Der Barfüsserplatz – Chamäleon der Platznutzung

Wo können wir in der Stadt den Wandel von Gesellschaft und Geschichte ablesen? Verschiedene Orte bieten sich dafür an. Der vielfältig genutzte Barfüsserplatz ist dabei besonders zu beachten. Kaum ein öffentlicher Raum Basels hatte und hat sich dermassen vielen Nutzungsveränderungen zu unterziehen wie er. Vor einigen Wochen, ein sonniger Spätherbsttag: Menschen schlendern über den Markt, […]

Es glitzert und glänzt auf dem Barfi

Wo können wir in der Stadt den Wandel von Gesellschaft und Geschichte ablesen? Verschiedene Orte bieten sich dafür an. Der vielfältig genutzte Barfüsserplatz ist dabei besonders zu beachten. Kaum ein öffentlicher Raum Basels hatte und hat sich dermassen vielen Nutzungsveränderungen zu unterziehen wie er.

Vor einigen Wochen, ein sonniger Spätherbsttag: Menschen schlendern über den Markt, Standinhaber bieten ihre Ware an, die Betreiber der Wurstbuden warten auf die Mittagskundschaft. Einige junge Leute sitzen auf der Treppe und blicken auf das Geschehen. Zu einer anderen Tages- oder Nachtzeit blicken sie hier vielleicht auf eine grosse Konzertbühne, ein Fest der Feuerwehr oder auf einen leeren Platz. Und jetzt, Anfang Dezember, füllen die Düfte und Farben des traditionellen Basler Weihnachtsmarkts den Platz. Der Barfüsserplatz im Herzen der Basler Altstadt ist ein Chamäleon der Platznutzung. 

Wie es dazu kam? Für die Beantwortung dieser Frage wühlen wir mal ein wenig in der Vergangenheit herum. Die bewegte Geschichte Basels begründet die Vielseitigkeit des Barfüsserplatzes. Wohl kaum ein Platz in dieser Stadt unterzog sich so oft Umnutzungen und Umstrukturierungen wie der Barfi.

Ausschnitt Barfüsserplatz, aus dem Stadtplan von Matthäus Merian, 1615 (zu bewundern in der Brötli-Bar im Hotel Stadthof)

Ausschnitt Barfüsserplatz, aus dem Stadtplan von Matthäus Merian, 1615 (zu bewundern in der Brötli-Bar im Hotel Stadthof) (Bild: Annina Brunner)

Den Anfang machte die Niederlassung des Bettelordens der Franziskaner. Mit diesem Ereignis eng verbunden: die Namensgebung. Die aufgrund des Prinzips der apostolischen Armut «keine Schuhe Tragenden» gaben dem Platz seinen bis heute in allem Munde bekannten Namen. Sie erweiterten nicht nur des Städters Wortschatz, sondern bemühten sich in dem, was vielleicht heute unter «Städtebau» diskutiert wird. In der Gründungsphase des Klosters lief die damalige Stadtmauer noch direkt am Platz entlang und begrenzte ihn gen Süden. Kaum war die äussere Stadtmauer im 14. Jahrhundert fertiggestellt, begann der Innere Stadtring obsolet zu werden. Als nächstes fiel das Kloster, das die Barfüsserkirche umgab, der Erneuerung zum Opfer.

Nach den Klerikern der Schweinehandel

Nach grösseren baulichen Umstrukturierung taten sich neue Möglichkeiten auf, den Barfüsserplatz zu nutzen. Der Schweinehandel fand dort unter anderem seinen Platz. Die Bezeichnung «Seibi» (=Sau/Schwein) für den Barfi geht auf diese Ereignisse zurück. Etwa zeitgleich ersetze man das alte Stadtcasino durch ein neues, erbaut von Melchior Berri und eröffnet im Jahr 1826.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielt dann die heute bekannte «Grüne Wand» Einzug in die Innenstadt. Das Basler Tram rollt noch heute quietschend über den Barfi. Die Erfindung des Automobils ging auch nicht spurlos vorbei. Dazumals, und heute nur zu gut von Genf bekannt, hielten die Basler ab 1925 erstmals eine Automesse ab. Wenn gerade keine Messe statt fand, fristete der Platz ein etwas glanzloses Dasein: als Parkplatz.

Modell Barfüsserplatz um 1870 (zu bestaunen im Historischen Museum am Barfüsserplatz)

Modell Barfüsserplatz um 1870 (zu bestaunen im Historischen Museum am Barfüsserplatz) (Bild: Annina Brunner)

Mit den Umbauten von 1936 (Tieferlegung des Platzes und Bau des Neuen Casinos) und 1979 (Entfernung der als «Klagemauer» bekannt gewordenen Stützmauer) erhielt der Platz sein heutiges Aussehen und das Flair eines Treffpunktes und Veranstaltungsortes.

Der Barfüsserplatz spricht durch seine zentrale Lage alle Gesellschaftsschichten an und hat dementsprechend viel zu bieten. Der Barfi ist ein Treffpunkt, ein Verkehrsknotenpunkt, Ausgangslage für manche Stadtführung und mit dem Historischen Museum (HMB) und dem Stadtcasino ein Ort der Geschichte und Kultur. Genug Anstoss, um über den Barfi zu reflektieren.

Plätze als Fussabdrücke der Gesellschaft?

Die öffentlichen Plätze sind nicht nur aufgrund ihrer Funktion als Begegnungsorte bedeutend. Es sind die Stadien ihrer Entwicklung und Veränderung, die sie zu Zeitzeugen des urbanen Wandels machen. Die Gesellschaft baut sie auf oder zerstört sie. Sie sind das Abbild – das Erinnerungsfoto – der Menschen um sie herum.

Als weiter öffentlicher Raum formieren sie den Kontrast zur dichten städtischen Bebauung. Aufgrund ihrer regen Nutzung, dokumentieren sie städtebauliche und raumplanerische Tendenzen in der Geschichte. So war der Barfüsserplatz während der Zeit der Autostadt ein Parkplatz. Dadurch konnte das Automobil ins urbane Zentrum einziehen. Zum Glück ist dieser städtebauliche Unsinn heute schon wieder vergessen. Denn während der Transformation Basels zu einer Kulturstadt verschwanden die Parkplätze.

Barfüsserplatz heute

Barfüsserplatz heute. (Bild: Annina Brunner)

Plätze sind Träger von Funktionen. Diese dokumentieren die Interessen der Gesellschaft. Das Automobil kam auf, so transformierten sich Plätze funktionell zu Parkplätzen. Der Barfi war bei weitem nicht der einzige dieser Art. Heute steht wieder die Kultur vor dem Automobil. Darum ist auf dem Barfüsserplatz auch eher ein Konzertbühne statt ein Auto anzutreffen.

Und morgen ein Barfiturm?

Was passiert wohl in der Zukunft mit dem Barfüsserplatz? Folgen wir dem städtebaulichen Wahnsinn der urbanen Verdichtung, über die wir auf «Stadtflaneur» schon reflektiert haben, so müsste vielleicht auch der beliebte Barfi bald einen Barfiturm vorweisen. Oder gibt es neues räumliches Potential, wenn ab 2014 die Innenstadt nur noch zu Fuss zu begehen ist (die TagesWoche berichtete darüber)?

Ganz gleichgültig, was auf dem Barfi und in den anderen öffentlichen Räumen geschieht – sie dokumentieren die Interessen der Gesellschaft. Wir sind gespannt auf die Zukunft!

_
Interessante Links:

Basler Bauten: http://www.basler-bauten.ch

Der Gesamtplan: http://www.youtube.com/watch?v=-emJml_-B_0

Konversation

  1. dachte ich noch optimistisch, dass sich bestimmt jemand Gedanken gemacht hat, wie das Problem zu lösen sei, die Fahrtrichtung Kleinbasel so zu überdachen, dass man nicht ständig im Regen steht.
    Ein schönes Beispiel hätte man sich an Bern nehmen können, wo Kirche und Tramhaltestelle am Bahnhof kein Hindernis darstellten, ein überspannendes, schützendes Glasdach zu bauen.
    Ein Verkehrsknotenpunkt mit zwei Metern Nutz-Stell-Fläche für Fahrgäste, Bank, Ticketautomat, Kinderwagen, Hunde und wenns regnet, einhundert „gefühlte“ Schirme, die einem die Augen ausstechen.
    Wer hat nicht schon einmal vergebens versucht, bei Platzregen Schutz unter BVG-Dach einzunehmen um dann, wenn das Kleinbasler-Tram kommt, flux über die Gleise zu springen… vergeblich…. die Fahrtrichtung Grossbasel ist ständig durch Trams befahren.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten

Nächster Artikel