Jenseits aller Ideologien

Eine neue Biografie zeigt, wie der Basler Anarchist und Verleger Heiner Koechlin für Gerechtigkeit kämpfte.

Heiner Koechlin hält 1963 die 1. Mai-Rede auf Spanisch. (Bild: Staatsarchiv, Hans Bertolf)

Eine neue Biografie zeigt, wie der Basler Anarchist und Verleger Heiner Koechlin für Gerechtigkeit kämpfte.

Es gibt diesen Widerstand durch klares Denken. Das kritische Denken, losgelöst von Fesseln jeglicher Art. Es gibt den Widerstand durch Manifestation. Durch Demonstration, durch Schrift und Aktion. Der Basler Antiquar und Anarchist, Philosoph, Verleger und Aktivist Heiner Koechlin war alles: ein unabhängiger kritischer Denker, ein Beobachter seiner Zeit und unbequemer Zeitgenosse.

1918 als Sohn eines Arztes in die Zeit nach den Wirren des Ersten Weltkriegs hineingeboren, prägten die Linke und die Arbeiterbewegung den jungen Koechlin für das ganze Leben. Sein politisch und pazifistisch denkender Vater erzog ihn, den Einzelgänger, zum linken Denker und Aktivisten. Aufgewachsen in Kleinhüningen, verfolgte Koechlin hautnah die Anliegen der Arbeiterbewegung und der heterogenen Linken zwischen Sozialismus, Marxismus oder Kommunismus. Mit der gespaltenen Linken sollte Koechlin sich allerdings fortan regelmässig anlegen.

Koechlins Eltern hatten früh die soziale Arbeitsgemeinschaft Ulme gegründet. Zwangsläufig waren Heiner und seine Geschwister mittendrin – er als Ungleicher unter Gleichen. Koechlin war ein Einzelgänger und als Sohn ­eines Arztes wenig integriert, aber ­sensibilisiert. Ihm ging es um soziale Gerechtigkeit. Dafür setzte er sich in der sozialen Jugendbewegung, später als Anarchist, in der 68er-Bewegung, im Kampf gegen Atomkraftwerke, im Einsatz für Flüchtlinge oder gegen soziale Ungerechtigkeiten etwa für den Bau von Wohngenossenschaften ein.

Humanist in Wort und Tat

Koechlin war Kosmopolit, Grenzgänger zwischen lokalen und gleichsam internationalen Anliegen, ein Beobachter im Grossen wie im Kleinen. Er reiste viel, später auch mit seiner spanischen Frau Elisa und Tochter Concesa in Frankreich, Spanien, Kuba, Israel. Relativierung und Kompromisse gab es für Koechlin nicht, wenn es um soziale Gerechtigkeit ging. Er prangerte an, mit Leserbriefen und Schriften, in Briefen an Behörden. In einem Leserbrief über die Agitationen von Basels Polizeidirektor Felix Brechbühl kritisierte Koechlin später die Behandlung und dann Rückweisung jüdischer Flüchtlinge in den sicheren Tod.

Mit seinem Bruder Felix setzte er sich fortan für die Flüchtlinge ein; ob er solche auch über die Grenze geschmuggelt und gerettet hat, ist nicht belegt, aber immer wieder kolportiert worden. Als Koechlin sich des Ausmasses des Holocaust bewusst wurde, stellte er die Frage: «Hatten wir wirklich genug getan, um unsere Behörden zur Öffnung der Schweizer Grenze zu veranlassen?» Und er beantwortete sie gleich mit Aktion statt Resignation, setzte sich für Verfolgte im Spanischen Bürgerkrieg, später dann Verfemte in Kuba und viele andere ein. Doch die Frage sollte den Pazifisten nicht mehr loslassen.

In Paris schreibt Koechlin seine Dissertation zur Pariser Commune.

Und so schreibt er in Paris schliesslich seine Dissertation über die Pariser Commune und somit über sein ­Lebensthema: Gibt es eine Revolution ohne Gewalt, und wo ist Gewalt überhaupt legitim? Die Arbeit publizierte er im eigens gegründeten Verlag Don Quichote – ein Name, der mehr als Programm war. Die Persiflage mittelalterlicher Ritterromane in Spanien war Ausgangspunkt für Koechlins ­eigenen Zugang zu politischen und Herrschaftsbewegungen im 20. Jahrhundert. Widerstand durch Denken, Wort und Aktion.

Seine Zeitschriften «Der freiheitliche Sozialist», «Akratie» und «Sisyphos» zeigen die Entwicklung zum unideologischen Linken, Anarchisten und konsequenten Antikommunisten auf. Früh setzte er sich mit Jacob Burckhardts Diktum «Macht ist an sich böse» auseinander, um wenig später den Streit zwischen Jean-Paul Sartre und Albert Camus aufzugreifen. In diesem Schlüsseltext über den heftigen Disput zwischen den beiden bringt Koechlin diesen und somit ­seine eigene Position auf den Punkt: Sartre kämpfte gegen Faschismus, Camus gegen Totalitarismus. Diese Haltung war nicht nur prägnant, sondern auch der definitive Bruch mit der kommunistischen Linken.

Don Quichote in Basel

Koechlin war Existenzialist, Schüler und Diskussionspartner von Karl ­Jaspers, geistiger Weggefährte von Albert Camus. Doch auch da rang Koechlin. Camus’ Essaysammlung «L’homme revolté» wurde zentral. In einem kurzen Briefwechsel aus dem Jahr 1952 schreibt Koechlin einen eindringlichen und bewegenden Brief an den späteren Literaturnobelpreisträger. Er hinterfragt Camus’ Auffassung, dass limitierter Einsatz von Gewalt für die Revolution legitim sei, da eine konsequente Gewaltlosigkeit die Knechtschaft zur Folge habe. Koechlin als Pazifist widersprach dem: Auch in der Gewaltlosigkeit sei eine revolutionäre Kraft verhaftet.

Koechlin war eng verbunden mit Basel, das ihm indessen immer wieder zu klein zu werden schien. Mit seinem engsten Freund, Isak Aufseher, gründete er 1949 das Antiquariat Dr. Heiner Koechlin, das bis heute am Spalenberg domiziliert ist. Wer ging dort nicht ein und aus: Professoren, der Daigg, Linke und Liberale, die Elite Basels ebenso wie die vielen politisch engagierten Zeitgenossen Koechlins, Journalisten, Künstler oder schlicht Passanten, die bereits damals durch die bis heute attraktiv bespielten Schaufenster in das Bücherlabyrinth hineingesogen wurden. Dort sass Koechlin oft grimmig in der Ecke im kleinen Büroréduit. Wortkarg.

Er haderte mit der Frage, ob Gewalt ein legitimes Mittel sei.

Dafür fand er klare Worte als Publizist, Redner oder Verleger. Koechlin gründete den Spalenberg Verlag und die Zeitschriften «Akratie» sowie «Sisyphos». Er schrieb die Bücher «Der wahre Glaube oder das unmenschliche Entweder-Oder», «Die Tragödie der Freiheit», «Zwischen Skylla und Charybdis». In Letzterem setzte er der heimatlosen Linken der 1930er-Jahre ein Denkmal. Manès Sperber, Arthur Koestler, Ignazio Silone und Gustav Regler, lokal verhaftete und oft jüdische Kosmopoliten, gehörten zu einer Bewegung, die Koechlin weiterhin ­faszinieren sollte. Israel stand für ihn für diese säkularen, sozialistischen und emanzipierten Juden.

Koechlin hatte das nach den Deportationen von Antwerpen geleerte Judenviertel der 1940er-Jahre nicht vergessen und ebenso wenig die Frage, ob er in dieser Zeit nicht mehr für die Verfolgten ­hätte tun können. In diesem Kontext stand er für den Staat ein, kritisch, solidarisch. «Vielleicht ist die von mir ersehnte Freiheit nur ein Traum und die Anarchie eine Illusion. Aber ohne diese Illusion hätte ich keine Minute meines Lebens leben können», schrieb Koechlin einst. Und als er dann 1993 auf seiner letzten Israelreise mit seiner Frau in Arad am Fernsehen den Händedruck zwischen Arafat, Clinton und Rabin erlebte, war er wohl skeptisch und doch voller Hoffnung.

Ohne Ideologie gegen Ideologie

Koechlin war autonom, Existentialist und frei von Ideologien. Mit dieser Überzeugung stand er für soziale Gerechtigkeit und konsequent gegen den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts ein, während seiner Reden an Kongressen der Anarchisten oder jeweils am 1. Mai auf dem Basler Marktplatz. Er haderte mit der Frage, ob Gewalt zum Schutz der Recht- und Gewalt­losen ein legitimes Mittel und die Anarchie, die Abwesenheit jeglicher Herrschaft und Gesetze, abseits der Utopie ein realer Weg sein könne.

Kurz vor seinem Tod antwortete Koechlin darauf: «Fragt man mich heute, ob ich noch Anarchist sei, was häufig vorkommt, so fällt mir die Antwort nicht leicht. Sie kann nur ‹Nein› und ‹Ja› lauten. So lange Menschen Menschen sind, können wir auf einen Rechtsschutz, auch einen gewaltsamen, nicht verzichten. Doch liegt in diesem Schutz selbst wiederum eine tödliche Gefahr für das Recht, das er schützen soll. Ich bin darum nach wie vor Anarchist, indem ich kein Gesetz anerkenne, und wäre es von einer Volksmehrheit beschlossen, das meinem moralischen Empfinden widerspricht.»

* Der Journalist und Publizist Yves Kugelmann präsidiert die Stiftung für Gesellschaft, Kultur und Presse, Schweiz und gibt die jüdischen Zeitschriften «Tachles» und «Aufbau» heraus.

Heiner Koechlin 1918–1996 Vor zwei Jahren begannen auf Initiative der Stiftung für Gesellschaft, Kultur und Presse, Schweiz die Historikerin Isabel Koellreuter und die Kulturwissenschafterin Franziska Schürch mit der Recherche zur Biografie über Leben und Werk von Heiner Koechlin. Im Zentrum stand die historische Auf­arbeitung von Koechlins notierten Lebens­erinnerungen im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts und Basels Stadt­geschichte. Neben dem Quellenstudium in Archiven ­weltweit führten sie viele Gespräche mit ­Zeitgenossen von Heiner Koechlin. Herausgekommen ist ein faszinierendes Porträt über Koechlin, Weggefährten, politische ­Ent­wicklungen und Basel im 20. Jahrhundert. Das Buch «Heiner Koechlin 1918–1996. ­Porträt ­eines Basler Anarchisten» mit einem umfassenden Editionsband «Heiner Koechlin. Ausgewählte Schriften» erscheint im Reinhardt Verlag Basel.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 06.12.13

Konversation

  1. Das könnte unserem Land nur guttun, wenn ein solcher Geist bei uns Fuss fassen würde.
    Langsam aber sicher ersticken wir immer mehr in Vorschriften und Gesetzen. Wo bleibt da die hochgelobte Freiheit. Es wird ja gesagt, dass wir ein freies demokratisches Land sind.
    Freiheit bedeutet doch, dass man aus innerer Freiheit mit Hilfe seines Gewissens seine Entscheidungen trifft. Will man allerdings nicht Gefahr laufen mit all den Gesetzen und Vorschriften in Konflikt zu geraten, bleibt uns immer mehr nur noch die Fremdbestimmung.
    Warum lehnen sich da nicht mehr Menschen dagegen auf? So viel Kreativität und so viele Impulse werden so erstickt.
    Es täte uns gut, uns mehr mit Menschen, wie Köchlin zu beschäftigen.

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