Mario Kart in der Markthalle – und unsere Praktikantin mittendrin

In der Markthalle gabs ein Turnier, an dem wahre Helden und Heldinnen geboren werden. Unsere Praktikantin war aber schon vorher eine. Glaubte sie.

«Spiel oder stirb» hiess das unausgesprochene Motto des Abends (P.S.: Wie Sie sehen, musste ich ohne Fotograf ans Turnier).

(Bild: Dominik Lüönd)

Den Anfang machte das Kultwerk #261: Die Nintendo 64 wird 20, das war einen kleinen Artikel wert. Am Tag darauf der Fotograf: «Soll ich meine N64 in die Redaktion bringen? Und Mario Kart?»
Was für eine Frage. 

Die redaktionsinterne Trainingsphase beginnt. Während das Schachbrett auf einmal vor sich hinstaubt, lassen wir Mario und Co. via Beamer über die gespannte Leinwand flitzen. Es sind keine Rennen, es sind Kämpfe, ausgefochten über knackende Kontroller.

Bald kristallisiert sich heraus: Diese Redaktion sollte sich lieber aufs Schreiben begrenzen. Mit wenigen Ausnahmen.

Grosse Verantwortung

Dann heisst es plötzlich: Mario-Kart-Turnier in der Markthalle! Und schon fühlt sich eine dieser Ausnahmen berufen, sich als Mario-Kart-Königin und somit höchste Repräsentantin der TagesWoche endlich dem gemeinen Volk zu zeigen. Ich zum Beispiel.

Falls Sie sich schon immer fragten, was wir in unseren Pausen eigentlich so treiben: Hier haben Sie die Antwort. 
Falls Sie sich schon immer fragten, was wir in unseren Pausen eigentlich so treiben: Hier haben Sie die Antwort.  (Bild: Dominique Spirgi)

Und auch der Fotograf traut sich Höheres zu. Zumindest bis zur Anmeldung. Am Stichtag jedoch lässt er mich sitzen. «Bin in Frankreich, musst alleine fahren, sorry… Viel Spass!», sagt die SMS. Das ist die Angst.

Die aber kenne ich gar nicht. 50 ehrgeizige Mario-Kart-Aficionados in Grund und Boden fahren – mach ich das halt alleine.

In der Markthalle lotst mich energisches Geschrei zum Raum des Geschehens. «Alkohol! Jetzt!», schiesst es mir durch den Kopf. Denn was ich sehe, ist purer Spielwahnsinn: Vor mindestens acht Fernsehern wird gebrüllt und geflucht, dass es in den Ohren klingelt. Die an sich meisterlich komponierten Keyboard-Symphonien aus dem Spiel krachen trommelfellzerfetzend aus allen Ecken. So hört sich Kindheit an.

Unschlüssig bewege ich mich durch das Gewusel. Menschen, Sofas, Jacken, Nintendos, Kabel. So viele Kabel! Die «Chaos-Phase» des Turniers macht ihrem Namen alle Ehre.

Ich kam, sah und siegte 

«Ich bin die Räubertochter», stelle ich mich beim Organisatoren-Tisch vor. Somit bin ich angemeldet. Und bald um die Erkenntnis reicher: Wahrscheinlich ist es gut, dass dich im echten Leben niemand fragt, wie du gerne heissen möchtest. Auf der Leinwand jedenfalls liest man lauter ähnlich kreative Namensschöpfungen wie meine. «Brämsklotz» oder «Spieler1» zum Beispiel.

Unter der Leinwand auf dem Tisch steht fast schon magisch leuchtend der Hauptgewinn: die neue (also eigentlich alte) NES mini. Jetzt macht das Schreien und Fluchen plötzlich Sinn. 

Kaum angemeldet, kreuzt jemand meinen suchenden Blick: «Hey, willst du mitspielen?», ruft ein junger Gamer und winkt mich zu seiner Sofaecke. Was für eine Frage. 

Erstes Rennen, erster Sieg. Meine Konkurrenten, drei alteingesessene N64ler, schauen mich ungläubig von der Seite an. «Ja, die kann tatsächlich was», spreche ich für sie. Einige Runden später seufzt «Peach» (das ist das Schönste an Mario Kart: Man darf seine Mitspieler unbescholten nach ihren Spielfiguren nennen): «Seid ihr Profis, oder was? Ich muss den Fernseher wechseln», findet er.

Ich finde: Die Kamera von «TeleBasel» blendet zu sehr. So geselle auch ich mich mit frischem Bier zu einer neuen Gruppe dazu. Ein Herr, merklich älter als der hiesige Durchschnitt, bietet mir sofort seinen Kontroller an. Mit den Worten: «Ich hab bis jetzt noch keine Runde geschafft, ohne mindestens einmal in die falsche Richtung zu fahren.» Auch ein Profi also. Er sei als Begleitung für seinen Sohn hier, erklärt er. Und anstatt reglos in der Ecke zu stehen, könne er doch genauso gut mitspielen.

Auch die Credit Suisse ist vertreten

Noch ein Fernseher weiter, und mein Weltbild zerfällt zu einem Häufchen Asche: Hier spielen sich zwei junge Typen die Seelen aus ihren Leibern, und das, obwohl man denken könnte, so eine Seele würde nie im Leben aus einem dermassen haargenau geschneiderten Anzug herausfinden. «Na, das nenne ich mal ein dem Anlass würdiges Tenue», witzle ich. Sie lachen. Bei der Bank arbeiteten sie. Für das Turnier seien sie direkt nach der Arbeit hierhergefahren. Und dann ist einer von beiden auch noch ein Walliser! Diese Veranstaltung wird immer verrückter. Nochmals eine Stange, bitte. 

Die Chaos-Phase ist vorbei, es wird ernst. Aus vollem Hals schreit ein Organisator die computergenerierte Match-Aufteilung durch die aufgeregte Masse. Zuerst spielt die untere, dann die obere Hälfte der Rangliste gegeneinander. Ich bin im oberen Drittel, Herr im Anzug Nummer eins ist auf dem dritten Platz. Von wegen erster Eindruck. 

Unbeschwertheit ade, jetzt schreie und fluche auch ich. Als ich das jüngste Bier kurz vor Startschuss über den Kontroller schütte, bereue ich es erst recht. «Aber doch nicht über den Kontroller! Das wird nichts», schallt es hinter meinem Rücken hervor. Ein schlechter Start. Doch ich gewinne! Und plötzlich ist es ganz still. 

Lippenbeissen, Ellenbögeln, Fotofinish 

Kurze Raucherpause mit den Herren in Anzug und ihren casual friends. In kurzer Zeit so viele Emotionen gemeinsam durchleben, das verbindet auf eine ganz eigene Art. Es ist, als kenne man sich schon ewig. Und dabei weiss man nicht einmal den bürgerlichen Namen. 

Wieder rein ins Gefecht. Was ist das jetzt, Viertelfinale? Halbfinale?

Egal. Ich trete gegen ein eingespieltes Pärchen an, stehe in ihrer Mitte psychisch wie körperlich unter Druck. Meine neugewonnenen namenlosen Freunde feuern mich lautstark an und bringen den Saal zum Kochen. Lippenbeissen, Ellenbögeln, Fotofinish – und ich verliere. 

Man gibt sich die Hand, schliesslich ist doch der Spass der grösste Gewinn, oder? Selten wurde ich von so vielen so ausgelacht. 

Zum Schluss gabs dann doch auch für mich einen Gewinn – zwar mit einem Spiel, das nur auf einem anderen Game Boy funktioniert, aber man kann nicht alles haben. 
Zum Schluss gabs dann doch auch für mich einen Gewinn – zwar mit einem Spiel, das nur auf einem anderen Game Boy funktioniert, aber man kann nicht alles haben.  (Bild: Ronja Beck)

Doch bis zum Grande Finale habe ich auch diese Emotionen verdaut. So weit ist es jetzt also: ein nervenaufreibendes Duell! Und wer geht wohl als Gewinner hervor? Herr im Anzug Nummer eins, natürlich. Unter euphorischem Applaus darf er sich die NES ins Aktenköfferchen stecken.

Auch ich darf zum Gabentisch vortreten. Immerhin Dritte, dank dem zweiten Platz im Battle-Modus-Finale. Zwischen Pokémon-Stofftierchen, Spielen für Konsolen, die ich nicht kenne, und eingeschweissten Plastikfiguren sichte ich einen grünen Game Boy Pocket und muss nicht länger überlegen.    

Entkräftet und mit ausgedörrten Netzhäuten rauche ich mit den Anzügen eine letzte Zigarette. Wir kommen überein: Dieser Abend war Wahnsinn. Im Herbst wolle man ein nächstes Turnier machen, hatten die Organisatoren versprochen. Ich glaub, ich kauf mir schon mal ein würdiges Deuxpièces.

Das aktuelle Turnier findet am Mittwoch, 25. Oktober 2017, statt. Mehr dazu auf der Website der Markthalle.

Konversation

  1. für e praktikantin als rauchendi und biertrinkendi räubertochter mit latäntem(oder eher usspräggtem) spielfieber, findet sii zue 100% knusprigg ussbaggeni wort 😉

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