Die Gastronauten kommen

Für die «Internationale Gastronautische Gesellschaft» beschränkt sich das Essen nicht nur auf Nährwert und Geschmack. Ob Food-Porn, Heuschrecken-Verzehr oder Wurstopia: Mit fantasievollen Aktionen lotet die kochfreudige junge Gruppe aus Basel die Möglichkeiten und Grenzen der Gastronomie aus.

Die Haut isst mit: Das Essen geht bei den Basler Gastronauten nicht nur durch den Magen.

Für die «Internationale Gastronautische Gesellschaft» beschränkt sich das Essen nicht nur auf Nährwert und Geschmack. Ob Food-Porn, Heuschrecken-Verzehr oder Wurstopia: Mit fantasievollen Aktionen lotet die kochfreudige junge Gruppe aus Basel die Möglichkeiten und Grenzen der Gastronomie aus.

Dass das Auge stets mitschlemmt, ist eine Binsenwahrheit. Dass aber auch der Haut beim Essen eine wichtige Rolle zufallen kann, mag zunächst nicht einleuchten.

Genau darum geht es beim bevorstehenden «Culinarium». Die «Internationale Gastronautische Gesellschaft» lädt dazu ein, auch mit dem Tastsinn zu schwelgen. Unter dem Motto «Die Haut isst mit» werden sechs Gänge serviert, die ein sensorisches Erlebnis bieten. So viel sei schon mal verraten: Die Esser werden so richtig ins Schwitzen kommen, wenn zu scharfer Suppe auch noch Senfmehl-Wickel verteilt werden.

Rüebli-Nebel zur Abkühlung

Als Abkühlung wird dann zum Fenchel-Orangen-Salat ein Rüebli-Nebel versprüht. Das Aufrollen der Spaghetti mit Lavendelöl an den Händen führt zu einer eine Art Selbstmassage und das Dessert wird schliesslich mit einer Kakao-Lippenpomade direkt vom «karamellisierten» Unterarm gegessen.

Das bevorstehende «Haut-Gericht» ist nur eine von vielen ausgefallenen Aktionen der «Internationalen Gastronautischen Gesellschaft». Dieses junge Kollektiv experimentiert stets mit ungewohnten Dimensionen der Küche. «Es geht uns immer um diejenige Ebene des Essens, die sich jenseits vom geschmacklichen Empfinden befindet», erklärt der 27-jährige Gastronautik-Mitbegründer Leon Heinz.

Die «Metaebene» des Essens

Bei dieser «Metaebene des Essens» kommen etwa visuelle, akustische und soziale Aspekte zum Zug. «Im Grunde genommen ist derjenige ein Gastronaut, der das Essen über den rein physiologischen Nährwert hinaus betrachtet», meint er. Dies geschehe dann, wenn beispielsweise jemand ein Gedicht über das Schnitzel schreibe. Auch die Veganer-Bewegung, welche in aller Leute Munde ist, sei insofern «gastronautisch» da sie sich mit einer kulinarischen Metaebene befasse, wie Leon Heinz erklärt.

Kulinarisches Porno-Kino

Seine Gruppe möchte sich hingegen nicht auf eine bestimmte kulinarische Tendenz festlegen. Es sind vielmehr die vielfältigen Möglichkeiten der Nahrungsaufnahme, die immer wieder gestalterisch umgesetzt werden. So stellten die Gastronauten etwa einmal in Mulhouse eine «Food-Porn-Kabine» auf. Der Begriff nimmt Bezug auf die immer stärker werdende Tendenz, Essen zu fotografieren und dann die Bilder auf Facebook zu veröffentlichen.

Auf Knopfdruck waren die lustvollen Kommentare hungrig stöhnender Feinschmecker zu hören.

Mit diesem «kulinarischen Porno-Kino» wurde dies bewusst überstilisiert: Schaulustige konnten eintreten, um sich appetitliche Bilder von Delikatessen anzusehen. Auf Knopfdruck waren auch die lustvollen Kommentare hungrig stöhnender Feinschmecker zu hören.

Die kulinarische Raumfahrt begann vor rund zwei Jahren. Die Gastronautik-Gründungsmitglieder Felicia Schäfer, Sandra Kessler und Leon Heinz lernten sich an einem Anlass des HyperWerks, wo alle drei studieren, kennen. Sie beteiligten sich an einem Pancake-Marathon, welcher mit einer transportablen Küche auf einer Fähre stattfand.

Bei dieser speziellen Kochgelegenheit auf dem Rhein stellten die drei fest, dass sie ein Flair für die Esskunst teilten. Daraufhin beschlossen sie, die «Internationale Gastronautische Gesellschaft» ins Leben zu rufen.

«Alles geht», heisst die Devise

Leon Heinz, der auch das Take Away «Samstag» führt und sich für Theaterregie interessiert, kam auf die Idee, Inszenierung und Gastronomie aneinanderzukoppeln. Alles auszuprobieren wie damals als Kind, ist heute noch seine Devise. Dieser Grundgedanke schlägt sich auch im gastronautischen Gründungsmanifest vom Januar 2013 nieder. Wie es dort heisst, möchte man die Chance packen, wieder «auf gute und fantasievolle Art zu speisen».

Verschiedenste Erscheinungsformen des Essens sollen ausprobiert werden. Dabei liegt der Fokus jedes Mal woanders. Kürzlich ging es in einem anderen «Culinarium» um «Applications» oder wie Essen in den Mund gelangt. 15 Gänge wurde jeder auf eine andere Art appliziert – die Gerichte wurden gesaugt, geschlürft oder gar geworfen und gespritzt.

Wie entsteht Geschmack?

Ein anderes Mal staunte so mancher Passant nicht schlecht, als beim Keck-Kiosk vor der Kaserne Heuschrecken in Erdnussöl gebraten und offeriert wurden. Egal ob mit Peperoncini und Knoblauch, Orangen-Sojasauce oder Curry: In unterschiedlichen Geschmacksrichtungen wurden die Insekten zubereitet.

Dabei ging es den Gastronauten weniger um eine Ethno- oder Endzeit-Küche – viel mehr steckt hinter der Aktion die Frage, wie überhaupt Geschmack entsteht und welche Rolle dabei der Anblick der «Beute» spielt. Jemand begründete seine Hemmung vor der ungewöhnlichen Mahlzeit mit der Tatsache, dass diese schon mal herumgehüpft sei.

Aus einer begehbaren beleuchteten Pyramide können sich die Feiernden ihre Häppchen aussuchen.

Des Weiteren haben die Gastronauten den «Mount Apéro» im Angebot. Bei diesem Catering-Service wird jeweils das «Zentralmassiv der Amuse-Bouches» aufgestellt: Aus einer begehbaren beleuchteten Pyramide können sich die Feiernden ihre Häppchen aussuchen. Auch Blind-Tests mit trivialen Lebensmitteln wie etwa Pommes Chips stehen oft auf dem Programm.

Die essbare Menükarte

«Wir sind einem Vielfalts- und Versionenhype ausgesetzt», erklärt Leon Heinz. Die Degustation von Alltäglichem sei eine Antwort darauf. Dabei gehe es weniger darum, einen Sieger zu krönen, als individuell auszuprobieren. Für die Zukunft schwebt den Gastronauten die Idee vor, mit einem Saucen-Siebdruck eine essbare Menükarte herzustellen.

Es ist nicht das Ziel der Gastronauten, zu missionieren und eine Form des Essens als die richtige anzupreisen, wie sie betonen. Vielmehr interessiert die breite Palette an Möglichkeiten der Gastronomie. Da hat der Hamburger einer Fastfood-Kette ebenso Platz wie ein Veganer-Menü oder Bio-Produkte. «Wer sich mit Essen auseinandersetzt, ist immer gesellschaftskritisch, da grosser Teil des Lebens auf diese Tätigkeit zuläuft», meint Leon Heinz.

Die Idee einer Volksinitiative für den Kochunterricht steht im Raum.

«Es ist ein Akt, den man gemeinsam ausübt, er nimmt viel Zeit ein», ergänzt Lea Leuenberger, eine weitere Gastronautin. Somit handle es ich um die vielleicht aktivste Form von Kultur überhaupt, wie sie feststellt. Leon Heinz plädiert deshalb sogar dafür, den Kochunterricht in der Schule zu verankern. Dieser müsse aber nicht einfach belehrend sein, sondern vor allem lustvoll und motivierend sein.

Das rudimentärste Grundbedürfnis werde in ihren Augen von vielen Leuten verlernt. Wie er antönt, könnte aus der Idee auch mal eine politische Angelegenheit werden: Vielleicht werden die Gastronauten eines Tages eine Volksinitiative für den Kochunterricht auf die Beine stellen.


Mehr Infos unter www.gastronautischegesellschaft.org. Dort kann auch ein Newsletter bestellt werden. Die Internationale Gastronautische Gesellschaft hat in nächster Zeit folgende Aktionen auf dem Programm:

30. April, 20 Uhr: Culinarium No. XIII – Die Haut isst mit: Ein Essen das dich salbt. Anmeldung bis am 29. April an die Adresse info@carambolage.ch mit Vermerk «vegetarisch» oder «Fleisch». Unkostenbeitrag 36 Franken.

16. Mai: Carambolage-Testessen – Griechische Oliven: Wähle aus 12 Proben deinen Favoriten.

24. Mai: Auftritt an der Oslo Night: «Wurstopia» – Wurste aus 300 Produkten deine Wurstvision in einen Schafsdarm.

6.Juni: Auftritt am Hacker-Festival «ckster»: Culinarium XIV – Food Hacking – Gehacktes ohne Hörnli.

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