Kultwerk #68: Monsieur Hulot

Vor 60 Jahren schickte Jacques Tati sein Alter Ego Monsieur Hulot in die «Vacances».

Bis Monsieur Hulot schliesslich allein dasitzt, darf er auch selbst austeilen. (Bild: Cinetext)

Vor 60 Jahren schickte Jacques Tati sein Alter Ego Monsieur Hulot in die «Vacances».

Ein Einzelgänger geht baden: Der schlacksige Urlauber Monsieur Hulot lässt keine Gelegenheit verstreichen, etwas zu vermasseln. So sehr scheint er von seinem Ungeschick ausgefüllt, dass er nicht mal ein vernünftiges Wort mit den anderen Ferien­gästen sprechen kann. Ohnehin ist er meistens damit beschäftigt, die unverkennbare Tabakpfeife im Mund zu führen. In einer Zeit, da Filme längst in Dialog und Farbe produziert werden, lehnt sich Jacques Tati an den Stummfilm der Slapstickpioniere Buster Keaton und Charlie Chaplin an. Ein Film, der sich aus der Zeit nimmt?

Schaut man den Film heute an, überkommen einen vor allem Erinnerungen an schönere Tage. In einem Badeort liegt vis-à-vis vom Meer das kleine Hôtel de la Plage. Am bezaubernden Strand eine Handvoll Gäste, auf der staubigen Küstenstrasse nicht Verkehr,sondern Passanten. Man will den Ort besser nicht heute sehen.

Aus der Zeit gefallen

Und nun kommt Monsieur Hulot: im klapprigen Auto, ellenlang, mit Hochwasserhosen und dem unmöglichen Hut. Der Schattenriss seiner Körperhaltung kann es an Eigensinnigkeit mit Karl Valentin aufnehmen. Hulot tritt auf aus ­einer anderen Zeit. Und ja, es ist möglich, ausnahmslos jeden Handgriff in eine Katastrophe zu überführen. Kein Koffer wird getragen, ohne dass Hulot mit der Tür ins Haus stolpert. Jedes gespannte Seil, das nach einem Unfall ruft, wird erhört.

An diesen katastrophalen Verkettungen hat Tati minutiös gearbeitet. Über den Über­legungen, wie aus einem simplen Gegenstand ein unüberwindbares Slapstick­hindernis werden kann, vergingen bis zum fertigen Film auch mal Jahre. Seine Filmografie kann man dementsprechend an zwei Händen abzählen. Die damit entstandene Zuverlässigkeit, mit der die Slapstickszenen aufeinander­folgen, führt in eine Art Trance. Je unwahrscheinlicher, dass Herrn Hulot irgendetwas gelingt, desto unwahrscheinlicher, dass er in der kleinen Feriengesellschaft im Hôtel de la Plage einen Fuss in die Tür kriegt. Dass irgendeine Begegnung normal verläuft. Mit jeder verfehlten Aufmerksamkeit rückt sich der glücklose Charmeur weiter ins Abseits. Als die Ferien dann aus sind, will ihm zum Abschied kaum einer die Hand reichen. Ein einziger Gast, ein stiller Beobachter, gibt ihm seine Adresse, im Flüsterton: ein Einsamer dem Einsamen. Hulot, der traurige Clown, gehört in jede Zeit, da er selber aus der Zeit gefallen ist.

Den Film in ganzer Länge finden Sie auf vimeo.

Jacques Tati als Monsieur Hulot.

(Bild: Cinetext)

Jacques Tati
Mit Pfeife, ohne Melone, dafür mit Charme. Tati, 1907 im heutigen Yvelines (F) geboren, erfindet mit Monsieur Hulot seine Lebensrolle. Als die aufwendige Produktion «Playtime» (1967) floppt, geht er bankrott und zieht sich langsam aus dem Filmgeschäft zurück. Er stirbt 1982 in Paris.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 22.02.13

Konversation

Nächster Artikel