Essen ist Genuss und keine Religion

Sugo oder Superfood? Immer mehr Menschen wollen mit Köpfchen essen. In ihren dogmatischen Ernährungsplänen kommt aber eines zu kurz: der Genuss.

Unterwasser-Paradies. Calamaretti-Chili-Salz-Salat mit Anis,Tomate und Focaccia.

(Bild: Michael Wissing BFF)

Sugo oder Superfood? Immer mehr Menschen wollen mit Köpfchen essen. In ihren dogmatischen Ernährungsplänen kommt aber eines zu kurz: der Genuss.

Essen ist der Megatrend der Stunde. Veganer, Frutarier, Rohkostler und Steinzeitfans diskutieren mit teilweise religiösem Eifer, warum ihre Wahl der Ernährung die einzig richtige ist. Die einen erklären Fleisch zur wichtigsten Verpflegungsform, die anderen das Gegenteil und einige verzichten sogar darauf, tierische Produkte nur schon zu berühren.

Wie neuste Zahlen aus Deutschland zeigen, erleben Koch- und Ernährungszeitschriften, ebensolche Webseiten und TV-Produktionen einen regelrechten Boom. Die Gesellschaft diskutiert in allen Schichten lieber über die schmackhafte Zubereitung von Quorn oder das Aroma eines argentinischen Black-Angus-Filet, als zum Beispiel darüber, dass viele Kinder ob dem Konsum zuckerhaltiger Limonaden Zahnprobleme haben.

Nahrungsmittelproduzenten und Detailhändler reiben sich darob die Hände und überbieten sich mit teuren «Labels» für die jeweiligen Zielgruppen.

Sie analysieren die Bedürfnisse, Hoffnungen und Ängste in Studien genau, intensivieren die Werbung und erzielen so höhere Margen als mit den herkömmlichen Angeboten. Die Anhänger bezahlen diese höheren Preise denn auch ohne mit der Wimper zu zucken, geht es ihnen doch um die Selbstbestimmung an sich und den Versuch richtig zu leben in einer Welt, in der vieles schief läuft. Im weitesten Sinne geht es vermutlich sogar darum, durch eine andere Ernährung einen anderen besseren Menschen zu schaffen.

Auch wenn Ärzte und viele Studien von jeglicher Form von einseitiger Ernährung abraten, lassen sich die Fans einer Ernährungsform nicht davon abbringen. Aber ganz ehrlich: Wenn ich dauernd schauen muss, was ich wann essen darf und was nicht, bleibt der Genuss auf der Strecke. Und das ist fatal, denn, wie es Spitzenköchen Tanja Grandits im Interview ausdrückt, «wenn man geniesst, kommt man zur Ruhe und fühlt sich zufrieden.» Und deshalb können mir alle dogmatischen Ernährungstheorien und Angstmacherstudien gestohlen bleiben.

Konversation

Nächster Artikel