Hochsee-Verkehr am Teich

Der Park im Grünen in Münchenstein ist nicht nur einer der beliebtesten Erholungsräume in der Region, sondern auch Treffpunkt von Männern mit einer speziellen Leidenschaft.

Kapitäne, voll konzentriert. (Bild: Nils Fisch)

Der Park im Grünen in Münchenstein ist nicht nur einer der beliebtesten Erholungsräume in der Region, sondern auch Treffpunkt von Männern mit einer speziellen Leidenschaft.

Es ist schon ein besonderer Anblick, wie eine Gruppe gestandener Männer, jeder mit einer Fernbedienung in der Hand, am Parkteich mit Schiffen spielt. Doch halt, wer da von Spielen spricht, hat nicht begriffen, worum es geht: Das, was die Männer hier machen, ist gelebte Leidenschaft. Dafür investieren sie ihre Freizeit, die meisten seit Jahren.

Sie verbringen unzählige Stunden in Hobbyräumen oder haben ihre Stuben zu solchen umfunktioniert. Dort tüfteln und werkeln sie an ihren Miniaturausgaben von Hochseeschleppern, Passagierdampfern, Luxusyachten, Feuerlöschbooten und was sonst noch alles auf dem Wasser verkehrt. Bis ins kleinste Detail muss die Kopie dem Original entsprechen.

50 Jahre alt und immer noch eine Schönheit

Zum Beispiel die «Titanic» von Beat Wolfisberg, 63 Jahre alt, gelernter Mechaniker. Der legendäre Luxusdampfer, der 1912 auf seiner Jungfernfahrt unterging und dabei etwa 1500 Menschen in den Tod riss, ist ein Prachtstück. Nachgebaut hat ihn eigentlich Wolfisbergs Vater vor etwa 50 Jahren. Nicht fürs Wasser, sagt der Sohn, sondern zum Aufstellen im Wohnzimmer. Bei der Hausräumung nach dem Tod seiner Eltern sei das Schiff auf dem Estrich zum Vorschein gekommen, verstaubt, aber immer noch eine Schönheit. Das war vor etwa 30 Jahren.

Seither hat Wolfisberg unzählige Stunden damit verbracht, dem Schiff das Leben vor seinem Untergang zurückzugeben. Er restaurierte es, machte es wassertüchtig und steuerbar und stattete es mit 170 LED-Lämpchen und einem MP3-Player aus, der das Schiff mit der Originalmusik der Titanic-Tanzkapelle beschallt.

Das Restaurieren und Reparieren der Schiffe sei das eine, was ihm an seinem Hobby so gefalle, sagt Beat Wolfisberg. Aber ebenso das Fahren mit ihnen in der Öffentlichkeit, nicht zuletzt «um zu zeigen, was man kann» – den anderen Kapitänen wie auch den übrigen Parkbesuchern, von denen so manche stehenbleiben, um dem Schauspiel zuzuschauen. «Hauptsache, sie tun das mit den Augen und nicht mit den Fingern», sagt Wolfisberg. Denn da ist immer wieder die Sorge, es könnte etwas kaputtgehen. Es tut weh, wenn in einem kurzen Moment die Arbeit von Monaten zerstört wird.

Der Werkzeugkoffer ist immer mit dabei

Wolfisberg wird ernst, als er von einem Hobbyfreund erzählt, dessen dreistöckiger Mississippidampfer von einem Speed-Boot gerammt wurde. Das ganze oberste Stockwerk habe es weggerissen, schlimm. Er nehme darum, wenn so einer mit einem Schnellboot komme, seine Schiffe lieber aus dem Wasser. «Irgendwann ist dessen Akku unten, dann kann ich wieder rein.» Doch in der Regel bevorzugen die Männer, die ihre Schiffe im Park im Grünen zu Wasser lassen, ohnehin die behäbigeren Modelle. Die Mehrheit sind denn auch eher ältere Herrschaften, einige bereits in Rente.

Freddy Keller hat Jahrgang 1943. Die Leidenschaft für den Modellbau hat ihn gepackt, als er in der Schule im Werken das allererste Schiff baute. Da war er 15 Jahre alt. Die Leidenschaft hat ihn nicht mehr losgelassen. Er ist ein echter Seebär, mit Kapitänsmütze und weissem Bart. Elf Schiffe besitzt er derzeit, das grösste hat eine Länge von 1,75 Metern und ist 21 Kilo schwer. Als Transportmittel dient ihm ein zum Veloanhänger umgebauter Kinderwagen.

Heute ist er mit der «Thyssen II», einem in der Binnenschifffahrt eingesetzten Schubboot, gekommen. Er baue am liebsten Schiffe, die es auch in Wirklichkeit gebe. Gerne Arbeitsschiffe mit einer speziellen Ausrüstung. Keller baut alles selber, das sei ihm wichtig, sagt er. Zum einen, weil er einfach Freude daran hat, zum anderen aber auch, weil er so flicken kann, was zu flicken ist.

Und es gibt offenbar immer etwas, was nicht so funktioniert, wie es sollte. Jeder hat neben einem oder zwei Schiffen auch noch mindestens einen Werkzeugkoffer dabei. Hier gibts noch was zu schräubeln, dort etwas zu verleimen. Beim einen kommt ein Schiff nicht richtig auf Touren, beim anderen, dem mit dem Feuerlöschboot, spritzt nur ein Wasserschlauch statt beide.

Konstruktionsfehler, Defekte, Unfälle – schon vielen Modellbauern ist ein Schiff «abgesoffen».

Fast jedem ist auch schon mal ein Schiff «abgesoffen». Sei es wegen eines Konstruktionsfehlers, wegen eines technischen Defekts oder wegen eines Unfalls. Peter Meneghin erzählt von seinem Sohn, der eine Zeitlang mitgekommen sei und einmal, «da hat er mir dieses Schiff hier versenkt wie die Titanic». Mitten ins Schilf hinein gesteuert habe er es, drüben auf der anderen Seite, wo es dann steckenblieb und eben – «absoff». Er sei dann mit dem Schlauchboot des Restaurants hingerudert, habe das Schiff rausgefischt und wieder repariert.

Ja, die Söhne. Wie man erfährt, gibt es nicht viele, die das Hobby ihrer Väter teilen. Generell sei es schwer, die jüngere Generation dafür zu begeistern, sagt Roger Held, mit seinen 48 Jahren heute einer der Jüngsten auf dem Platz. Held muss es wissen, denn er ist Vizepräsident des Modell-Schiffbau-Club Basel. Unter den rund 75 aktiven und passiven Mitgliedern im Club, sagt er, gebe es etwa vier Junge. Der Club unternehme vieles, um Nachwuchs zu gewinnen, «wir gehen in Schulen, in den Werkunterricht, organisieren Schaufahr-Veranstaltungen», mit mässigem Erfolg.

Eine eingeschworene Gemeinschaft

Gründe? Da könne man viele aufzählen, meint Held, und es sei wohl eine Kombination von diesen allen. Letztlich hätten fast alle Vereine dasselbe Problem: «Die junge Generation tut sich schwer damit, einem beizutreten.» Aber auch von den älteren Herren hier im Park sind nicht alle im Verein. Er sei kein Vereinsmeier, sagt einer. Er zahle trotzdem hin und wieder etwas ein, «für die fachliche Unterstützung, die ich dort immer bekomme, wenn ich ein Problem habe».

Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich jeweils am Sonntag und am Dienstagabend am Teich im Park zum Grünen trifft. Übrigens – auch wenn bisher nur von Männern die Rede war: Es gibt eine Frau, Jolanda Meneghin, Ehefrau von Peter, die offensichtlich auch dazugehört. Sie hat allerdings keine Fernbedienung in der Hand, sondern eine Striggede. Weil sie einfach gerne bei ihrem Mann sei, sagt sie. Und vielleicht, wer weiss, «baue ich mir doch noch einmal selber ein kleines Böötli».

Nächstes Schaufahren des Basler Modell-Schiffbau-Clubs: 21. und 22. September im Gartenbad Eglisee.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 12.07.13

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