Occupy-Aktivist sprüht Transparente für Reiche

Ein Occupy-Aktivist besprüht Transparente mit kritischen Sätzen über Wohlhabende. An der Liste werden sie für teuer Geld an eben diese Klientel verkauft – ist das ein schlechter Scherz? Oder ein ausgeklügelter Streich? In einem Raum der Liste lehnen Sperrholztafeln an den Wänden, weiss angemalt, darauf blau gesprühte Parolen. «YOU ARE LOVED», «KANT EAT IT» – […]

Ein Occupy-Aktivist besprüht Transparente mit kritischen Sätzen über Wohlhabende. An der Liste werden sie für teuer Geld an eben diese Klientel verkauft – ist das ein schlechter Scherz? Oder ein ausgeklügelter Streich?

In einem Raum der Liste lehnen Sperrholztafeln an den Wänden, weiss angemalt, darauf blau gesprühte Parolen. «YOU ARE LOVED», «KANT EAT IT» – soweit ganz schön! Ein Satz, der irgendetwas aussagt und zugleich doch nichts, das ganze in minimalistischer Darstellung: So ist es nun schon seit Ewigkeiten angesagt. 

Während man sich im Raum umsieht, springt bald der anwesende Galerist hinzu, Nathaniel Pitt aus England. «You want to learn more?» Man will. Am 12. Juni besprühte ein Basler Occupy-Aktivist auf dem Barfüsserplatz weisse Tafeln mit blauer Farbe. Er heisst Robin Hope, in Wahrheit bestimmt ganz anders und trägt eine Maske. Kein Künstler also, sondern ein echter Gauner im Dienste der Gerechtigkeit!

Die Verhandlungen über die Tafeln seien auf bestem Wege, sagt der Galerist. Für das Stück will er 3500 Pfund, die Serie (9 Tafeln) kostet 24.000. Würg! Bald werden Sammler in ihrer Villa sitzen und sich an ihrer Selbstironie erbauen. Ihr Geist scheint ihnen so frei, dass sie die Parole, die ihren Reichtum kritisiert, ins eigene Wohnzimmer holen. Dabei geniessen sie den subversiven Schauer, der ihnen über den Rücken geht. 

Stellt sich die Frage: Was haben sie sich da eigentlich an die Wand gehängt? Protest? Kunst? Robin Hope ist das egal. Er hat seine Arbeit machen können und schert sich nicht um die Kunst. In seinen Augen hat die Botschaft in die Messe gefunden und kann ein wenig an der Wurzel der Ungerechtigkeit nagen: «Das System benutzen um es gegen sich selbst zu verwenden.»

 

Der eigentliche Künstler hinter der Aktion ist der Brite Jeremy Hutchinson (Im Bild links. Rechts der Galerist). Er hat die Tafeln gebaut, Robin Hope angeheuert und ihm für die Besprühung freie Hand gelassen. Er selbst ist kein Aktivist. «Mich interessiert, was passiert, wenn man Occupy verkauft.» Der Fall ist klar: Man braucht es nur Kunst nennen und schon hat der Protest Zugang zum Markt, den er angreift. 

Hat er? Hört er nicht augenblicklich auf, Protest zu sein? Jeremy Hutchinson empfahl Robin Hope, seine Parolen subtil zu halten: So finden sie leichter zum Käufer. «YOU ARE LOVED» schrieb er schliesslich – das könnte auch ein Wort von Jesus sein. Wenn man das Bild umdreht, entdeckt man eine kleinere Schrift in Klammern: «for your money». Hutchinson riet ab, doch der Aktivist wollte sich die Spitze nicht nehmen lassen. Ob der Sammler nun aus allen Wolken fällt, wenn er diese Schrift erst entdeckt, wenn der Nagel schon in der Wand ist?

Schwer vorstellbar. Die Geschichte ist nämlich noch perfider. Finanziert wird das Projekt durch den Dänen Thomas Vieth und der ist selbst ein Sammler. Er hat eine ganz ähnliche Arbeit von Dan Colen gesehen, sie jedoch nicht mehr kaufen können. Was nun? Selber sprühen wollte er nicht. Das müsse schon ein Künstler machen. Und der Künstler fand: Das müsse schon ein Aktivist sein. Wäre ja sonst künstlich gewesen. Und jetzt? Ist das Ergebnis künstlich? Ein gelungener Streich? Oder Kunst?

Jeremy Hutchinson hat jedenfalls Freude. Er hatte weder die Idee, noch hat er gross Hand angelegt. Die Tafel ist Nebensache, sein Kunstwerk ist die Geschichte, in der er nur ein Teil neben anderen ist. 

Konversation

  1. Das Vorbild dabei: Enric Duran

    „Der Kapitalismusgegner Enric Duran lieh sich 2008 von 39 verschiedenen spanischen Banken insgesamt 492.000 Euro, ohne die kleinste Absicht oder Hoffnung, das Geld irgendwann zurückzuzahlen. […] Das meiste Geld hat er in eine Reihe Antikapitalismuskampagnen gesteckt und den Rest in Crisi, eine kostenlose Zeitung, die seine Aktionen dokumentiert und andere zum Mitmachen aufruft, investiert.“

    http://www.vice.com/de/read/dieser-typ-hat-einen-gigantischen-kredit-aufgenommen-um-das-finanzsystem-zu-zerstren

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  2. Wir können auf alle Fälle zufrieden sein mit der Aktion. Wird unsere Botschaft auf direktem Wege in den allermeisten Fällen ignoriert, ist sie auf diese Weise doch einmal breiter wahrgenommen worden. Unsere Strassenaktion mit zwei der Tafeln auf Barfi, Marktplatz und vor dem Hauptsitz der BKB stiess durchaus auf Interesse.
    Die Medienmitteilung dazu ist hier nachzulesen: http://www.occupybasel.ch/auftritt-eines-occupy-aktivisten-an-der-liste-18-am-mittwoch-12-06/1747

    Hier noch alle Slogans im Detail:
    – YOU ARE LOVED (Titel: …for your money)
    – MONEY KILLS TINA (There is no alternative [tina] to capitalism)
    – PUSSY RIOT BKB (There the president, here the bank)
    – YOUR AIR WILL VANISH (Private money creation)
    – MONEY DRUGS SLUTS [alle durchgestrichen] ??? (Moneybag looking for his feelings)
    – KANT EAT IT (Why does money rule the world?)
    – FAIR SHARE FAIR (Tax me more!)
    – LAUNDRY ROYAL (Swiss banking system)
    – AIR BMW WATER FOOD (Question your needs)
    Wegen eines Debakels bei der Produktion leider nicht auf die Wände, aber auf die zusätzlichen Papier-Collagen gebracht:
    – [komplett leer] (Capitalism sold it all)
    – NO VARTIS (Jail them, because law is law)

    Hat der andere Teil des Projektes funktioniert? Dass der Protest an das 1% verkauft wird und von innen das System vergiftet, der Erlös wiederum gegen die Zielgruppe eingesetzt werden kann? Bisher siehts eher nicht danach aus. Woran liegts? War der Protest doch noch zu stark? Oder zu subtil versteckt auf der Rückseite statt wie gewünscht als offizieller Titel? Oder schlecht ausgestellt? Oder lags am Rest des Projektes, dass der Künstler den Galeristen gegeben hat, daher der Name „Demand and Supply“ und sonstige komplizierte Dinge dahinter?

    „Robin Hope ist das egal, er schert sich nicht um die Kunst“. Und erst recht nicht um das Geld. Wir werden auch so weiterhin aktiv weitermachen und den Unmut über das heutige System an allen möglichen Ansatzpunkten einfliessen lassen.

    Und vielleicht wird unser offener Brief an den Präsidenten der BKB ja doch noch beantwortet und er finanziert damit unsere nächste Demo gegen die Geschäftspraktiken der BKB?

    Danke für das Interesse und den Artikel 😉

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