Wochenendlich in der Vatikanstadt

Wer derzeit die letzte Theokratie Europas besucht, kann in alten Geheimarchiven stöbern.

Ah, da schau her: Der Petrus. (Bild: Keystone)

Wer derzeit die letzte Theokratie Europas besucht, kann in alten Geheimarchiven stöbern.

Soll man da hin? Es gibt kein Kino, keine Bar und einen erschreckend hohen Männeranteil. Soll man also? Natürlich. Ab in die Vatikanstadt.

Eine Rundreise im Vatikan hat viele Vorteile. Es gibt viel zu sehen, und das bei guter Luft: Als einziger Staat der Welt ist der Vatikan komplett ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen worden, als einziger kann er eine ausgeglichene CO2-Bilanz vorweisen, und all seine Sehenswürdigkeiten sind zu Fuss zu erreichen: Der Vatikan ist der kleinste Staat der Welt, knapp so gross wie das Basler Gotthelfquartier.

Die rund 3000 Meter lange Mauer dient nicht nur dazu, den Vatikan gegen die bedrohliche Aussenwelt abzuschotten, ob es nun die Sarazenen oder die Aufklärer sind, sondern sie hält auch die Aura des Geheimnisvollen aufrecht: Was intra muros geschieht, hat in der Regel nicht nach aussen zu dringen

Den Segen des Papstes gibt es kostenlos

Zu bestaunen gibt es auch so genügend: die gigantische Sammlung der Vatikanischen Museen oder die monumentalen Kolonnaden um den Petersplatz, die gleichzeitig die Staatsgrenze zu Italien markieren. All das sind keine Geheimtipps, denn was im Vatikan geheim gehalten werden soll, bleibt geheim. Jedoch sind auch andere Gebiete des Kirchenstaates öffentlich zugänglich – wenn man sich im Vorfeld an der richtigen Stelle anmeldet: Mit etwas Geduld und ein paar Telefonanrufen erhält man Zugang zum Grab des Apostels Petrus, des ersten Bischofs zu Rom, gleich unter dem Dom gelegen. Oder in die prachtvollen Vatikanischen Gärten, in Begleitung mit einem Führer der Museen. Und wer das Wochenende bis Mittwoch ausdehnt und sich mit möglichst viel Voraussicht bemüht, erhält eine Karte für die wöchentliche Generalaudienz des Papstes. Kostenlos und mit Schlusssegen.

Diesen Sommer hat der Vatikan den Schleier allerdings selbst ein Stück weit gelüftet: Mit der Ausstellung «Lux In Arcana» macht das Vatikanische Geheimarchiv erstmals hundert Dokumente seines Bestandes für die Öffentlichkeit zugänglich. Zu den bedeutungsvollsten Schriften der Ausstellung in den Kapitolinischen Museen gehören die Exkommunikationsbulle der Kirche gegen Martin Luther, eine 60 Meter lange Pergamentrolle mit den Protokollen des Prozesses gegen die Tempelritter sowie Briefe von Lincoln, Mozart, Michelangelo.

Nach so viel Historie hat man Durst, und während man das Besucherrestaurant in den Vatikanischen Museen getrost umgehen kann, lohnen sich die paar Schritte hinaus: Zwischen Petersplatz und Tiber sowie um die Engelsbrücke herum finden sich einige Pizzerias unter schattigen Bäumen mit gut gefüllten Weinkellern, und auch für die Absacker braucht man nur einige Meter ausserhalb der Vatikanstadt zu gehen: Am Tiberufer gleich unterhalb des mächtigen Castel Sant’Angelo, vor einigen Jahren nichts als öde Uferwege, erstrecken sich drei stilvolle Bars auf den Fluss: schöne Menschen, teure Drinks, Musik von knackigem Retrohouse bis holprigem Sixties-Rock. Feiern mit Stil, in Sichtweite von St. Peter – wer konnte das besser als die Päpste.

  • Anbeissen: Pizza, Fisch und Büffelmozzarella bei L’isola della Pizza
  • Absacken: Auf Flusshöhe im Peugeot River Club bei der Engelsbrücke
  • Anschauen: «Lux In Arcana», Ausstellung des Vatikanischen Geheimarchivs, bis Mitte September.
  • Ausspannen: Die Residenza Paolo VI ist die einzige Übernachtungsmöglichkeit für Touristen im Vatikan – zu katholischen Preisen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 17.08.12

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