Im «Wilden Westen» der Entsorger: Eine Sperrgut-Tour durchs St. Johann

Sie gehören zum Strassenbild des St. Johann wie Unkraut in den Garten: wilde Sperrgut-Deponien. Wo sich die Abfall-Hotspots befinden und weshalb auch ein Zettel mit der Aufschrift «gratis» nicht vor einer Ordnungsbusse schützt. Eine sperrige Polstergruppe in der Elsässerstrasse, ein Kinderwagen beim Davidsboden: Für jeden hat es auf dem Trottoir etwas dabei – und erst […]

Bedarf für die halbe Familie: Kinderwagen und Bettsofa beim Davidsboden.

Sie gehören zum Strassenbild des St. Johann wie Unkraut in den Garten: wilde Sperrgut-Deponien.
Wo sich die Abfall-Hotspots befinden und weshalb auch ein Zettel mit der Aufschrift «gratis» nicht vor einer Ordnungsbusse schützt.

Eine sperrige Polstergruppe in der Elsässerstrasse, ein Kinderwagen beim Davidsboden: Für jeden hat es auf dem Trottoir etwas dabei – und erst noch gratis: Manchmal sind es ideale Fundstücke für Trödler und WG-Inventarsuchende. Eine Win-Win-Situation: Der Entsorger wird auf unkomplizierte Art und Weise seinen Schreibtisch los, der Empfänger kommt kostenlos zu einem neuen Möbel.

Manchmal zieren aber auch weniger appetitliche Stücke die Gegend, tagelang, bis ein roter Mahnzettel dran klebt. Dass während der Sommerferien besonders viel Sperrgut im Quartier zu finden ist, freut nur diejenigen, die gerade eine Gratis-Couch für den Proberaum gefunden haben. Die Ordnungsliebenden dagegen finden lediglich einen Grund, um sich zu ärgern. «Das ist halt typisch St. Johann», wettert ein älterer Anwohner und zeigt auf einen Haufen alter Kleider mitten auf dem Trottoir sowie auf eine vergilbte Matratze. Schon seit Tagen gammelt die an einen Baum gelehnt vor sich hin.



Eine Sitzgelegenheit mit Blick auf die Tramlinie 11: Eine Polstergruppe an der Elsässerstrasse.

Eine Sitzgelegenheit mit Blick auf die Tramlinie 11: Die Polstergruppe an der Elsässerstrasse. (Bild: Michel Schultheiss)

Die Hochburgen unter den Wilddeponien

Anstelle von Sperrgutvignetten hängt manchmal ein «Gratis»-Zettel am wild entsorgten Objekt, oft gar nichts, und elektronische Geräte wie Fernseher werden gerne mit der Aufschrift «Funktioniert!» angepriesen. Brettspiele, Puppen und Pfannendeckel sind zu finden. Für zwei schwarze CD-Ständer interessierte sich auch nach Wochen niemand. Andere Sachen kommen schneller weg, gut erhaltene Stühle oder Tische zum Beispiel. Bei Matratzen und Sofas ist die Hemmschwelle wesentlich grösser – wer weiss schon, was man damit sonst noch alles mit ins Haus schleppen würde.



Vielleicht konnte diese Matratze an der Vogesenstrasse einmal einem müden Passanten dienen.

Vielleicht konnte diese Matratze an der Vogesenstrasse einmal einem müden Passanten dienen. (Bild: Michel Schultheiss)

Polstergruppen, Schränke und Lampen gehören bisweilen zur Kulisse des Santihans, das ist auch den Behörden bekannt. Das Statistische Amt Basel hat eine Karte der illegalen Abfalldeponien-Hotspots erstellt. Zusammen mit dem Klybeck- und Matthäusquartier gehört das St. Johann tatsächlich zu den Spitzenreitern in Sachen Abfalldeponien; auch das Gundeli kann noch mithalten. Nach Angaben der Stadtreinigung finden sich die absoluten Hotspots innerhalb des St. Johanns an der Elsässer-, Gas- und Entenweidstrasse. Doch auch in den benachbarten Strassen wird man fündig. Und das Mülhauserweglein, ein dunkler Fussgängerdurchgang zum Volta-Schulhaus, war ebenfalls lange ein beliebter Entsorgungsort.



Ein Platz unter den Topfpflanzen: Dieses Sofa hielt es ziemlich lange an der Vogesenstrasse aus.

Ein Platz unter den Topfpflanzen: Dieses Sofa hielt es ziemlich lange an der Vogesenstrasse aus. (Bild: Michel Schultheiss)

«Ansteckende Wirkung»

Die Deponien konzentrieren sich nicht selten an den Stammplätzen. «Es gibt das Phänomen der ansteckenden Wirkung – wo schon Abfall liegt, kommt schnell noch mehr dazu», sagt Matthias Nabholz, Leiter Amt für Umwelt und Energie (AUE). Wirklich nachvollziehbare Erklärungen gebe es aber kaum. «Unserer Meinung nach ist die sehr hohe Bevölkerungsdichte in diesen Strassenzügen der Grund für diesen Sachverhalt», sagt André Frauchiger, Öffentlichkeitsbeauftragter beim Tiefbauamt. «Diese führt auch zu einer gewissen Anonymität, die das wilde Deponieren begünstigt.»

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, beim wilden Entsorgen erwischt zu werden: Die Abfallkontrolleure des AUE suchen die Deponien auf Hinweise ab. Bei einer Sperrgut-Deponie vor einem Wohnhaus werden die Bewohner oder die Hausverwaltung befragt. Manchmal wird der Verursacher auch auf frischer Tat ertappt. «Rund 300 Bussen wurden im 2014 für wilde Deponien und illegale Entsorgungen ausgestellt», sagt Matthias Nabholz. Oft sei es jedoch nicht möglich, den Verursacher zu finden. In solchen Fällen müsse das Material auf Kosten der Allgemeinheit entsorgt werden.



Für den Küchenbedarf: Pfannendeckel und Tassen sonnen sich an der Landskronstrasse

Für den Küchenbedarf: Pfannendeckel und Tassen sonnen sich an der Landskronstrasse (Bild: Michel Schultheiss)

«Gratis»-Zettel schützen nicht vor Abfallkontrolleuren

Verschenken, was man selbst nicht mehr braucht, mag eine gute Sache sein. Doch wer seine Utensilien über die Strasse mit dem Hinweis «Zum Mitnehmen» weitergeben will, der sei gewarnt: «Im Abfallkalender wird klar kommuniziert, wie man Abfälle richtig entsorgt – eine solche Anschrift schützt vor einer Busse nicht», sagt Matthias Nabholz. Werden Wilddeponierer erwischt, setzt es eine Busse von 200 Franken. 

Zu den beliebten Deponie-Hotspots gehören auch Wertstoffsammelstellen – im St. Johann zum Beispiel an der Entenweidstrasse. Auch hier vor den Containern wachsen bunte Haufen, sobald jemand mit dem wildem Entsorgen anfängt. Meistens beginnt es harmlos, mit Papiertüten oder Pet-Flaschen. Und dann gesellen sich Hausabfälle hinzu, Altpapier, Kleider, Teppiche.

Die Abfallkontrolleure inspizieren auch diese Orte. Und wie Nabholz sagt, kann da festgestellt werden, «dass die neueren Unterflursammelstellen weniger von diesem Problem betroffen sind als die älteren Sammelstellen mit oberirdischen Containern».



Altglas-Container als beliebte Ablagestellen für... eigentlich alles. Nicht umsonst ist die Entenweidstrasse ebenfalls als Stammplatz für Deponien bekannt.

Altglas-Container als beliebte Ablagestellen für… eigentlich alles. Nicht umsonst ist die Entenweidstrasse ebenfalls als Stammplatz für Deponien bekannt. (Bild: Michel Schultheiss)

Zwischen einem «dreckigen» und einem sterilen Quartier

Im Grunde erstaunt es nicht, dass sich gerade die belebtesten und dynamischsten Wohnquartiere durch ihre Sperrgut-Hinterlassenschaften auszeichnen. Nicht umsonst ist unter den Parolen gegen die Stadtaufwertung der Satz «St. Johann blybt dräckig» zu lesen. Das Motto gegen die Aufwertung scheint – auch wenn damit wohl weit mehr gemeint ist – auch auf diese Deponien zuzutreffen. Der Graben zwischen den alten Wohnbezirken mit der geschäftigen Elsässerstrasse und den herausgeputzten, aber steril und unbelebt wirkenden Bauten beim Novartis-Campus ist selbst bei der Entsorgung sichtbar.



Ein seltsames Ensemble beim Davidsboden

Ein seltsames Ensemble beim Davidsboden (Bild: Michel Schultheiss)

Daraus abzuleiten, dass Sperrgut-Deponien quasi ein Zeichen der Stadtentwicklung sein könnten, wäre dennoch etwas gewagt. Die Deponien sind im Santihans keineswegs neu. Laut Matthias Nabholz lässt sich schwer beurteilen, ob dieses Phänomen zu- oder abgenommen hat. «Die Anzahl Fälle unterliegt grossen Schwankungen, eine Tendenz ist nicht ablesbar», sagt er. Überall dort, wo vermehrt kontrolliert werde, habe sich die Situation jedenfalls verbessert. In Basel seien im vergangenen Jahr rund 4500 Meldungen beim AUE eingegangen, davon 650 im Santihans. «Aus dem St. Johann gehen nicht mehr Beschwerden ein als aus vergleichbaren anderen Quartieren», sagt Nabholz. 



Die Gasstrasse wird zu den Hotspots der Deponien gezählt. Dieser gut erhaltene Tisch fand offensichtlich bald Abnehmer.

Die Gasstrasse wird zu den Hotspots der Deponien gezählt. Dieser gut erhaltene Tisch fand offensichtlich bald Abnehmer. (Bild: Michel Schultheiss)

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