher wurde der Wasserstand mit einer Pegellatte, die an einer Mauer befestigt war, bestimmt und aufgezeichnet, heute werden meist Drucksonden oder Ultraschallgeräte eingesetzt.

Die erste Quelle, die Pegelmessungen aus der halben Welt bot, war das Sea Level Center der Universität von Hawaii. Es stellt überaus detaillierte Daten zur Verfügung, nämlich stündliche Pegelaufzeichnungen.

Wir analysierten und visualisierten die Daten und stellten bald fest: Stündliche Aufzeichnungen sind gar nicht nötig für unsere Bedürfnisse. Zudem merkten wir, dass das Netzwerk der Uni Hawaii mit 291 Stationen zwar gross ist, deren Verteilung unseren Ansprüchen aber nicht genügte. Die Mehrheit der Stationen liegt in der nördlichen Hemisphäre, doch wir wollten mehr. Wir wollten eine Geschichte erzählen, bei der es um die ganze Welt gehen sollte.

Ein Glückstreffer für die Recherche

Wir kontaktierten Wissenschaftler rund um den Globus. Schliesslich verwiesen uns australische Forscher von der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) auf eine britische Behörde, die seit 1933 weltweit Pegeldaten sammelt. Diese Behörde nennt sich Permanent Service of Mean Sea Level (PSMSL), ist in Liverpool zu Hause und liefert auch die Daten, die der UN-Weltklimarat IPCC für seine Klimaberichte verwendet.

Die Datenbank des PSMSL enthält Messwerte von mehr als 2000 Stationen weltweit, ein absoluter Glückstreffer für unsere Recherche.

Die Analyse unseres neuen Datenschatzes zeigte dann aber bald, dass manche Stationen nur wenige Jahre in Betrieb waren, die Start- und Endzeitpunkte der einzelnen Messreihen deutlich variierten und gewisse Stationen ihre Messungen nur lückenhaft aufgezeichnet hatten. Wir mussten also selbst Regeln festlegen, um einen konsistenten Datensatz zu erhalten.

In Gesprächen mit Wissenschaftlern definierten wir unsere Kriterien: Eine Station wurde nur dann in unseren Datensatz aufgenommen, wenn aus den Jahren von 1985 bis 2015 mindestens 70 Prozent der Messresultate vorhanden waren. Fehlerhafte Messungen haben wir aus dem Datensatz entfernt, somit sind bei gewissen Stationen die Messreihen lückenhaft. Durch diese Methode haben wir den Datensatz auf 513 Stationen und rund 34’000 Messungen reduziert.

Natürlich wollten wir den historischen Aspekt ebenfalls berücksichtigen. So können über unseren Datenexplorer auch Messungen von vor 1985 betrachtet werden.

Recherchen auf dem ganzen Globus

Durch die Visualisierungen auf einer Karte konnten wir nun Muster erkennen und waren erst mal überrascht: Der Meeresspiegel stieg gar nicht überall an. Im hohen Norden, in Skandinavien und Alaska, zogen sich die Meere sogar deutlich zurück. Wir hatten also bereits eine spannende Geschichte gefunden, die Jòn Bjarki Magnússon, ein Correctiv-Journalist aus Island, in den folgenden Wochen recherchiert hat.

https://correctiv.org/recherchen/klima/artikel/2017/07/28/steigende-meere-finnland-schweden/

Starke Anstiege stellten wir dafür an der US-amerikanischen Ostküste und im südchinesischen Meer fest. Für Jacque Manabat, eine Correctiv-Journalistin von den Philippinen war diese Erkenntnis wenig überraschend und sie konnte mit Leichtigkeit aus ihrem Erfahrungsschatz als Lokaljournalistin in Manila schöpfen.

Die Journalisten der Columbia Universität reisten für ihre Geschichten nach Bangladesch, Japan, Argentinien und Neuseeland. Das französische Online-Medium Mediapart analysierte die Situation im südfranzösischen Palavas-les-Flots.

Mit den Daten des PSMSL und den Recherchen auf dem ganzen Globus kamen wir nahe an unser Ziel, ein präzises Bild über die weltweiten bisherigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Meere und Küsten zu zeichnen. Dennoch bleibt ein Kritikpunkt an den Daten: Messstationen auf der südlichen Halbkugel sind rar. In Afrika, Südamerika und Teilen Asiens finden sich auf unserer Visualisierung nur wenige Stationen. Das liegt daran, dass es in diesen Regionen lange keinen nennenswerten Handelsverkehr gab und daher an den Häfen keine Pegelstandsmessungen vorgenommen wurden.

Was lange währt

Ein Projekt, bei dem Journalisten aus sieben zum Teil sehr unterschiedlichen Ländern beteiligt sind, steckt voller Erlebnisse, verlangt zahlreiche Skype-Konferenzen und viel Durchhaltevermögen. Denn vor allem dauert so ein Projekt am Ende deutlich länger als erwartet. Nach zwei Monaten bei Correctiv in Berlin konnte ich die Datenanalyse weitestgehend abschliessen und einen Entwurf für unsere interaktive Geschichte erstellen. Das war im Dezember 2016.

Seither habe ich das Projekt in der Freizeit weiterverfolgt. Weil es mir wichtig war, diese grosse Recherche über den Klimawandel abzuschliessen, um den Leserinnen und Lesern zeigen zu können, dass die Veränderungen real sind und nicht nur Prophezeiungen einer fernen, apokalyptischen Zukunft.

Die Veröffentlichung unserer Recherche nach einer so langen, anstrengenden und aufregenden Zeit ist eine grosse Befriedigung. Nun wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, eine spannende, erkenntnisreiche und auch ein bisschen schauerhafte Lektüre unserer Geschichten über das Ansteigen der Meere.

https://tageswoche.ch/?p=1493795

Konversation

Nächster Artikel