Marronifest auf dem Maiensäss: Da kommen sogar die Einheimischen

Ab 1000 Metern herrscht im Tessin «Deutschschweizer-Vorrang». Doch auch die gebeutelten Einheimischen haben etwas davon, wenn wir auf Cortoi die Dolce Vita geniessen.

Du armer, müder Städter, hier kommst du zur Ruh.

(Bild: Olivier Joliat)

Ab 1000 Metern herrscht im Tessin «Deutschschweizer-Vorrang». Doch auch die gebeutelten Einheimischen haben etwas davon, wenn wir auf Cortoi die Dolce Vita geniessen.

Die Busfahrt endet in Mergoscia, einem Tessiner Bergdorf am Südhang am Ausgang des Verzascatals. Vom idyllischen Dorfplatz mit der Kirche «Santi Carpoforo e Gottardo» aus dem Jahre 1354 blickt man über den Stausee, von dessen Mauer schon James Bond jumpte, runter in die Magadino-Ebene und den Lago Maggiore.

Diese Bella Vista geniesst man noch schöner auf den Monti di Cortoi, dem 250 Höhenmeter höher gelegenen Maiensäss Mergoscias. Also Rucksack schultern und zwischen Steinhäusern über Steinstufen steigen, bis man mit den ersten Schweisstropfen in den Kastanienwald eintaucht.




Kennsch? Das ist der sogenannte James-Bond-Stausee. (Bild: Olivier Joliat)

Die 40 Minuten hoch nach Cortoi dehnen sich um diese Jahreszeit, da man unterwegs schon mit dem Marronisammeln beginnt. Kreuzt man unterwegs andere Wanderer, hört man am «Bon Tschorrno»-Gruss, dass auch ein Grüezi ginge.

Angst vor fremden Fötzeln

Das passt nicht allen. «Die blutgetränkte Erde der Vorfahren wird preisgegeben an Spekulanten und vermögende Zugezogene ohne Sinn für echtes Tessiner Volksgut und Kultur», wetterte der kritische Intellektuelle Piero Bianconi bereits im Jahr 1969 in seinem «Albero genealogico». «Der Stammbaum» heisst das Buch auf Deutsch und erzählt die Emigrationsgeschichte aus Mergoscia.

Bianconis düstere Prognose scheint wahr geworden zu sein: Die vielen Rustici am Sonnenhang, die rustikalen Tessiner Häuser, sind heute fast ausschliesslich in Deutschschweizer Hand. Doch gerade dank Initiativen wie dem Campo Cortoi lebt die Kultur und Tradition hier wieder auf.




Es ist nicht alles schlecht, was die Zürcher so machen. Renovierte Rustici in Cortoi. (Bild: Olivier Joliat)

Eine Zürcher Genossenschaft begann 1963 die rund zehn Rustici der auf 1000 Metern über Meer gelegenen Alp wieder aufzubauen. Die baufälligen Dächer wurden aufwendig mit Granitplatten gedeckt und die Rustici bekamen Fenster.

In den 1980er-Jahren wurde eine Kläranlage fertiggestellt, und in allen Rustici fliesst Wasser von der alpeigenen Quelle. Seit den 90ern gibt es dank Solaranlagen sogar warmes Wasser für die Duschen und Strom für das Licht. Den Handys geht aber bald der Saft aus.

In bester Gesellschaft

Das soziale Netzwerk besteht aus einem jungen Alpwirtpaar und in Ehren ergrauten Eheleuten, die ihre Pro-Specie-Rara-Rinder pflegen. Dazu kommen ein paar Schafe auf den Weiden sowie hin und wieder ein paar Rehe oder Wildschweine.




Willkommen bei Stefanie Buschle und Mario Sterchi im Campo Cortoi. (Bild: Olivier Joliat)

Noch mehr Getier tummelt sich auf den wiedererrichteten Trockenmauern, die zum mehrstufigen Terrassengarten am Hang hinter der Alp gehören. Hier sieht man unzählige Mauer– und Zauneidechsen, gut 30 Zentimeter lange und grün leuchtende Smaragdeidechsen – und mit etwas Glück sogar eine der vier heimischen Schlangenarten beim Sonnen.




Wandern ist des Städters Lust. (Bild: Olivier Joliat)

Energie tanken kann der Städter in dieser Umgebung ebenso gut. Wer es aktiver mag, nutzt Cortoi als Basislager für Tageswanderungen. Zum Beispiel rauf auf den 2051 Meter hohen Madone oder runter nach Corippo zum Baden in der Verzasca.

Über der Glut, da kochts sich gut

Abends treffen sich alle wieder ums Feuer. Einerseits wird es nach Sonnenuntergang frisch, andererseits wird mit Holz gekocht. So dauert alles etwas länger. Aber man hat ja Zeit und kulinarisch toppt diese rustikale Küche alle modernen Schaumschlägereien.




Hophop, rauf auf den Monte Madone. (Bild: Olivier Joliat)

Bei Wein, Grappa und den selbst gerösteten Marroni, unter der Pergola mit Blick auf die Seen und das Lichtermeer, kann man bestens darüber sinnieren, wie hart das Leben hier früher wohl war.

Denn das war es in der Tat, wie ein Spaziergang auf dem Naturweg von Pro Mergoscia zeigt. Historische Gebäude wie eine alte Backstube, ein Hanfbrunnen, eine Trauben- und Walnuss-Presse sowie ein Brennofen wurden auf Initiative eines ehemaligen Alpwirts saniert und mit Infotafeln versehen.

Das Herzstück ist die Kastanienselve. Als Selve bezeichnet man die traditionelle Hochstamm-Anlage mit Edelkastanien. Früher war die Kastanie hier der Lebensbaum. Die Früchte bildeten die Nahrungsgrundlage, der Stamm lieferte Holz zum Bauen und Heizen.

Wanted: Erwachsene Gäste

Doch all das reicht auch heute nicht, um die Alp am Leben zu halten. Das Angebot auf Cortoi wird deshalb ständig erweitert. Anfangs vor allem auf Jugendlager ausgerichtet, will das Campo mit Wildkräuter-, Handholzer- oder Trockenmauerbau-Kursen sowie Yoga-Wochen mehr Erwachsene anlocken.

Das junge Alpwirtpaar muss neues Geld nach Cortoi bringen, denn 2018 werden die Subventionen von Zürich gestrichen und der Unterhalt der Alp ist nicht mehr möglich. Das wäre nicht nur für die Deutschschweizer ein Verlust.

Die Tessiner kommen!

Mittlerweile kommen auch Städter aus Lugano hoch, eine Familie aus Mergoscia vermietet Esel für den Warentransport auf die Alp, und ohne das Campo wäre der Dorfladen längst geschlossen.

Auch die Bewohner selbst steigen zaghaft wieder hoch – etwa zur herbstlichen Castagnata, wo mit Spiel und Musik gemeinsam die Kastanienernte gefeiert wird. Und im Vorstand von Pro Mergoscia engagiert sich heute auch ein gewisser Mario Bianconi, ein Mann vom selben Stammbaum wie der schimpfende Schriftsteller Pierot Bianconi.

  • Anstossen: An der Castagnata, dem jährlichen Kastanienfest mit Marroni – natürlich – und Musik. Am 15. und 16. Oktober (Infos und Anmeldung hier).
     
  • Ankommen: Bei den Alpwirten Stefanie Buschle und Mario Sterchi; sie betreiben ein kleines Ferien- und Lagerdorf mit 30 günstigen Schlafplätzen verteilt auf verschiedene Häuser, teils mit eigener Küche. 
     
  • Ankaufen: Auf Cortoi kann man Fleisch von eigenen Hinterwälder Rindern sowie Salami und andere Würste kaufen. Auch Eier, Honig, Wein und Grappa sollte man oben bekommen, teilweise sogar selbstgebrautes Bier (am besten vor der Reise im Lagerdorf telefonisch abklären). Wer mit dem Auto anfährt, findet bei Matasci in Tenero guten Wein und Grappa – zu empfehlen ist vor allem der klare Quarantotto. Je nach Saison hat es auch Risotto-Reis, Polenta und Süssigkeiten aus der Region. Alles andere findet man im Coop Center um die Ecke.
     
  • Anreisen: Mit dem Zug nach Locarno. Von dort mit dem Fart-Bus bis Mergoscia Endstation. Mit dem Auto Richtung Tenero und von dort hoch nach Mergoscia. 

 

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Hop, hop, hop! Rauf auf den Monte Madone. (Bild: Olivier Joliat)

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