Rumdiary – Das Korntagebuch

Untertitel lesen viele nicht. Zu schnell, sagen die einen. Ich geh doch nicht zum Lesen ins Kino, sagen die anderen. Egal. ob sie japanischen Grusel oder amerikanische Action oder spanische Passion sehen, sie hören sie immer lieber – deutsch. Das heisst: Sie sehen Johnny Depp. Und hören David Nathan. Oder Marcus Off. In Deutschland ist […]

Untertitel lesen viele nicht. Zu schnell, sagen die einen. Ich geh doch nicht zum Lesen ins Kino, sagen die anderen. Egal. ob sie japanischen Grusel oder amerikanische Action oder spanische Passion sehen, sie hören sie immer lieber – deutsch. Das heisst: Sie sehen Johnny Depp. Und hören David Nathan. Oder Marcus Off. In Deutschland ist das üblich. Bei uns – leider immer häufiger – auch.

 

Untertitel lesen viele nicht. Zu schnell, sagen die einen. Ich geh doch nicht zum Lesen ins Kino, sagen die anderen. Egal. ob sie japanischen Grusel oder amerikanische Action oder spanische Passion sehen, sie hören sie immer lieber – deutsch. Das heisst: Sie sehen Johnny Depp. Und hören David Nathan. Oder Marcus Off. In Deutschland ist das üblich. Bei uns – leider immer häufiger – auch.  

Deutschlandweit laufen Filme nur deutsch synchronisiert. Das prägt deutsches Weltverständnis. Der Lörracher Synchron-Depp-Fanclub kennt nichts anderes. Selbst der beste Film läuft dort auf Fernsehserien-Niveau heruntervertont. Niemand wünscht sich scheinbar, es möge doch  wenigstens auch mal ein Deutscher leicht hessisch oder bayrisch oder gar badisch klingen. Nein. Das eben passt bereits nicht mehr ins Synchron-Weltbild.

Ich habe mich trotzdem vor Kurzem unter die Synchronschwimmer gemischt und in das deutsch synchronisierte «Rum Diary» geschlichen. Kein E/df. Nur D. Der ganz deutsche Depp also. Dabei wundert man sich rasch, wieso ein geschliffener Autor und Sprachtüftler wie der junge Paul, den Johnny in «Rum Diary» spielt, so undefinierbar hochdeutsch spricht? Keine Grossstadt, kein Akzent, kein Kiez – nichts. Kein näseln, kein Zungenschlag, keine Vokale verlängern, kein gezischtes S, oder gedehntes O! Der ganze Charme von Johnny Depp, der Texte liebend gerne zelebriert, war wegsynchronisiert. Mir war, als sähe ich Jimi Hendrix spielen, höre aber den Geiger André Rieu dazu …

Ich habe das Kino etwas geduckt verlassen: Was wird bloss die hochdeutsch synchronisierte Lörracherin nach Jahren voller Synchronton noch sagen können, wenn sie überraschend von der Originalfassung eines Franzosen angesprochen wird? Wird sie den Stopp-Knopf drücken, im Menu das Setup, wählen und dort bei Sprache: «Deutsch für Sehgeschädigte» antippen? Wo wird das enden, wenn das auch bei uns überhand nimmt? Wird «3sat» demnächst die Neujahrsansprache von Bundespräsidentin Widmer-Schlumpf mit der Stimme von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausstrahlen? Nahezu versöhnt haben mich dann die Basler Jugendlichen, die aus der untertitelten Original-Version von «Rum Diary» kamen: Die starrten beim Bier-Bestellen der russischen Kellnerin wenigstens noch neugierig auf die Untertitel.

 

 

 

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