«Das Totemügerli ist meine halbe AHV»

Franz Hohler wird 70. Wir haben uns mit dem Jubilar über Fantasie, Humor, sein Cello und seine Arbeit unterhalten. Und ihn gefragt, wofür er heute noch auf die Strasse gehen würde.

Ist auch mit 70 bei allem Ernst noch für einen Spass zu haben: Franz Hohler. (Bild: Automat)

Franz Hohler feiert einen runden Geburtstag. Wir haben uns mit dem Jubilar über Fantasie, Humor, sein Cello und seine Arbeit unterhalten. Und ihn gefragt, wofür er heute noch auf die Strasse gehen würde.

Am 1. März wird Franz Hohler, einer der bedeutendsten Schweizer Sprachkünstler und Humoristen, 70 Jahre alt. Urs Widmer sagte über ihn, er sei «ein fantasiegesegneter Realist», Emil Stein­berger meint: «Gäbe es Franz Hohler nicht, müssten wir uns dringend mit der Aufgabe beschäftigen, ihn zu erfinden.»

Zum runden Geburtstag beschenkt uns Hohler mit zwei Publikationen: Das Buch «Der Geisterfahrer» (Luch­terhand) vereint die gesammelten Erzählungen der letzten 40 Jahre, das Hörbuch «Der neue Berg» (Christoph Merian Verlag) enthält die ungekürzte zwölfstündige Lesung im Theater Teufelhof Basel, eine Trouvaille aus dem Jahr 1989. Wir sassen dem unermüdlichen, charismatischen Sprachschelm in seinem Haus in Zürich-­Oerlikon bei einem Glas schwarzen Rauchtee gegenüber.

Franz Hohler, am 1. März werden Sie 70 Jahre alt und feiern dies mit einer Buchvernissage im Zürcher Kaufleuten. Ist das ein Geburtstag, wie Sie ihn sich wünschen?

Es hat sich so ergeben. Ich finde es eine schöne Vorstellung, dass ich an meinem Geburtstag sagen kann: Voilà, das sind meine gesammelten Erzählungen. Früher, als ich noch mit Bühnenprogrammen aufgetreten bin, habe ich sehr häufig ensuite Gastspiele gegeben und zwei, drei Wochen am Stück gespielt. Da war der 1. März oft darunter. Es ist für mich also kein Novum, am Geburtstag aufzutreten. Es wird aber sicher auch ein privates Fest geben.

Sie sagten mal, die Fantasie sei für Sie eine Art menschliches Organ. Wann haben Sie dieses an sich entdeckt?

Ich habe es in der Zeit entdeckt, in der es alle entdecken: in der Kindheit. Dann ist das Fantasieorgan viel stärker ausgeprägt als im Erwachsenenalter. Mir ist es ein Anliegen, dieses Organ nicht verkümmern zu lassen, sondern es zu erhalten und zu pflegen, ihm Sorge zu tragen und sich mit ihm zu beschäftigen… Kinder müssen ja erst in die Wirklichkeit eingeschult werden. Müssen lernen, dass ein Fisch schwimmt, dass ein Vogel fliegt, dass ein Auto fährt, schnell fährt sogar und auch gefährlich sein kann, dass man bei rot die Ampel nicht überqueren darf etc. Die Wirklichkeit, könnte man sagen, wird ein Stück weit zu einer Konkurrentin für die Fantasie und verdrängt sie allmählich; weil man lernt, dass man sich im Leben behaupten muss, wenn es seine realen Ansprüche an einen stellt. Gleichzeitig sind ohne Fantasie keine Fortschritte möglich, keine Erfindungen. Die Fantasie ist ja auch die Welt, die wir sehen, wenn wir die Augen schliessen. Die Neugier, welche die Fantasie stets begleitet, hat für mich übrigens auch Organcharakter. Sie belebt den Vitalitätshaushalt des Menschen, sie ernährt ihn mit etwas sehr Wesentlichem, nämlich mit Denk- und Vorstellungskraft.

Ist Ihr Schaffen ein Beitrag an die Rückschulung der Erwachsenen in die Fantasie?

Besser könnte ich es nicht ausdrücken, eine Rückschulung, ja (lacht vergnügt). Aber Sie haben ja eigentlich gefragt, wann ich auf die Fan­tasie aufmerksam geworden bin. Sobald ich lesen konnte, fing ich auch an, zu schreiben. Als Kantonsschüler schickte ich dann Geschichten und Reiseberichte ans «Oltner Tagblatt» und wurde prompt ermuntert, wei­tere Texte zu schreiben. Es war eine wichtige Feststellung für mich, dass man mitmachen und dabei sein kann, indem man schreibt. Die Fantasie ist mir nun seit der Kindheit eine treue Begleiterin geblieben. ­Wobei ich nicht weiss, ob ich mehr Fantasie habe als andere. Ich glaube, es geht mehr darum, sie überhaupt zu benutzen. Auch mir fällt bei ­Weitem nicht für jedes Problem eine fantasievolle Lösung ein.

«Die Fantasie ist mir nun seit der Kindheit eine treue Begleiterin geblieben.»

Sie wurden Kabarettist, Sati­riker, Musiker, Kinderbuchautor, Lyriker, Romanautor – überschlägt sich Ihre Fantasie ­zuweilen? Gibt es Ideen, die Sie zurücklassen müssen?

Nein, eigentlich nicht. Ich mache gerne verschiedene Dinge. Im Sport wäre ich wohl am ehesten ein Zehnkämpfer und in der Landwirtschaft würde ich sicherlich keine Monokulturen anpflanzen, in der Medizin wäre ich lieber Allgemeinpraktiker als Spezialist. Es belebt meine Arbeit, mich in verschiedenen Formen zu versuchen… und nicht immer nur das zu machen, was man schon kann, trägt dazu bei, nicht in Routine zu verfallen.

Welches Ereignis mit Sprache ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

(Überlegt sehr lange) Ich bin vor langer Zeit in Israel aufgetreten, mit einem Bühnenprogramm in Deutsch. Das war in den 1970er-Jahren, als noch viele Leute dort lebten, denen die Flucht vor dem Holocaust gelungen war. Es war eine Zeit, in der deutsche Künstler kaum nach Israel gereist sind. Die Berührungsangst mit Deutschland war immer noch ­gewaltig. Gleichzeitig war Deutsch für diese Menschen im Publikum eine vertraute Sprache, in der sie gerne wieder einmal etwas hörten. Ich war aber mit einem Bühnenmeister konfrontiert, der weder Deutsch noch Englisch sprach. Also versuchte ich es mit Französisch und Italienisch, da ich kein Hebräisch konnte. Am Schluss habe ich ihn gefragt, ob er Jiddisch spreche. Ja, sagte er, ­Jiddisch, natürlich! Woraufhin wir uns in Jiddisch und Schweizerdeutsch unterhalten haben. Zwei Sprachen, die sich so nahe sind, dass man wie ins Nachbarhaus hinüberrufen kann, und es kommt etwas zurück. Das war ein schönes Erlebnis für mich, diese Verbundenheit zu spüren über Sprache.

Gibt es auch Momente, in denen Sie an der Sprache verzweifeln?

Für den Autoren, der die Sprache als Hauptausdrucksmittel benutzt, hat sie zuweilen ihre Tücken, wenn man etwa an Übersetzungen denkt. Geschichten sind ja sehr fragile Gebilde. Ein Übersetzer muss jede Spannung erfassen können, die auf eine Pointe zuläuft oder eine überraschende Wendung. Wenn diese Feinfühligkeit in einer Übersetzung fehlt, fängt man als Autor an, die Musiker zu beneiden, die Tänzer, Pantomimen. Sie sprechen eine Weltsprache. Auch die bildende Kunst, alles, was sich zwischen Malerei, Skulptur und Installation bewegt, ist eine Weltsprache.

Sie sprechen die Musik als Weltsprache an. Sie selbst sind ja auch Musiker und treten mit dem Cello Ihres Grossvaters auf. Was bedeutet Ihnen dieses ­Instrument? Und was bedeutet Ihnen die Musik für Ihr Schreiben, Ihr Fantasieren?

Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Musik eine Selbstverständlichkeit war. Meine Mutter war eine sehr gute Geigerin. Als Kind, beim Einschlafen, habe ich immer sehr gemocht, wenn meine Mutter unten noch Geige spielte. Das löste in mir ein Gefühl von Geborgenheit aus. Die Musik ist für mich eine Art Muttersprache. Es war auch immer klar, dass ich ein Instrument lernen würde. Als meine Mutter mir sagte, es gäbe noch das Cello vom Grossvater, habe ich mich als Zehnjähriger sofort für dieses Instrument entschieden. Mein Grossvater, der eine sehr schwere Jugend gehabt hatte, wollte, als die Familie da war, etwas für sich selbst tun. Er beschloss, ein Instrument zu lernen, und hat sich beim Geigenbauer ein Cello bauen lassen. Als er aber damit in die Stunde ging, sagte ihm der Lehrer, seine Hände seien zu klein für die Griffe, er werde nie den kleinen Finger weit genug abspreizen können. Ich spiele heute noch auf diesem Cello, hatte nie ein anderes. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich könne etwas verwirklichen, was mein Grossvater gerne gemacht ­hätte; ein bisschen spiele und singe ich immer auch für ihn.

Ihr Schaffen ist auch von linkspolitischem Engagement geprägt. Immer wieder haben Sie aufbegehrt: gegen die Atomkraft, die verschärften Asylgesetze oder die Engstir­nigkeit des Kultur­betriebs. Wofür würden Sie heute auf die Strasse gehen?

Das letzte Mal war ich vor einem Jahr auf einer Veranstaltung von ­Occupy Paradeplatz in Gedenken an Fukushima. Da bin ich als Restrisiko aufgetreten. Aber es zieht mich heute sicherlich weniger auf die Strasse als früher. Es ist wohl irgendetwas zwischen Altersschwäche und Alters­weisheit, wenn ich denke: das muss jetzt nicht unbedingt sein, das sollen die Jüngeren machen. Ich schliesse es nicht aus, auf die Strasse zu gehen, aber ich kann nicht voraussagen, wofür oder wo­gegen. Wenn man mal einen Namen hat, wird man sehr oft um Unterstützung gebeten. Aber wenn ich mich zu ­einer bestimmten politischen Situation äussere, verlange ich von mir qualifizierte Antworten; das heisst, ich muss mich mit einem Problem so auseinandersetzen, dass es mir ­möglich ist, fundiert zu argumen­tieren. Das kann und will ich nicht mehr immer leisten.

«Vor einem Jahr trat ich in Gedenken an Fukushima auf – als Restrisiko.»

Hat sich demnach die Haltung hinter Ihrem Schreiben über die Jahre verändert?

Zu der Zeit als ich noch Bühnen­programme und satirische Fernsehsendungen gemacht habe, richteten meine Texte den Scheinwerfer eher auf Gegenwartsprobleme. Mittlerweile ist dieser Aspekt ein wenig in den Hintergrund getreten. Stattdessen lasse ich mich öfter von Motiven und Ideen leiten, die mir begegnen. Die erste Geschichte in meinem letzten Erzählband «Der Stein» handelt von einem Präsidenten, der ein junges, zugelaufenes Kätzchen nicht mehr los wird. Diese Idee stammt aus einem persönlichen Erlebnis. Ich habe mir überlegt, wer so ein Kätzchen am allerwenigsten gebrauchen könnte (lacht). Grundsätzlich vertraue ich beim Schreiben einfach darauf, dass jede meiner Ideen ihren eigenen Sinn hat.

Viele Ihrer früheren Texte sind immer noch sehr beliebt. Ich erinnere mich daran, dass ich noch vor Ihrem Namen das «Totemügerli» gekannt habe. Mein Vater konnte es auswendig und musste es mir ständig vorspielen. Werden Sie dieser Klassiker manchmal überdrüssig?

Nein, ich habe immer noch grossen Spass daran, das «Totemügerli» vorzutragen. Aber ich möchte natürlich nicht darauf reduziert werden. Ich hätte nie gedacht, dass diese zwei Süffel, der «Schöppelimunggi» und der «Houderebäseler», so gut arbeiten für mich. Das «Totemügerli» ist meine halbe AHV (lacht)!

Nicht nur das «Totemügerli», fast alle Ihre Texte suchen das Unvertraute im Alltag, die dunklen Flecken am Bildrand der Wahrnehmung. Und trotzdem schaffen Sie es, diesen hintergründigen Ernst mit einer Leichtigkeit zugänglich zu machen. Sind Sie jemand, der das Leben grundsätzlich leicht nimmt?

Seit der Antike versucht man ja, die Menschen einzuteilen in Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker, Phlegmatiker; und man könnte bestimmt noch zehn andere Rubriken eröffnen. Wenn ich mich da irgendwo einteilen müsste, wäre ich wohl schon unter jenen, die etwas auch leicht nehmen können. Ich wäre aber auch unter jenen, die das Leben ernst nehmen, und zwar das ganze Leben. Denn ich bin an einem Humor interessiert, bei dem ein Schatten mitläuft. Oberflächenhumor interessiert mich nicht. Es geht mir immer um den ganzen Menschen. Wenn man traurig ist, soll man traurig sein. Es ist nur dann schwer, wenn man von einem Teil des Lebens überwältigt wird, etwa, wenn man in eine Depression gerät. Ich will nicht sagen, dass die Depression mir nicht vertraut wäre. Aber es ist mir auch die Gegenkraft vertraut.

Viele der Aufbegehrenden der 1960er-Jahre sind Bünzli ­geworden. Wie gelingt es Ihnen, das zu vermeiden?

(Lacht) Sie finden also, ich sei kein Bünzli geworden! Das ist doch schön zu hören, gerade von der jüngeren Generation! Ich entdecke diese Züge allerdings auch an mir. Ein zunehmendes Bedürfnis aufzuräumen zum Beispiel. Ich bin sehr gerne in der Küche. Nach einer Einladung mag ich es, abzuwaschen und die Dinge an ihren Platz zurückzulegen, freue mich an der schönen Ordnung in der Besteckschublade … Generell ist es auch gefährlich, wenn man, wie ich, 34 Jahre lang am selben Ort lebt, und dann noch unter guten Bedingungen, in einem schönen Haus; die Perspektive kann einseitig werden. Deshalb bin ich immer gerne gereist, auch dorthin, wo die Bedingungen weniger gut sind: «Dene, wos guet geit, giengs besser, giengs dene ­besser, wos weniger guet geit.» Man neigt dazu, den Status quo fest­zuhalten. Das sind die Gefahren. Da droht der Bünzli.

Aber Ihre Geschichten arbeiten ja fest gegen dieses Verharren im Status quo.

Ja, eben, Ihre Frage war ja: Wie kann man gegenwirken? Einerseits denke ich mir andere Weltformen aus, andere Geschichten. Andererseits versuche ich aber auch, ein offenes Auge zu behalten für das, was rundherum passiert, auch für die Veränderungen. Es ist wichtig, auf Veränderungen gefasst zu sein, mit ihnen zu rechnen. Vielleicht kommt eine Veränderung auch von einem ganz anderen Ort, als wir vermuten. Wer weiss, wie das geht, wenn wieder ein Asteroid an uns vorbeisaust… Jeder ist naiv, der meint, die geologische Entwicklung der Erde sei abgeschlossen, nur weil wir Lokomotiven bauen und Flughäfen und Atomkraftwerke und Fabriken und grosse Städte wie San Francisco, das mitten auf der Andreasfalte steht!

Mal abgesehen von einem Asteroiden: Haben Sie je daran gedacht, mit dem Schreiben aufzuhören?

Bis jetzt nicht, nein. Einfach, weil mir immer wieder etwas eingefallen ist. Aber ich habe mir natürlich auch schon überlegt, wie lange das so weitergehen wird. Wir leben ja in einem Arbeitssystem, in dem man sich mit 65 Jahren aus dem Arbeitsleben verabschiedet. Für  die einen kann das eine grosse Erleichterung sein. Ich finde, einer, der auf dem Bau arbeitet, sollte niemals bis 65 arbeiten müssen. Aber für andere wiederum ist es gar keine Freude, sich von der Arbeit zu verabschieden. Ich bin ja auch im AHV-Alter, eigentlich pensioniert, aber ich merke es nicht. Schreiben ist auch ein Laster. Und ein Laster legt man halt nie ganz ab.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 22.02.13

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