Wochenendlich in Kopenhagen

In der Hauptstadt Dänemarks findet man alles, was das Herz begehrt. Mit Berlin kann sie locker mithalten.

In der Hauptstadt Dänemarks findet man alles, was das Herz begehrt. Mit Berlin kann sie locker mithalten.

Die Hauptstadt des kleinen Königreichs lockt nicht durch Grösse. Mit einer Fläche von rund 75 Quadratkilometern ist Kopenhagen elfmal kleiner als Berlin. In der ­dänischen Hauptstadt leben 549 000 Menschen, in Berlin 3,5 Millionen. Beim ­Grössenvergleich zieht die dänische Stadt klar den Kürzeren. Mit der deutschen Hauptstadt kann sie trotzdem problemlos mithalten, und punkto Charme übertrifft Kopenhagen Berlin sogar.

Unser Hotel liegt im Stadtbezirk Vester­bro. Die gleich am Westausgang des Haupt­bahnhofs beginnende Istedgade war seit den 1960er-Jahren Mittelpunkt des Rotlichtlebens Dänemarks. Hier erlebte die Pornoindustrie ihre glorreichen Zeiten, Sexshops sprossen nur so aus dem Boden, und die Prostituierten hatten alle Hände voll zu tun. Vesterbro war derart heruntergekommen, dass die Dänen das Viertel auch «Vesterbronx» nannten. Aber diese Zeiten sind vorbei. Heute ­gilt Vesterbro mit seinen vielen Cafés, Bars, ­Restaurants, Designerläden und Secondhand-Shops als Szenequartier Kopen­hagens. Nur noch an wenigen Ecken sind Prostituierte und Supervibratoren im Schaufenster zu sehen.

Die Kreativen ­haben das Viertel zu einer begehrten Wohnadresse gemacht. Und wer nicht das Privileg hat, in Vesterbro zu leben, stürzt sich hier ins Nachtleben. Das kann man bestens. Wir ­besuchen die Bar «Jolene» am Flaesketorvet – auf einem ehemaligen Schlachthofareal. Ambiente: grossartig! Dass im «Jolene» nur Bier und Shots aus­geschenkt werden, findet man spätestens nach dem Hinweis «This is not a fucking cocktail bar» nebensächlich.

Den nächsten Tag starten wir mit einem Brunch. Brunchen ist in Kopenhagen genauso Kult wie Velofahren. Es gibt kaum ein Café, in dem man nicht ausgiebig und schön frühstücken kann. Sogar ein veganisches Frühstück findet man auf der Speisekarte. Die Dänen mögen es ohnehin sehr gesund. Alles, was sie servieren, scheint «organic» sein zu müssen. Wir schlendern durch den Strøget, die Fussgängerzone ­Kopenhagens. Nichts Spezielles – eine typische Shoppingmeile, wie sie in jeder anderen Stadt zu finden ist. Interessanter und für uns teurer wird es dagegen im Viertel Pisserenden, das ebenfalls in der Innenstadt gelegen ist. Früher war dies ein schäbiges Quartier mit Leuten, die in den Rinnstein pinkelten (daher der Name).
Dann entdeckten Studenten der nahe ­gelegenen Universität das Viertel und zahlreiche Beizen und Läden öffneten in den engen Gassen ihre Türen. Pisserenden gilt als Modequartier: Hier werden Trends ­gesetzt.Wir gehen weiter in den multi­kulturellen Stadtteil Nørrebro, der nordwestlich der Søerne liegt. In der Elmegade liegt ein kleines Designgeschäft neben dem ­anderen. Angetan sind wir aber vor allem von den vielen herzigen Cafés.

Wer Kopenhagen besucht, weiss, wieso sich die Dänen für das glücklichste Volk der Welt halten. Die Mini-Metropole steht für buntes Treiben, fabelhafte Restaurants mit viel Liebe zum Detail, viele Velos und viel, viel Stil.

  • Aufessen: Kokkeriet (Kronprinsesse­gade 6) – ein erstklassiges Gault-Millau-Restaurant (entsprechend auch teuer). 
  • Anschauen: Freistadt Christiania – eine staatlich geduldete autonome Kommune.
  • Ausschlafen: Axel Hotel Guldsmeden – ein wunderschönes Biohotel. Selbst die Badetücher sind aus Biobaumwolle. 
  • Ausgehen: «Jolene» im Stadtteil Vesterbro.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 14.12.12

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