Fetzige Inszenierung, rigide Moral

Rockband und reaktionäre Botschaften: Die Gellertkirche in Basel gilt als eine der erfolgreichsten in der evangelischen Schweiz. Das liegt auch daran, dass sie allen und allem offen steht – sogar äusserst bedenklichen Lehren.

Im Dezember besuchte ich mit meiner Familie das Weihnachtsmusical in der Gellertkirche. Band und Chor spielten fetzige Lieder, die Kinder spielten ihre Rollen beherzt. Seither fragt meine dreijährige Tochter immer wieder: «Mama, gehen wir wieder in die Kirche?»

Ich verstehe sie. Für meine Reportage besuchte ich einen Gottesdienst für junge Erwachsene. Der Abend war inszeniert wie eine Mischung aus Popkonzert und Sinnsucher-Seminar. Die Stimmung zog mich rein, ich wollte mitsingen, mittanzen und dazugehören. Kein Wunder, hat die Gellertkirche jeden Sonntag Hunderte Besucherinnen und Besucher – darunter auch viele Kinder und Jugendliche.

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Doch trotz fetzigem Auftritt verbreitet diese Kirche reaktionäre Botschaften: Nur durch Jesus werde man erlöst, Sex vor der Ehe sei schlecht, homosexuelle Liebe weniger wert und die Berufung einer Frau sei es, Kinder zu gebären!

Ehemalige Kirchenbesucher berichten, dass sie gemobbt wurden – unter anderem wegen Sex vor der Ehe.

Gegen aussen betonen Mitarbeiter der Gellertkirche: «Wir haben alle Menschen gern, auch die, die unehelichen Sex haben.» Innen ist die Atmosphäre aber weniger tolerant. So berichteten ehemalige Kirchenbesucher, dass sie gemobbt wurden – unter anderem wegen Sex vor der Ehe.

Das erinnert stark an evangelikale Freikirchen: Mit Rockbands und Gottesdiensten als Events kreieren sie ein cooles Milieu, das Jugendliche anzieht und sie für rigide Glaubenssätze empfänglich macht.

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Die Gellertkirche ist Mitglied der reaktionären Schweizerischen evangelikalen Allianz, zu der auch viele Freikirchen gehören. Gleichzeitig ist sie Teil der reformierten Landeskirche – und erhält vollen Support durch den Kirchenrat. Das befremdet, denn viele Reformierte erwarten von ihrer Landeskirche eine liberale, tolerante Haltung.

Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn meine Tochter an Gott glaubt und in die Kirche geht. Ich singe mit ihr jeden Abend «Ich ghöre es Glöggli» und spreche mit ihr übers Jesuskindli. Aber mein Kind soll seine sexuelle Identität frei und ohne Schuldgefühle entwickeln können. In der Gellertkirche wäre das nicht möglich.

Dossier Phänomen Gellertkirche

Basel ist Spitzenreiter bei Kirchenaustritten, die Gellertkirche dagegen wird geradezu überrannt. Sie gibt sich modern. Doch hinter der poppigen Inszenierung steckt ein reaktionäres Menschenbild.

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