Instant-Entschleunigung im Kloster: Ein Wochenende unter Mönchen

Im Kloster Saint-Marie de la Tourette stehen die Türen für alle offen. Während einem Tag oder einer Woche können Besucher am Klosterleben teilhaben und zwischen gregorianischen Gesängen, Wein und Naturbetrachtung sich selber begegnen. Zu anstrengend? Ein Besuch lohnt sich alleine auch wegen der Architektur.

(Bild: Michael Fässler)

Im Kloster Saint-Marie de la Tourette stehen die Türen für alle offen. Während einem Tag oder einer Woche können Besucher am Klosterleben teilhaben und zwischen gregorianischen Gesängen, Wein und Naturbetrachtung sich selber begegnen. Zu anstrengend? Ein Besuch lohnt sich alleine auch wegen der Architektur.

«Spartanisch: ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl.» So steht es im Duden und so ist auch das Zimmer. Ich stelle meine Tasche neben die Spritzbetonwand und trete durch die Glastüre auf den steinernen Balkon in die Nachmittagssonne. Vom Zimmer nebenan streckt mein Begleiter seinen Kopf hinter der Mauer hervor und gemeinsam blicken wir auf die unter uns liegende grüne Wiese und die Baumwipfel des nahen Waldes. 

Der Kollege blinzelt im Gegenlicht und sagt in seinem breiten Berner Dialekt: «Hier fährst du ‹instantly› runter.» Als ich wenig später auf dem schmalen Bett liege, geht mir dieser Satz nochmals durch den Kopf, ich denke an Instant-Messaging, an Instant-Kaffee. Dann schlaf ich ein.

Sakraler Beton

Vor mehr als 50 Jahren erhielt der Schweizer Architekt Le Corbusier den Auftrag zum Bau des Dominikaner-Klosters nordwestlich von Lyon. Ein sakrales Gebäude sollte es werden, ohne den gängigen Kirchenklamauk. Gebaut hat der Architekt ein Gebäude aus verstörendem Grau. Eine Betonanlage, ebenso filigran wie mächtig, eingebettet in die idyllische Landschaft des Beaujolais. Für Architektur-Fans ein Muss, für alle anderen wahlweise ein Faszinosum oder visueller Schrecken.

Insgesamt 100 Schlafzellen befinden sich im Gebäude. Einst als Kloster für 90 Mönche geplant, wohnen heute noch 8 Dominikaner im Kloster. Und teilen sich ihren Alltag mit Besuchern aus allen Kontinenten. Einige bleiben für eine Woche, andere, so wie wir, nur für ein Wochenende.

Ein Spiel aus Licht und Schatten

Wer den hufeisenförmigen Bau erkundet, trifft mit jedem Schritt auf ein Spiel aus Licht und Schatten. Breite Glasfronten und schmale Langfenster verbinden die Innenräume mit der Umgebung. Die Architektur lässt kaum eine Möglichkeit zur Rast. Wer hier Geborgenheit sucht, muss sie bei sich selber finden. Oder den Wald, die Wiese und den Himmel betrachten. Auf der Aussenseite der Glasfronten tummeln sich Käfer und geflügelte Insekten, verkriechen sich in den Betonritzen oder flattern weiter auf die Dachgärten des Gebäudes.

Eigentlicher Mittelpunkt des Klosters ist die Kirche, wo sich die Architektur des übrigen Baus ins Gegenteil verkehrt. In diesem Saal, dessen graue Betonwände sich über drei Stockwerke in die Höhe strecken, führt kein Blick nach aussen. Einzig durch ein paar farbige Lichtschächte erhellt etwas Tageslicht den Raum.

Gesänge und Gebete

Wir erwachen gerade noch rechtzeitig für das Abendgebet aus unserem Nachmittagsschlaf, steigen drei Stockwerke abwärts und setzen uns eingepackt in unsere Jacken ins Kirchenschiff. Einer nach dem anderen betreten die acht Mönche den Raum und verteilen sich um uns auf die Holzbänke. Jeder in eine weisse Kutte gekleidet, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen – der Moment ist so unwirklich, dass ich mich in den Arm kneife.

Jetzt sicher, nicht zu träumen, lauschen wir schweigend den mächtigen gregorianischen Gesängen und Gebeten, bis die Männer nach einer halben Stunde plötzlich verstummen und einer nach dem anderen, so geräuschlos wie sie gekommen sind, die Kirche wieder verlassen.

Fisch, Spinat und Kartoffeln

Immer noch unter dem Eindruck des Erlebten, begeben wir uns in den Speiseraum und setzen uns mit zwei Chinesen und einer Japanerin an den Tisch. Alle drei haben einen weiten Weg hinter sich, um das Kloster des bis nach Asien berühmten Le Corbusier zu besuchen. Ein Mönch, jetzt wieder ganz weltlich in Jeans und Sandalen, serviert das Essen. Fisch, Spinat und Kartoffeln. Dazu zwei Flaschen Beaujolais, die mein Begleiter fast im Alleingang leert.

Als wir am nächsten Tag gegen Mittag erholt, aber auch etwas erschlagen das Kloster verlassen, blicken wir noch einmal aus der nahen Allee zurück auf den kolossalen Bau. Au revoir La Tourette, auch wenn es nicht nur einfach war mit dir, wir kommen wieder.

  • Eintauchen: Den Kern des Klosterlebens erlebt man am besten an einem der täglich drei Gottesdienste.
  • Essen: Täglich drei Mahlzeiten. Es gibt, was auf den Tisch kommt.
  • Spazieren: Wird es im Kloster zu eng, lädt die idyllische Landschaft des Beaujolais ringsum zum Spaziergang. 
  • Anschauen: Im Rahmen der Kunstbiennale Lyon stellt der Künstler Anish Kapoor bis Anfang Januar rund ein Dutzend seiner imposanten Skulpturen im Kloster aus.
  • Reservieren: Das Kloster ist oft von Gruppen belegt. Am besten schon einen Monat im Voraus reservieren.

Konversation

  1. Na- zumindest der Name scheinz zu passen- auch wenn dies das einzige ist was diese schauerliche Monströsität von einer Betonhölle authentisch wohl zu bieten hat… von wegen „Kloster“…. In diesem Beton-Gefängnis bekäme auch ich alsbald das „Tourette-Syndrom“- und wie !

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  2. Wein und Gesang. Und wo bleibt die Naturbetrachtung des Weibes?

    Aha: In Holz geschnitzt über dem Altar.

    Da darf in Kontemplation versinken, wer will. Man hält sich an «Fisch, Spinat und Kartoffeln» und denkt an die Schönheit des «Beaujolais».

    Das Kloster ist «oft von Gruppen belegt». Das darf ruhig so bleiben (Dominic Strauss-Kahn soll dort auch schon gebucht haben).

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    1. Die Phantasie ist ja manchmal stärker als jede Realität. Damit sind auch schon die nächtlichen Träume definiert.
      Nach dem Klosteraufenthalt hat man ja dann wieder Zeit für diese Realität.

      Warum in Klöstern immer so ein Hang nach Alkohol exisitert? In Bayern eher in Richtung Bier, hier eher in Richtung Wein?
      Die Begründung mit dem Blut Christi nehme ich niemandem ab!

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