Per Comiczeichner durchs Cartoonmuseum

Der grosse Zeichner Joost Swarte ist ab heute im Cartoonmuseum zu sehen. Ein Rundgang mit dem charismatischen Künstler.

Comiczeichner, Architekt, Designer: Joost Swartes Talent ist mindestens so wuchtig wie seine Augenbrauen. (Bild: Olivier Christe)

Joost Swarte ist ein Comiczeichner der ersten Liga: Seine Werke zieren Bücher, Fenster, Briefmarken, das berühmteste Kulturmagazin Amerikas – und seit heute die Räume des Cartoonmuseums. Wir waren mit dem charismatischen Künstler auf einem Rundgang durch sein Universum.

Joost Swarte sieht genauso aus, wie ein Comiczeichner auszusehen hat: wie eine Comicfigur. Der grosse Mann mit der Hornbrille und den wachen Augen unter dichten Brauen könnte direkt aus einem der Comics in der Bibliothek des Cartoonmuseums entsprungen sein. Vielleicht verhält es sich mit den Comiczeichnern ja wie bei Hundenarren und ihren Lieblingen: Man passt sich äusserlich seiner Bestimmung an.

Diese ist beim Holländer ganz sicher das Gestalten. Joost Swarte ist einer der ganz Grossen: Er hat in Eindhoven Industriedesign studiert, im wilden Trubel des Underground-Comic die ersten klaren Linien gezogen (nicht ohne Grund ist er der Namensgeber des Zeichenstils «Ligne Claire») und später für die prestigeträchtigen Kulturmagazine «RAW» und «The New Yorker» gezeichnet. Und Swarte belässt es nicht beim Zeichenstift: Der umtriebige Ordenträger entwirft nebenbei auch noch Brillen, Briefmarken, Glasfenster und ganze Gebäude. 

Nun ist das eindrucksvolle Swarte-Universum im Cartoonmuseum zu sehen – Grund genug, sich mit dem künstlerischen Tausendsassa auf einen Rundgang durch die Ausstellung zu begeben und ihn selber darüber sprechen zu lassen.

Als Magazinjunge auf Eindhovener Strassen




«In den Sechzigerjahren habe ich in einem Bücherladen «The Penguin Book of Comics» gefunden. Diese Enzyklopädie hat mir die Augen geöffnet. Ich war schon immer Comicfan, aber von da weg war ich angefixt: Ich lud jedes Wochenende befreundete Comicfans und -Künstler zu mir ein, und wir unterhielten uns über unsere neusten Comic-Entdeckungen.

Anfang der 70er gründeten ich und ein Freund das Magazin «Modern Papier». Wir hatten damals als Zeichner mehr Output als Aufträge, und irgendwo mussten die ganzen Werke ja hin. Also stellten wir uns in Eindhoven auf die Strasse und verkauften das Magazin, wie Zeitungsjungen, immer samstags, weil da am meisten Leute unterwegs waren.»

Jopo de Pojo und die Musiknoten-Tolle




«Sehen Sie diese schwungvolle Tolle auf Jopo de Pojos Kopf? Das ist das obere Ende einer Musiknote. Abgekappt und schnurstracks auf seinen Kopf gesetzt. Die Hose hat den Charakter von Tintin und das Emblem auf seiner Jacke – ein Kreuz auf gelbem Grund, das bei dieser Figur zwar fehlt, aber in den Comics oft zu sehen ist – ist eine kleine Hommage an den Comic «Krazy Kat» von George Herriman. Das Kreuz war Herrimans Markenzeichen.»

Hundertmal drei blinde Mäuse




«Diese Mäuse illustrieren auf knapp hundert verschiedene Arten das Kinderlied «Three Blind Mice». Sie sind Illustrationen für ein Buch, das verschiedenste Elemente des Erzählens aufzeigt. Da sind zum Beispiel die Metapher, die Wiederholung, die Rahmenhandlung, der innere Monolog. Es gibt eine Maus auf einem Fahrrad mit Korb vor Vollmond, wie in E.T., und eine Zeichnung, auf der sich zwei Mäuse gegenseitig auffressen – ein Bild aus einem Tomi Ungerer-Buch, das ich mal in der Highschool gelesen habe.»

Liebesgeschichte auf wackligen Beinen




«Bei ‹The New Yorker› bekommst du einen Artikel, versuchst, seine Essenz zu erfassen und machst dann eine Illustration daraus. Hier war das Thema ein Buch, in dem es um Liebesgeschichten geht. Ich dachte sofort an den wunderbaren französischen Film ‹Le mari de la coiffeuse›. In diesem Film gibt es eine Frau, die ist so verliebt in ihren Mann, dass sie sich entscheidet, sich umzubringen. Das klingt jetzt vielleicht schrecklich, aber sie will eben dem Ganzen ein Ende setzen, dann, wenns am schönsten ist. Dem Liebespaar auf diesem Cover geht es ähnlich: Die beiden sind sehr verliebt, lange stehen sie aber nicht mehr auf diesen Büchertürmen. 

Das Tolle am Motiv ist, dass ich lauter kleine Liebesgeschichten auf die Buchrücken platzieren konnte. Sehen Sie den Rücken unter der ‹BOOK›-Aufschrift? Das ist eine Frauenfigur von Markus Raetz

Königin Zeit und ihr Liebhaber

«Die Uhr habe ich vor langer Zeit für Swatch gestaltet. Zeit ist etwas Abstraktes, und indem wir sie mit Nummern versehen, versuchen wir sie einzufangen. Genau das macht auch der Nummernmann auf der Illustration: Er versucht, die wunderschöne Königin der Zeit einzufangen.»

Ein Nashorn mit Koffer im Gerichtsgebäude




«Als ich im Gerichtshof in Arnhem herumlief und mir überlegte, was ich aus dem Auftrag, den man mir dort gegeben hatte, machen sollte, fielen mir die grossen Fenster auf. Die Sonne schien mit voller Wucht hinein, es war so hell, dass man kaum etwas sah und die Menschen nur als Silhouetten wahrnahm. ‹Die werden ja zu Ameisen degradiert!›, dachte ich mir und schlug eine Gestaltung der Fenster vor, um das Gebäude sozialer zu machen. Der Vorschlag wurde angenommen, und ich führte lange Gespräche mit den Anwälten, um ihre Arbeit zu verstehen und in Bilder zu verwandeln.

Links oben ist zum Beispiel ein Nashorn zu erkennen, das mit einem Koffer auf einem Boot steht und vom Grenzbeamten abgewiesen wird. Das Bild des Nashorns gefiel mir: Es wird in seinem Herkunftsland wegen seinem kostbaren Horn gejagt und will deshalb nicht mehr zurück. Aber es darf auch nicht zurückgeschickt werden, schliesslich ist es ein geschütztes Tier.»

Architektur und Comic – ein gewaltiger Unterschied




«Der Unterschied zwischen Illustration und Architektur ist gewaltig: Ein Buch kannst du immer zuklappen. Du wirst jedes Mal von Neuem überrascht, du schlägst es auf, und die Geschichte ist immer wieder frisch da. Im Comic kannst du dem Leser eine Geschichte erzählen, ihm Anhaltspunkte geben, Charaktere, eine Umgebung.

Bei Architektur ist das ganz anders, du lebst in ihr, ihre Geschichte trägt sich schnell ab. Also nehme ich mich zurück, in der Hoffnung, dass die Menschen darin ihre eigenen Geschichten leben.»

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«Joost Swarte. Zeichner und Gestalter»
, Cartoonmuseum Basel, 15. November 2014 bis 22. Februar 2015. Vernissage 14. November, 18.30 Uhr.

 

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