Raffgier und Schlitzohrigkeit

Delikate Devisengeschäfte, politische Winkelzüge, zaudernde Beamte – die «Dollar-Affäre» um Nationalbankchef Philipp Hildebrand zeichnet ein bedenkliches Sittenbild der Schweiz. Ein Kommentar.

Nationalbankgebäude in Bern (Bild: keystone)

Delikate Devisengeschäfte, politische Winkelzüge, zaudernde Beamte – die «Dollar-Affäre» um Nationalbankchef Philipp Hildebrand zeichnet ein bedenkliches Sittenbild der Schweiz. Ein Kommentar.

Remo Leupin, Co-redaktionsleiter TagesWoche

Die «Dollar-Affäre» um Nationalbankchef Philipp Hildebrand und Christoph Blocher zeichnet ein bedenkliches Sittenbild unseres Landes: Der einflussreichste Banker der Schweiz und seine Frau machen mitten in der Frankenkrise mit Devisengeschäften Kasse; ein politisch angeschlagener SVP-Volkstribun nutzt gestohlene Bankdaten dieser privaten Deals, um seinen Lieblingsfeind des Insiderhandels zu überführen; die Justiz, die von Amts wegen in Sachen mutmasslicher Verletzung des Bankgeheimnisses ermitteln sollte, geht auf Tauchstation – und eine empörte Basler SP steigt gegen die untätigen Strafverfolgungsbehörden auf die Barrikaden, um politisch Profit aus dem von Christoph Blocher instrumentalisierten Bankdaten-Klau zu schlagen.

Raffgier, politische Schlitzohrigkeit, Amtsschimmel, mediale Inszenierung: Es sind die perfekten Ingredienzen einer knackigen Geschichte in nachrichtenarmer Zeit, die sich in den kommenden Tagen allerdings zu einem veritablen Skandal ausweiten könnte, sollten die heute bekannt gewordenen Informationen der «Weltwoche» der Wahrheit entsprechen. Demnach tätigte nicht nur Kashya Hildebrand ein Devisengeschäft, sondern auch Philipp Hildebrand soll in der Zeit zwischen März und Oktober 2011 über die Devisenbörse Foreign Exchange private Dollar- und Euro-Käufe sowie -Verkäufe in Millionenhöhe abgewickelt haben. Wurden diese Geschäfte wirklich abgeschlossen und sollten sie gegen die SNB-internen Reglemente verstossen haben, dann hat der oberste Schweizer Banker damit nicht nur seinen eigenen Posten aufs Spiel gesetzt, sondern auch den Ruf der Nationalbank fahrlässig und massiv geschädigt.

Unangenehme Fragen müssen sich aber auch all jene Stellen gefallen lassen, die Hildebrand in den vergangenen Tagen einen Persilschein ausgestellt und die umstrittenen Transaktionen für unbedenklich erklärt haben: die Controller der Bank Sarasin und die Revisoren der Nationalbank. Letztere hat sich mit ihrer ungeschickten Informationspolitik ohnehin schon in ein schiefes Licht gestellt. Erst Tage nach Ausbruch der «Dollar-Affäre» und unter zunehmendem öffentlichem Druck hat die Nationalbank heute erstmals Auskunft darüber gegeben, unter welchen Bedingungen ihre Direktoriumsmitglieder private Bankgeschäfte tätigen dürfen (PDF siehe Rückseite dieses Artikels). So verhalten sich sonst nur Institutionen, die etwas zu verbergen haben.

Artikelgeschichte

Ergänzt mit dem «Reglement über Eigengeschäfte der Mitglieder des Erweiterten Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank».

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