Wo sich die Kostümverrückten über Tischsitten, Accessoires und Rocklängen austauschen

Wer ein Kostüm für eine Feier braucht, in eine andere Haut und in eine andere Zeit schlüpfen möchte, sucht einen Kostümverleih auf. Ein Besuch beim monatlichen Stammtisch der Kostümverrückten.

Typisch 20er-Jahre: Die Mittelalterspezialistin Manuela Völker nimmt eine andere Epoche in Angriff. (Bild: Daniela Gschweng)

Kleidung ist nicht alles. Für die, die ab und zu gerne in eine andere Zeit reisen möchten, sind die richtigen Accessoires und das passende Benehmen genauso wichtig. Am Stammtisch des Basler Kostümverleihs «Pat’s» geht es ausserdem um schmale Schultern, adäquate Rocklängen und mittelalterliche Fashionvictims.

Den Eingang zu «Pat’s Uniform- und Kostümverleih» kann man bei Dunkelheit und Regen leicht übersehen. An der Tür des Geschäfts in der Schützenmattstrasse kündet lediglich ein Schild von dessen Dasein. Eine Auslage gibt es nicht. Wer zum Stammtisch will, muss klingeln. Auf der Treppe ins Untergeschoss wird aber schnell klar, worum es geht. Neben Truhen und Ritterrüstungen hängen dort die ersten Kostüme.

Mehr davon gibt es, ist man erst einmal unten angekommen. Ausser Uniformjacken und Kleidern stehen dort auch Helme, Hüte, Schuhe und Accessoires aus allen Epochen für Besucher bereit. Wer sich für den Stil einer bestimmten Epoche interessiert, sich über Lebensumstände in einer bestimmten Zeit informieren möchte, oder schlicht ein passendes Kostüm für einen Anlass sucht, der ist bei Patrick und Anaïs Schlenker richtig. Die Betreiber von «Pat’s Uniform- und Kostümverleih» geben gerne und ausführlich Auskunft.

Erster Eindruck: Früher war alles nasser

Historische Darsteller, Kostümverrückte, Fachmänner und -frauen in Sachen Kostüm treffen sich bei «Pat’s» schon länger zum Fachsimpeln, Anprobieren und Diskutieren. Neu ist der monatliche Stammtisch bei «Pat» alias Patrick Schlenker, der der Szene damit eine Möglichkeit geben möchte, sich zu vernetzen und auszutauschen. «Heutzutage kennt man sich ja vor allem aus dem Internet», sagt er und nimmt mir die tropfende Jacke ab, «das möchte ich ändern».

Zum Treffen gekommen sind bisher eine Handvoll Gäste mit unterschiedlichen Lieblingsepochen. In regelmässigen Abständen geht die Türklingel. Anlässlich des feuchten Wetters draussen lautet die erste Frage: Wie sind die Leute eigentlich früher trocken geblieben? Schlenkers lakonische Antwort: «Gar nicht. Wenn Wolle nass war, war sie nass. Mit Ausnahme von Wachstuch gab es kein wasserabweisendes Material.» Schirme gab es bereits, Regenmäntel noch nicht. «Die, die man jetzt im Kopf hat, das sind Cowboymäntel. So 1880, 1890,» stellt Schenker klar.

«Wir verkleiden uns nicht. Wir tragen Kleidung aus anderen Epochen.»

Wer in der Geschichte wann was anhatte, damit kennt sich Schlenker aus. Der Autodidakt arbeitet als Spezialist auch viel für Film und Fernsehen. Nicht nur wenn Kostüme gebraucht werden. Für den Film «Akte Grüninger»  verbrachte er zum Beispiel ganze zwei Tage am Set und gab Hilfestellung in Details.

Etwa dabei, wie eine authentische Brille aussieht und wie man sich in der Schweiz Ende der 1930er Jahre allgemein verhalten hat. «Wir verkleiden uns nicht», gibt er das Lebensgefühl der Szene wieder. «Wir tragen Kleidung aus anderen Epochen. Eine kleine Zeitreise, wenn man so will.»

In der bunt gemischten Gesellschaft macht mittlerweile das Wort «Dachbodenfunde» die Runde. Die sind neben Fundstellen wie Flohmärkten die Hauptquelle für Fans und Fundus. Kleider sind dabei oft in schlechten Zustand. Seide habe eine Halbwertszeit von etwa 100 Jahren, erfahre ich. Vieles zerfällt beim Auspacken zwischen den Fingern. Und dann wären da noch die Motten.

Ein Vorteil am Sortieren von Hinterlassenschaften ist: Nebenbei fallen auch viele grosse und kleine Dinge aus der Zeitgeschichte an. Wie diese Mignon-Schreibmaschine vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die neben alten Plattenspielern, Pillendosen und anderem im Laden zu bestaunen ist.

Im Fundus von Pat's Uniform- und Kostümverleih findet sich auch diese Mignon-Schreibmaschine. Gefertigt wurde sie kurz nach 1900.

Im Fundus von Pat’s Uniform- und Kostümverleih findet sich auch diese Mignon-Schreibmaschine. Gefertigt wurde sie kurz nach 1900. (Bild: Daniela Gschweng)

Besonders wertvolle historische Kleider gehen an Museen oder Sammlungen. Viele Kostüme näht Patrick Schlenker nach alten Vorgaben selbst. Gelegentlich hat er auch Schneider zu Gast, die sich die alten Schnitte ansehen wollen. Nicht nur aus Gründen der Haltbarkeit ist das sinnvoll. Vor allem für Männer, die früher um einiges kleiner und auch viel dünner waren als heute. Die historischen Anzüge und Uniformen passen ihnen schlicht nicht mehr.

«Ich habe doch Schultern!», sagt ein Besucher verzweifelt. Patrick Schlenker nickt verständnisvoll, einige andere lachen wissend. Auch an das Tragen eines Korsetts müsse man sich als Mann erst gewöhnen. «Schön, aber furchtbar warm» findet ein anderer Gast den klassischen dreiteiligen Herrenanzug. Eine Alternative gebe es leider nicht, findet der Kostümverleiher.

Angenehmes Kleidungsklima nur im Mittelalter

Ausser, man geht viel weiter in der Zeit zurück. «Ein Korsett ist eigentlich praktisch», sagt Manuela Völker. «Damit kannst du ewig stehen». Sie ist ein Fan mittelalterlicher Kleidung. «Vor allem im Sommer ist das cool», findet sie. Das ist durchaus im Wortsinn gemeint. «Je ärmer du bist, desto weniger Stoff kannst du dir leisten», erklärt sie.

Heute ist sie wegen eines Kostüms aus den 20er-Jahren gekommen, das sie für eine Feier braucht. Von Patrick Schlenker wird sie mit einem Kleid, passenden Schuhen, Stirnband und Perlenkette ausgestattet. «Ton in Ton», kommentiert er nebenbei, «das ist typisch 20er Jahre».

Typisch 20er Jahre: Die Mittelalterspezialistin Manuela Völker nimmt eine andere Epoche in Angriff.

Typisch 20er Jahre: Die Mittelalterspezialistin Manuela Völker nimmt eine andere Epoche in Angriff. (Bild: Daniela Gschweng)

Schlenker verleiht nicht nur Kleider sondern auch die passenden Accessoires. Alles andere wäre nicht authentisch. «Wenn Leute daran interessiert sind, erkläre ich ihnen beim Aussuchen auch, wie man die Accessoires verwendet und wie man steht, geht, sich begrüsst», sagt er. Das gehöre zum Service.

Die Annahme, in den 1920er Jahren habe man kurze Kleider getragen, sei Unsinn, referiert er weiter. «Bis in die 1960er-Jahre endete der Rock mindestens zweieinhalb Zentimeter unter dem Knie», sagt er. «Die einzige Ausnahme waren Charleston-Wettbewerbe, bei denen die Jury die Beine sehen musste.»

«Fashionvictims gab es schon im Mittelalter»

Manuela Völker schwenkt mittlerweile die Zigarettenspitze, spielt mit Stola und Perlenkette und erzählt etwas über ihr Fachgebiet. «Jeder stellt sich vor, das Mittelalter wäre farblos. Alles Erdtöne und Wolle», sagt sie. «Das ist völlig falsch». Die Kleidung wäre auch mit Naturfarben sehr bunt gewesen. Fashionvictims, erzählt sie, «gab es übrigens schon damals». «Man denke mal an diese furchtbar spitzen Schuhe».

Völker kämpft in ihrem Fachgebiet vor allem mit einem Problem: Die einzigen Quellen für Fans mittelalterlicher Kleidung sind Zeichnungen in alten Büchern. Und ob diese die Kleidung authentisch abbilden, ist ungewiss. Wenn bei Ausgrabungen Kleider gefunden werden, sind es Einzelstücke. Ein vollständiges Bild davon, was man in der jeweiligen Gesellschaftsschicht trug, geben sie nicht ab.

In den Umkleidekabinen ist man inzwischen ein paar Jahrzehnte weiter. Eine Kundin probiert einen ärmellosen Overall im Stil der 1970er-Jahre mit passenden weissen Stiefeln. Der «Daddy Cool»-Look passt wie angegossen.

P-O-L-Y-E-S-T-E-R. So geht 70er Style.

P-O-L-Y-E-S-T-E-R. So geht 70er Style. (Bild: Daniela Gschweng)

Allgemeinen Applaus gibt es, als sich auch ihr Partner in einen weissen Polyesteranzug wirft. Mit Platteauschuhen, Hosen mit riesigem Schlag und, natürlich, offenem Hemd.

Darf beim 70er-Jahre-Look nicht fehlen: das passende Schuhwerk für den Herren.

Darf beim 70er-Jahre-Look nicht fehlen: das passende Schuhwerk für den Herren. (Bild: Daniela Gschweng)

Nicht nur das passende Schuhwerk ist Teil des Kostüms. Der Kostümverleiher gibt auch Kurse, in denen er den Teilnehmern beibringt, wie man sich korrekt benimmt, angefangen bei Tischsitten und Begrüssungsritualen. Wer etwas über den perfekten Handkuss lernen will, fragt bei Schlenker nach.

«Der erste Fehler bei Männern ist zumeist, dass sie versuchen, die Hände in die Hosentaschen zu stecken», sagt der Fachmann und schmunzelt. Das ist in fast allen Epochen ein No-Go. «Der nächste beliebte Fehler ist es, die Jacke auszuziehen.»

Passend zum Gesprächsthema kleidet sich eine Frau im Stil der Belle Epoque ein. Zum hoch abschliessenden knöchellangen Wollrock trägt sie eine weisse Bluse, die, das war sehr lange so üblich, hinten geknöpft wird. Dazu passt ein halblanger Wollmantel.

Knöchellanger Rock und weisse Bluse: ein Winter-Outfit der Belle Epoque.

Knöchellanger Rock und weisse Bluse: ein Winter-Outfit der Belle Epoque. (Bild: Daniela Gschweng)

Wenn eine Dame den Rock anheben musste, um eine Treppe hinaufzusteigen, hat sie das nur in sehr dezenter Form getan. Oder sie musste sich mit seitlich angewinkeltem Bein über höhere Stufen fädeln. In die zu dieser Zeit verkehrenden öffentlichen Verkehrsmittel einzusteigen, sei teilweise ganz schön mühsam gewesen, sagt Schlenker.

Ein Historikerverein sei die Kostümszene aber nicht, wird mir von allen Anwesenden versichert. Zukünftiges steht ebenfalls auf dem Programm. Demnächst wird «Pat’s Uniform- und Kostümverleih» beispielsweise mit einen Stand auf der Fantasy-Messe in Basel vertreten sein. Einige der Anwesenden haben bereits Karten.

Beim Gehen fällt mir ein dunkelblaues, schmal geschnittenes Kleid aus den 60er-Jahren auf. Für den Jackie-Style fehlte nur noch die typische Sonnenbrille und passende Schuhe. Und trug man da nicht diese breiten Armbänder? Oder eher schmale Armbanduhren?

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Der Stammtisch in «Pat’s Kostümverleih» findet einmal monatlich statt und wird auf der Homepage des Unternehmens
www.kostueme-bs.ch regelmässig angekündigt. Für Interessierte gibt es dort auch einen Blog, in dem sich viel Wissenswertes über Patrick Schlenkers Projekte, Kostüme und die Zeitgeschichte nachlesen lässt.

Konversation

  1. supi- ich komme nackt, da muss ich mich nicht verkleiden..
    oder als nosferatu mit den ratten im handgepäck…
    und so wie ich aussehe bekomme ich als glöckner von
    notre dame den 1. preis !

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
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