Ohne Zeitgefühl in Budapest

Für eine Reportage über einen Dumpinglohn-Arbeiter schickten wir unseren Redaktor Simon Jäggi nach Ungarn. Hier sein Reisebericht über den Ausflug nach Budapest. «Wo ist eigentlich Simon Jäggi», fragte der Chef Ende der vergangenen Woche. «Budapest», war die richtige Antwort. Ich war kurzerhand für eine Nacht nach Ungarn geflogen. Nicht, dass Sie sich jetzt falsche Vorstellungen […]

Szigetszentmiklós. Hier besuchte unser Redaktor einen ungarischen Wanderarbeiter.

Für eine Reportage über einen Dumpinglohn-Arbeiter schickten wir unseren Redaktor Simon Jäggi nach Ungarn. Hier sein Reisebericht über den Ausflug nach Budapest.

«Wo ist eigentlich Simon Jäggi», fragte der Chef Ende der vergangenen Woche. «Budapest», war die richtige Antwort. Ich war kurzerhand für eine Nacht nach Ungarn geflogen. Nicht, dass Sie sich jetzt falsche Vorstellungen machen: Für eine Reportage mal eben kurz ins Ausland zu fliegen ist eine Ausnahme und wirklich nicht die Regel. Umso höher schlägt das abenteuerlustige Redaktorenherz, wenn sich dann die Möglichkeit bietet, Computerbildschirm und Pressestellen den Rücken zu kehren und schreibenderweise in ein unbekanntes Land aufzubrechen.

Ausgangspunkt der Reise war die Begegnung mit drei ungarischen Dumpinglohn-Arbeitern vor zwei Wochen. Einer der Wanderarbeiter erzählte mir dort in wenigen Sätzen seine Geschichte. Um seine Familie zu unterstützen, zieht er seit Jahren von Baustelle zu Baustelle durch Westeuropa. Drei Tage nach unserer Bekanntschaft reiste er für kurze Zeit zurück nach Ungarn zu seiner Frau und seinem Sohn. Die kurze Begegnung hatte mich neugierig gemacht: Wie lebt dieser Mann, was bedeutet das für die Familie und was kann er über das Schattendasein der Dumpinglohn-Arbeiter erzählen?

Vergangene Woche unterbreitete ich unserem Redaktionsleiter die Idee, den Ungaren bei seiner Familie zu besuchen. Es dauerte knappe 24 Stunden, bis ich ihn überzeugt hatte. Da war es bereits Mittwochnachmittag. Dann ging es rasch: Eine Stunde später hatte ich den Flug für den kommenden Tag gebucht. Frühmorgens sass ich im Zug nach Genf, am Mittag stand ich bereits in der gleissenden Sonne auf dem Flughafen von Budapest.

Ich hatte absolut keine Ahnung, was mich erwartete. Ferenc Lörinc hatte sich per Mail kurzerhand bereit erklärt mich zu empfangen. Vor dem Flughafenausgang entsteigt er gemeinsam mit seiner Frau einem Kleinwagen und nimmt mich mit zu sich nach Hause. Er zeigt mir sein Lieblingsrestaurant, seinen Lieblingsplatz an der Donau, erzählt von seinem Leben als Wanderarbeiter, davon wie es ist, von seiner Familie getrennt zu sein, und von seinen Zielen für die Zukunft.

Das Zeitgefühl geht mir an diesem endlosen Nachmittag völlig abhanden. Die Hitze, die bedrückende Geschichte von Ferenc, die verdünnten Mojitos, die uns seine Frau Ilona serviert. Gegen Abend fahren wir nach Budapest ins Stadtzentrum. Ilona und sein dreijähriger Sohn Levente begleiten uns. Wir schlendern an der Basilika St. Stephan vorbei, als sein dreijähriger Sohn mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit meine Hand ergreift.

Zu viert essen wir in einem italienischen Restaurant zu Abend. Es nachtet über Budapest und somit kommt der Moment sich zu verabschieden. Die Familie steigt in ihren Kleinwagen und fährt in ihr kleines halbes Häuschen einige Kilometer ausserhalb von Budapest. 

Im Hotelzimmer beginne ich meine Notizen abzuschreiben, bevor ich müde ins Bett falle. Am nächsten Morgen wache ich unruhig auf und meine, ich müsste diese Geschichte eigentlich noch in Budapest aufschreiben. Doch ich bin zu spät, der Flug lässt sich nicht mehr umbuchen. Und so schliesse ich drei Stunden später bereits wieder den Sicherheitsgurt über meinen Beinen und starte in Richtung Schweiz.

Das erste was mir nach der Ankunft in Basel auffällt, während der Fahrt vom Flughafen in die Stadt, sind die vielen Baukräne. Was mir Ferenc Lörinc über sein Leben als Wanderarbeiter und das Schattendasein der Dumpinglohn-Arbeiter erzählt hat, können Sie kommenden Freitag in unserer Wochenausgabe lesen.

Konversation

  1. Lassen Sie sich überraschen liebe Frau Känzig. So viel vorneweg: Ich liess die Nationalspeise nicht unversucht. Aber zwei Mal Ungarisches Gulasch am selben Tag, wollte ich meinem Magen nicht zumuten.
    Beste Grüsse, Simon Jäggi

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Wenn ich mir so die Strasse auf dem Bild anschaue, kommt mir der Gedanke, dass dort nicht so viel Aufwand getrieben wird bei den Sanierungen der Strassen.
    Wenn wir bei uns nicht überall die Strassen top sanieren würden, müssten bei uns auch nicht überall Schwellen und Hindernisse gebaut werden, dass die Autos nicht zu schnell fahren. Den gleichen Zweck erledigen doch Schlaglöcher auch…..

    Auf den Artikel in der nächsten Printausgabe bin ich gespannt.
    Also nicht nur Sommerloch…..

    Ueberhaupt wäre es interessant, Artikel über Immigranten bei uns zu verfassen, die aus Not hierergekommen sind.
    Ich hab da Nachbarn aus dem Kosovo. Die Mutter der Frau ist an einer Herzproblemen gestorben, weil kein Geld da war für eine Operation. Gut, die Frau war nicht mehr jung. Jetzt sind sie am Geld zusammenzukratzen, weil die jüngste Schwester meiner Nachbarin am Herzen sehr krank ist. Dort wird nur operiert, wenn man das Geld vorher bar auf den Tisch legt.

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Ich freue mich auf Ihren Bericht, Herr Jäggi und es würde mich brennend interessieren, warum man in Ungarn in ein Italienisches Restaurant geht. Kein Ungarisches Gulasch?

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (4)

Nächster Artikel